Samstag, 11. Oktober 2014

Rezension: Hiobs Brüder von Rebecca Gablé


Genre: Historischer Roman

Verlag: Bastei Lübbe

Seitenzahl: 907

Taschenbuch: 9,99 €
ebook: 8,49 €

1. Auflage: Mai 2011

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Zum Inhalt

Anno 1147, an der Küste von England

Simon de Clare ist 15 Jahre alt, als er von den Mönchen des St. Pancras Klosters auf die "Insel der Verdammten" verfrachtet wird. In der dortigen, leerstehenden Festung werden die Ausgestoßenen eingesperrt, all diejenigen, die von der Bevölkerung und vom Adel als nicht würdig betrachtet werden, unter dem Volk zu leben.
Simon hat die "Fallsucht", zu vergleichen mit Epilepsie, was zur damaligen Zeit oft mit Bessenheit verwechselt wurde und viele Menschen in  Furcht und Schrecken versetzt hat. Doch während Simon selbst verzweifelt und voller Angst hinter den verschlossenen Mauern auf der Insel landet, wird er entgegen seiner Befürchtungen freundlich aufgenommen.

Mit ihm zusammen fristen 16 Menschen dort ihr Dasein: Narren, Krüppel und Mißgeburten, von der Gesellschaft weggesperrt und dazu verdammt, ihr restliches Leben hinter den kargen Mauern zu fristen. Es ist ein bunt gemischter Haufen, der es trotz der aussichtslosen Lage geschafft hat, eine Art Gemeinschaft zu führen - soweit es unter diesen Umständen möglich ist.

Vor allem Losian hat es Simon angetan. Er ist etwa 10 Jahre älter als der junge Bursche und scheint von höherer Herkunft zu sein. Doch Losian hat sein Gedächtnis verloren - er kann sich an nichts aus seiner Vergangenheit erinnern. Trotzdem respektieren ihn alle anderen, sie vertrauen ihm, denn er schafft es, unter ihnen für ein gewisses Maß an Ordnung zu sorgen.

Aber dann passiert eines Tages ein großes Unglück, das einigen von ihnen zur Freiheit verhelfen könnte - doch nicht jeder von ihnen hat den Mut, diese Chance zu ergreifen.

Meine Meinung

Endlich wieder ein historischer Roman und dann auch noch von Rebecca Gablé. Ich liebe ihre Bücher und dieser Einzelband steht den anderen in nichts nach!
Von Anfang an konnte ich wunderbar in die Geschichte eintauchen, die aus den Perspektiven von Losian und Simon erzählt wird. Der Schreibstil ist wieder wunderbar an die Zeit von damals angepasst und ist sehr angenehm zu lesen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was mich daran immer so fesselt, aber sie schafft es jedes Mal, mich von der ersten Seite an mitzureißen.

Die Charaktere, die hier auf der Insel zusammengepfercht leben müssen, sind sehr skurril und lebendig erzählt.
Die beiden Hauptfiguren sind der junge, etwas arrogante Simon de Clare und Losian, der nur aufgrund seines fehlenden Gedächtnisses in dem Gefängnis gelandet ist.
Simon hält sich wegen seiner Herkunft für etwas besseres, kann sich aber recht schnell in diese ungewöhnliche Gesellschaft einfügen und will sich lange nicht eingestehen, dass er die anderen doch ins Herz geschlossen hat. Sein hilfloser Zorn macht ihn stark und zeigt eine große Entwicklung, die nicht nur für die anderen, sondern für ganz England eine große Bedeutung haben wird.
Losians Vergangenheit ist ein Rätsel und so gern er ihr auch auf den Grund gehen würde, macht sie ihm Angst. Manchmal überraschen ihn Kleinigkeiten, die er an sich bemerkt und die er mit einer Selbstverständlichkeit ausführt, die ihn erschreckt. Es sind keine vertrauten Gefühle, eher Instinkte, die seine Handlung oftmals beeinflussen und ihm den Menschen, der er einmal war, bekannter und abschreckender machen. Da er keine Erinnerung hat ist er sehr unbedarft und erfrischend ehrlich und stößt damit so manchem vor den Kopf, was ihn mir sehr sympathisch macht!
Die Offenbarung der Wahrheit wird für Losian schließlich ein harter Schlag und es wird nicht leicht für ihn, sich seinem früheren Selbst anzunähern.

Aber auch die anderen Figuren sind sehr interessant und hinter jeder Fassade steckt ein Kampf, ein Hadern mit dem Schicksal, eine Last aus der Vergangenheit.
Da wären zum Beispiel die Zwillinge Wulfric und Godric, die an der Hüfte zusammen gewachsen sind. Sie haben sich gut mit ihrem harten Los arrangiert und zeigen viel Humor und Bereitschaft, für die anderen einzustehen.
Der selbsternannte "King Edmund" ist der geistliche Beistand der Gruppe, ein Prediger, der sich für den verstorbenen, angelsächsischen Märtyrerkönig hält, den die Heiden vor langer Zeit abgeschlachtet haben - doch er hält so manche Weisheit für die Gefährten bereit.
Luke, ein alter Mann, der die feste Überzeugung hat, dass sich eine Schlange in seinem Bauch eingenistet hat, die ihn jederzeit von innen auffressen könnte und Oswald, dessen geistige Behinderung dem Down-Syndrom ähnelt.
Aber auch ein sehr schlauer, gefährlicher Mann befindet sich unter ihnen, Reginald de Warenne, ein Vergewaltiger und Serienmörder, vor dem sich jeder ständig in Acht nehmen muss.

"Der Normanne an der Kette war ihnen der unheimlichste an dieser eigentümlichen Schar. 
Er sprach wie ein Lord und sah aus wie ein verrückter Eremit." S. 113

Die Zukunft dieser unterschiedlichen Charaktere hält nicht das bereit, was sie erwartet hatten. Auf ihrem Weg begegnen ihnen viele Hindernisse, aber auch Menschen, die ihnen wohlgesonnen sind und weiterhelfen.
Ich fand es sehr schön, wie die Autorin hier zeigt, dass auch außergewöhnliche Menschen mit einem Handicap etwas Besonderes sind, das Herz am rechten Fleck haben und viel zum Leben beitragen können.
Auch das Verhältnis der Juden und Christen zur damaligen Zeit spielt eine Rolle und zeigt, wie wenig wir doch in diesen vielen Jahrhunderten dazu gelernt haben und macht gleichzeitig Mut, weil es immer wieder Menschen gibt, die aufeinander zugehen, ganz gleich, welches Aussehen man hat oder welcher Religion man angehört.

Einiges war vorhersehbar, aber es gibt auch viele überraschende Wendungen. Ich konnte wieder mal richtig in diese mittelalterliche Welt eintauchen, die die Autorin mit viel Hintergrundwissen und Liebe zum Detail erzählt. Die Spannung steigt durchweg an und hab bis zum Schluss mitgefiebert, auch wenn mir das Ende schon klar war.

Zusammengefasst

Thematik: Die Fassade der Äußerlichkeit der Menschen und die Kriegstreiberei im England des 12. Jahrhunderts
Schreibstil: sprachlich angepasst und dabei angenehm flüssig
Charaktere: abwechslungsreich, amüsant und ganz anders als erwartet
Spannung: fängt langsam an und steigert sich bis zum Schluss
Umsetzung: super recherchiert, tolle Charaktere und eine überraschende Handlung, die fesselt

Fazit

Wieder ein wunderbar berührender und spannender Ausflug ins Mittelalter, den Rebecca Gablé so meisterlich zu erzählen versteht. Farbenprächtig und grausam zeichnet sie inmitten der historischen Kriege Schicksale, die mich gefesselt und bewegt haben. Ein Muss für alle Mittelalter Fans!

Bewertung

© Aleshanee



Cover
© Bastei Lübbe
Über die Autorin: Rebecca Gablé, Jahrgang 1964, in einer Kleinstadt am Niederrhein geboren, studierte nach mehrjähriger Berufstätigkeit Anglistik und Germanistik mit Schwerpunkt Mediävistik in Düsseldorf. Sie wirkte an einem Projekt zur Erforschung anglonormannischer Manuskripte mit. Diese Forschungsergebnisse flossen in ihre weitere literarische Arbeit mit ein. Heute arbeitet sie als freie Autorin und Literaturübersetzerin. Ihr erster Roman "Jagdfieber" wurde 1996 für den Glauser-Krimipreis nominiert. Wenn sie nicht gerade an einem Roman schreibt, reist sie gern und viel, vor allem in die USA und nach England, oft auch zu Recherchezwecken. Außerdem gehört sie dem Autorenkreis historischer Romane "Quo Vadis" an. Neben der Literatur gilt ihr Interesse der (mittelalterlichen) Geschichte, dem Theater und vor allem der Musik, in fast jeder Erscheinungsform. Rebecca Gablé spielt Klavier, Gitarre, Cello und singt seit vielen Jahren in einer Rockband. Mit ihrem Mann lebt sie unweit von Mönchengladbach auf dem Land.
Quelle: Bastei Lübbe Verlag

Kommentare:

  1. Liebe Aleshanee,
    es freut mich, dass dir "Hiobs Brüder" auch so gut gefallen hat. Ich finde, es ist eins der besten Bücher Rebecca Gablés und ich teile deine Begeisterung absolut. Ein Buch, bei dem man mal wieder so richtig ins MIttelalter abtauchen kann. Schöne Rezension!
    Liebe Grüße
    Sabine

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  2. OMG das Buch kenne ich sogar mal! War mein erstes von Rebecca Gablé und ich finde wirklich sie schreibt so toll!

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  3. Mein Favorit ist immer noch Das Lächeln der Fortuna, aber Hiobs Brüder hat mir als Einzelband sehr gefallen!, auch wenn das jetzt schon eine Weile her ist... Ich habe noch zwei ungelesene Gablés im Schrank, die ich endlich mal zur Hand nehmen muss.
    Sehr schöne Rezension. Du hast viele Dinge gesagt, die ich auch so eingeschätzt habe. Bis zum nächsten Gablé! ^^

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