Mittwoch, 9. Juli 2014

Rezension: Das Haupt der Welt von Rebecca Gablé



Genre: Historischer Roman
mit Illustrationen von Jürgen Speh

Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 861
Hardcover: 26,- €
ebook: 18,99 €

1. Auflage: Okt 2013

Website der Autorin





"Gott hat die Menschen in drei Gruppen eingeteilt, Hermann: die Priester, die das 
Bindeglied zwischen Gott und den Menschen sind und uns sein Wort erklären. 
Die Bauern, Handwerker und so weiter, die uns ernähren und kleiden. Und die Krieger, 
die die anderen beiden Gruppen beschützen. Das sind wir." [...] "Die Starken nehmen, 
und die Schwachen geben. Das ist die Ordnung der Welt, Otto." S. 216


Zum Inhalt

Es beginnt im Januar 929 a. d.

Für den Slawenfürsten Vaclavic und seine Söhne Bolitut und Tugomir sieht es nicht gut aus, denn die Brandenburg wird von den Sachsen belagert. König Heinrich und sein Sohn Otto wollen den heidnischen Slawen den rechten Glauben beibringen und die Ostgrenze zu ihrem Reich sichern.
Sie überrennen die Brandenburg und nehmen Tugomir und seine Schwester Dragomira als Geisel, um sich die Unterwerfung des hevellischen Fürsten zu sichern. Doch Otto findet schnell Gefallen an der jungen Fürstentochter und schon bald erwartet Dragomira sein Kind.

König Heinrich hat allerdings ganz andere Pläne mit seinem Sohn und das Schicksal Dragomiras scheint besiegelt. Ihr Bruder Tugomir verzweifelt beinahe an den Grausamkeiten des Krieges, die tiefe Spuren in ihm hinterlassen hat, doch seine Gefangenschaft in der Pfalz König Heinrichs entwickelt sich ganz anders, als er gedacht hat.

Meine Meinung

Gleich zu Beginn in der dramatis personae sind mir die ungewöhnlichen Namen der Figuren aufgefallen. Ich kenne die meisten historischen Romane der Autorin, die sich in Englands Vergangenheit abspielen und war sehr gespannt auf einen Blick der fränkisch-sächsischen Geschichte.

Wie immer hat es Rebecca Gablé geschafft, mich mit ihrer überzeugenden und wunderschönen Sprache zu fesseln. Sobald man sich nach den ersten Seiten in diese "Zeit" eingelesen hat, ist es faszinierend, wie bildreich und packend sie die geschichtlichen Fakten erzählen kann. Während dem Lesen konnte ich völlig in dieser von Krieg und Brutalität geprägten Welt eintauchen, die sie sehr wohl dosiert und anschaulich beschreibt.

Im Vordergrund stehen der junge Königssohn Otto, sein älterer, im Schatten stehender Bruder Thankmar, der gefangene Hevellerfürst Tugomir und dessen Schwester Dragomira. Die Handlung wird abwechselnd aus ihrer Sicht erzählt und gibt so einen sehr eindringlichen Blick in ihre Persönlichkeit und Entwicklung.
Fürst Otto ist der zweite Sohn von König Heinrich, erfährt aber von seinem Vater stets eine Bevorzugung. Sein Werdegang ist geprägt von den hochstrebenden Zielen seines Vaters und sein Mitgefühl weicht durch die grausamen Ereignisse seiner Zeit.
Sein Bruder Thankmar steht ihm trotz seiner Benachteiligung durch den Vater immer zur Seite. Er ist provokanter als Otto, spöttisch und leichtsinnig, spricht dem Wein zu und ist ein Weiberheld - hat aber trotzdem sein Herz am rechten Fleck und wird dem Slawenfürsten Tugomir ein verlässlicher Freund. 
Diesen quält das Heimweh in seiner Gefangenschaft und er kann sich mit dem Glauben an den "Buchgott" der Sachsen nicht anfreunden. Aber er ist auch gefangen in seiner Wut und Hoffnungslosigkeit und erst, als er sich seiner Gabe als Heiler besinnt, findet er eine Möglichkeit, seinem Leben in der schutzlosen Fremde wieder einen Sinn zu geben.

"Doch er musste es wenigstens versuchen, ganz gleich ob Sachse oder Slawe, 
Mann oder Frau, Fürst oder Sklave, denn wenn er seine Hilfe verwehrte, 
war er auch kein Heiler mehr. Und was blieb ihm dann noch? S. 226

Ganz anders seine Schwester Dragomira, die einen Bastard von Otto erwartet. Sie erkennt schnell, wie sie sich mit ihrer Verwahrung arrangieren muss und lernt, mit ihren Möglichkeiten neue Wege zu gehen.

Der ganze Schauplatz ist sehr detailgetreu beschrieben, sei es die Mode, die Baukunst, die Machtverhältnisse, die Heilkunst und auch die Religion auf beiden Seiten. Sehr schön fand ich auch den Einblick in den Glauben der Slawen über ihre Götter, Opfergaben, Elementargeister und Visionen.

"Bruder Waldereds Gott hingegen, der sich nicht in Sonne und Mond, Wasser und Erde, 
Feuer und Luft zeigte, sondern in einem eigenartigen Ding zu leben schien, 
das die Sachsen Buch nannten und dessen Geheimnisse nur seine Priester kannten - 
dieser war kein Gott der einfachen Menschen." S. 120

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die den Zeitraum von 929 bis 941 erfassen, jeder neue Teil wird mit einem typischen, mittelalterlichen Bild eingeleitet und natürlich gibt es wieder ein interessantes Nachwort über die realen Hintergründe.

Zusammengefasst

Thematik: Das Leben in den Wirren des Krieges und dem Machtkampf im 10. Jahrhundert
Schreibstil: flüssig und detailreich, zur Epoche passend
Charaktere: alle Figuren glaubhaft und überzeugend
Spannung: mich hat alles gefesselt
Umsetzung: gut recherchiert und mit viel Liebe in Szene gesetzt

Fazit

Wieder einmal ein spannender, gut ausgearbeiteter Ausflug in die Geschichte, der trotz der knapp 800 Seiten nicht langweilig wird. Rebecca Gablé versteht es wunderbar, die historischen Fakten in eine unterhaltsame, fesselnde Handlung zu packen, die einen völlig in diese brutale, ja fremdartige Welt eintauchen lässt. Eine klare Leseempfehlung für alle Fans gut recherchierter, authentischer Geschichte mit einem Schuss Fiktion und Romantik. 


Bewertung


© Aleshanee


Cover
© Bastei Lübbe
Über die Autorin: Rebecca Gablé, Jahrgang 1964, in einer Kleinstadt am Niederrhein geboren, studierte nach mehrjähriger Berufstätigkeit Anglistik und Germanistik mit Schwerpunkt Mediävistik in Düsseldorf. Heute arbeitet sie als freie Autorin und Literaturübersetzerin. Ihr erster Roman "Jagdfieber" wurde 1996 für den Glauser-Krimipreis nominiert. Wenn sie nicht gerade an einem Roman schreibt, reist sie gern und viel, vor allem in die USA und nach England, außerdem gehört sie dem Autorenkreis historischer Romane "Quo Vadis" an. Neben der Literatur gilt ihr Interesse der (mittelalterlichen) Geschichte, dem Theater und vor allem der Musik, in fast jeder Erscheinungsform. Rebecca Gablé spielt Klavier, Gitarre, Cello und singt seit vielen Jahren in einer Rockband. Mit ihrem Mann lebt sie unweit von Mönchengladbach auf dem Land.
Quelle: Bastei Lübbe

Kommentare:

  1. Ist schon auf meine WuLi gewandert, dabei muss ich erstmal noch die 3 Bücher der Waringham-Saga von Rebecca Gable von meinem SuB lesen. Ich lese ja total gerne historische Romane. Sehr schöne Rezi von dir:)
    Liebe Grüße:)

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    1. Danke!
      Bei der Autorin kann an eigentlich nichts falsch machen :)

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  2. So,
    eine wirklich toll geschriebene Rezension. Ich finde du schaffst es immer perfekt die wichtigsten Punkte zusammenzufassen und alles noch gebündelt rüberzubringen. Dennoch glaube ich nicht, dass ich dieses Buch in naher Zukunft lesen werde... Dafür warten einfach noch so viele andere Schätze auf mich :)

    <3 Nadine

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  3. Hi,
    Mit jedem Roman von dieser Autorin, den du rezensierst, hab ich mehr Lust darauf, auch mal einen ihrer Romane zu lesen. Dieser klingt auch wieder unheimlich interessant!
    Liebe Grüße
    Alesha

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