Kein Genre hat es mir bisher so schwer gemacht, eine klare Definition zu finden!
Belletristik und Romane – das sind im Grunde die großen Oberbegriffe für alle fiktionalen, also frei erfundenen Geschichten. Biografien, Sach- und Fachbücher gehören folglich nicht dazu.
Witzigerweise sind aber auf vielen Plattformen alle Bücher, die nicht in so klassische Genres wie Krimi / Fantasy / Science Fiction / Kinderbücher etc passen, alle unter dem Begriff Belletristik oder Roman gelistet ^^ und - noch witziger, unter dem Label "Literatur" :D
Ich hab ja bei dem Wort "Roman" immer an Frauengeschichten gedacht, an Liebesromane oder auch Abenteuergeschichten. Das waren und sind für mich "Romane". Wie ich darauf gekommen bin... keine Ahnung :D
Jedenfalls gibt es ja eine Menge an Geschichten, die in der heutigen Zeit spielen, in denen es sich um Beziehungen dreht, um Sorgen, den Alltag, um Freundschaften, berufliche Werdegänge, um Liebe in all ihren Facetten - dazu Romane über Generationen, um Frauenschicksale ...
Weil ich mich in diesem Bereich selbst erst einmal orientieren musste, bin ich über etwas Wichtiges gestolpert: Wir müssen zwischen Genres (dem Inhalt eines Buches, wie Fantasy oder Krimi) und Epochen (dem Zeitraum, in dem ein Buch geschrieben wurde) unterscheiden.
Um zu verstehen, warum manche Klassiker (wie Virginia Woolf oder Isabel Allende) heute nicht mehr unter "Contemporary" laufen, hilft ein Blick auf die großen literarischen Epochen der Geschichte:
- Barock & Aufklärung (ca. 1600–1800): Von Todesangst im Krieg bis hin zur reinen Vernunft und Moral.
- Sturm und Drang & Klassik (ca. 1765–1805): Große Gefühle, Rebellion und die Suche nach Harmonie (Goethe & Schiller).
- Romantik & Realismus (ca. 1795–1890): Die Flucht in Traumwelten versus die ungeschönte Abbildung der Wirklichkeit.
- Klassische Moderne (ca. 1890–1933): Radikaler Bruch mit Traditionen und psychologische Experimente (hier gehört Virginia Woolf hin!).
- Postmoderne (ca. 1960–2000): Ein wildes Spiel mit Stilen und Ironie (hier entstand z. B. der Magische Realismus).
- Gegenwartsliteratur / Contemporary (ab ca. 1990 bis heute): Unsere aktuelle Epoche!
Google sagt dazu: Es ist die Gesamtheit der literarischen Werke, die von aktuell lebenden Autorinnen und Autoren verfasst werden. Sie spiegelt die Lebenswelt, das Denken, die Trends und die Probleme unserer heutigen Zeit wider.
Ein Begriff, der mir dabei auch ständig im Kopf herumgeistert, ist das „Drama“. Rein wissenschaftlich meint man damit ja eigentlich Theaterstücke.Ich meine damit aber hochemotionale, oft tragische Geschichten voller Schicksalsschläge und ohne garantiertes Happy End. Und genau dieses emotionale Lebens-Drama ist ein Teil der heutigen Gegenwartsliteratur!Ein perfektes Beispiel dafür, wie fließend diese Grenzen im echten Leben sind, ist für mich der Kult-Klassiker -> Einer flog über das Kuckucksnest von Ken Kesey.Ich hätte es schlicht als intensives, psychologisches Drama bezeichnetEs startet aber als packender Roman (Epik), wird dann zu einem extrem erfolgreichen Theaterstück umgeschrieben (dem klassischen Drama) und feiert schließlich als einer der berühmtesten Filme aller Zeiten (Literaturverfilmung) Kinogeschichte. Inhaltlich ist es übrigens ein knallharter Gesellschaftsroman, der Machtstrukturen und den Druck unseres Systems seziert.
Und ja, ich weiß: Geschichten müssen in keine Schublade passen: Oft sind sie eher wie ein modisches Outfit – ein Ensemble aus ganz unterschiedlichen Schichten, die perfekt zusammenspielen. :)
Ich musste viel suchen und hab jetzt diese Liste für euch zusammengestellt. Falls etwas falsch ist oder fehlt, meldet euch bitte einfach! Ich ergänze dann gerne oder korrigiere. Wie gesagt bin ich hier auf unbekanntem Terrain ;)
1. Coming of Age / Entwicklungsroman
Begleitet Figuren bei ihrer oft schmerzhaften Identitätsfindung, dem Erwachsenenwerden und der inneren Reifung in unserer modernen, komplexen Welt.
Buchtipps: Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara, Hard Land von Benedict Wells, Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens
2. Young Adult (YA)
Konzentriert sich auf Protagonisten zwischen 14 und 18 Jahren. Die emotional intensiven Geschichten drehen sich um die erste große Liebe, Highschool-Dramen, Selbstfindung und das langsame Abnabeln vom Elternhaus.
Buchtipps: Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green, Eleanor & Park von Rainbow Rowell
3. New Adult (NA)
Begleitet Charaktere im Alter von 18 bis 26 Jahren beim Übergang ins echte Erwachsenenleben. Typische Settings sind das College oder der Berufseinstieg, wobei die Liebesgeschichten deutlich expliziter (mit mehr „Spice“) erzählt werden als im YA-Bereich.
Buchtipps: Begin Again von Mona Kasten | Nur noch ein einziges Mal von Colleen Hoover, Wie die Luft zum Atmen von Brittainy C. Cherry
4. Dark Romance
Ein düsteres, moralisch graues Untergenre, das früher schlicht als Erotikroman betitelt worden wäre. Es thematisiert hochaktuelle, oft tabuisierte und toxische Beziehungsdynamiken, emotionale Extreme sowie gefährliche Machtspiele.
Buchtipps: Haunting Adeline von H.D. Carlton | Credence von Penelope Douglas
5. Sad Girl Autumn / Melancholic Fiction
Romane über meist junge Frauen, die von den Erwartungen der modernen Welt oder mentalen Krisen erschöpft sind. Die Handlung ist entschleunigt, hochgradig introspektiv und besticht durch eine poetische, oft kühl-distanzierte Sprache.
Buchtipps: Blue Sisters von Coco Mellors, Die Ladenhüterin von Sayaka Murata
6. Liebesromane – Contemporary Romance
Klassische und realistische Liebesgeschichten, die fest in unserer heutigen Realität verankert sind. Sie beleuchten moderne Beziehungsdynamiken, Dating-Hürden und die Suche nach Partnerschaft auf Augenhöhe.
Buchtipps: Die theoretische Unwahrscheinlichkeit von Liebe von Ali Hazelwood, Wie ein einziger Tag von Nicholas Sparks
7. Popliteratur
Eine literarische Strömung, die den traditionellen Anspruch der „hohen Literatur“ ablegt und stattdessen das ungefilterte Lebensgefühl einer Generation spiegelt. Die Texte nutzen eine direkte Alltagssprache und inszenieren die Oberflächlichkeit der Konsumwelt durch das ständige Nennen von echten Marken, Musik, Filmen und Medien.
Buchtipps: American Psycho von Bret Easton Ellis, Der Circle von Dave Eggers
8. Hipster-Roman
Die urbane Weiterentwicklung der Popliteratur: Statt um die Party- und Drogenszene der 90er dreht sich hier alles um Bio-Kaffee, Dating-Apps und die Selbstoptimierung in gentrifizierten Großstadtvierteln. Die oft ironischen Texte zeigen junge Erwachsene im Zwiespalt zwischen kreativer Selbstverwirklichung und digitaler Zukunftsangst.
Buchtipps: City of Glass (Teil der New York Trilogie) von Paul Auster
9. Workplace Fiction / Karriere- & Großstadtromane
Diese Geschichten sezieren unsere moderne Arbeitswelt. Im Fokus stehen der immense Leistungsdruck, Burnout, die Toxizität der Corporate-Welt und die existenzielle Frage der Figuren, wer sie außerhalb ihres stressigen Jobs eigentlich noch sind.
Buchtipps: Über Menschen von Juli Zeh, Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky, Der Teufel trägt Prada von Lauren Weisberger
10. Familien- / Generationsroman
Beleuchtet die tiefen Dynamiken, vererbbaren Traumata, Lebenslügen und Geheimnisse innerhalb einer Familie über Jahre oder sogar mehrere Generationen hinweg.
Buchtipps: Weit weg und ganz nah von Ann Patchett, Die sieben Schwestern von Lucinda Riley, Sturmzeit-Trilogie von Charlotte Link
11. Gesellschaftsroman
Untersucht die tiefen Strukturen, Ungerechtigkeiten, Konflikte und politischen Strömungen unserer aktuellen Gesellschaft. Typische Kernthemen sind Klassismus, das Leben im digitalen Kapitalismus, soziale Scheren und moderne Migration.
Buchtipps: Eine Frage der Chemie von Bonnie Garmus, Die Wut die bleibt von Mareike Fallwickl
12. Modernes Exil & Migrationsliteratur (Postmigrantische Literatur)
Hier geht es selten nur um die Flucht selbst, sondern um das Leben danach in einer globalisierten Welt. Im Zentrum stehen das emotionale Gefühl, zwischen zwei Kulturwelten festzustecken, Sprachbarrieren, Alltagsrassismus und die hochpolitische Suche nach einer neuen Identität.
Buchtipps: Herkunft von Saša Stanišić, Tschick von Wolfgang Herrndorf
13. Der „Anti-Heimatroman“ (Kritische Regional- & Dorfliteratur)
Das absolute Gegenteil zum alten Kitsch-Heimatroman. Diese oft düsteren oder melancholischen Geschichten kontrastieren die ländliche Idylle mit harten Realitäten wie der Abwanderung der Jugend, dem Sterben von Dörfern, Engstirnigkeit oder dem harten Aufprall von Großstädtern, die aufs Land fliehen.
Buchtipps: UnterLeuten von Juli Zeh | Die Wand von Marlen Haushofer | Sharp Objects von Gillian Flynn
14. Öko-Fiktion / Climate Fiction (Cli-Fi)
Romane, die im Hier und Jetzt unserer realen Welt spielen, aber die psychologischen, politischen und privaten Auswirkungen der Klimakrise auf den Alltag der Figuren thematisieren (z. B. Klima-Aktivismus oder lähmende Zukunftsangst).
Buchtipps: Treibland von Marlen Haushofer, Oryx and Crake von Margaret Atwood, Die Entscheidung von Juli Zeh
15. Autofiktion
Ein extrem angesagtes Format, bei dem die Grenze zwischen den realen, autobiografischen Erlebnissen der Autoren und rein fiktionalen Elementen absichtlich fließend verwischt wird.
Buchtipps: Immer wieder die selben Träume von Daniel Kehlmann, Atemschaukel von Herta Müller
16. Tragikomischer Roman
Die perfekte Balance aus Tränen und Lachen: Dieses Genre verpackt schwere, oft traurige Lebenskrisen (wie Krankheit, Tod, Trennung oder Einsamkeit) in eine humorvolle, skurrile oder ironische Erzählweise. Es zeigt die Absurdität des Alltags und spendet trotz trauriger Themen enorm viel Trost.
Buchtipps: Eine ganz dumme Idee von Fredrik Backman | Ein Mann namens Ove von Fredrik Backman, Die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling
Jetzt interessiert mich natürlich eure Meinung:
- Lest ihr gerne Contemporary oder flüchtet ihr lieber in fantastische Welten und historische Epochen?
- Welches der Untergenres hat euch am meisten überrascht oder neugierig gemacht?
- Und vor allem: Habt ihr noch weitere Buchtipps für mich, die ich unbedingt entdecken sollte?
Beiträge zu den anderen Genres findet ihr
*HIER*






Huhu Aleshanee :)
AntwortenLöschenSpannend sind deine Beiträge definitiv immer! Und dementsprechend neugierig war ich nun bei diesem. Weil ich schon eine Vorstellung von Contemporary habe, aber es wäre auch nicht das erste Mal, dass meine Interpretation eine andere ist^^
Bei dem Wort "Roman" denke ich in erster Linie tatsächlich an Bücher ala Rosemunde Pilcher^^ auch wenn ich weiß, dass das Käse ist, denn Roman steht ja auf vielen Büchern inzwischen drauf, egal welchen Genres.
Die Einordnung mit den Zeiten finde ich eigentlich ganz clever. Und ja doch, dem würde ich wohl auch zustimmen, dass es am ehesten Werke in der aktuellen Epoche sind. Explizit Gedanken habe ich mir bisher dazu nie gemacht. Die restlichen Bezeichnungen fallen für mich übrigens alle unter historisch^^
Coming of Age finde ich schwierig einzuordnen. Bei Selfpublishern ist mir die Bezeichnung öfter begegnet, auch wenn die Bücher dann eher bei New Adult oder anderem einsortiert worden sind. Ich nehme das eher als Trope denn als Genre wahr.
YA, NA, Dark Romance sind ja inzwischen sehr bekannte und genutzte Genre.
Liebesromane würde ich tatsächlich eher als Überkategorie sehen. Vor allem seit man die Altersstruktur so kleinteilig gemacht hat. Ali Hazelwood wäre für mich bspw. schlicht New Adult^^
Viele andere deiner genannten Kategorien habe ich so noch nie gehört. Die Beschreibungen klingen nachvollziehbar, auch wenn ich sie ehrlicherweise nicht immer unter Contemporary fassen würde. Weil das wiederum für mich einen erheblicheren Fokus auf Liebe legt, was ja nicht bei allen gegeben ist.
Contemporary lese ich, wobei ich mich da eigentlich fast ausschließlich bei New Adult und dort bevorzugt in queeren Bereich aufhalte. Insgesamt ist aber die Fantasy definitiv vorherrschender.
Ach ja... am Ende noch ein kleines Fazit: wann sind Genreeinteilungen eigentlich so kompliziert geworden?^^
Lieben Gruß
Andrea
Hi Aleshanee,
AntwortenLöschenhier fängt es an, etwas zu "wissenschaftlich" zu werden. Für mich sind Genres dazu da, damit ich als Leser weiß, was mich erwarten könnte. Schwierig wird es in der Tat bei Büchern, die nirgends reinpassen oder die sehr viele Genres streifen. Für erstes benutze ich tatsächlich auch einfach den Begriff Belletristik und für zweiteres einfach den Begriff Genremix. Da muss der Leser meines Blogs eben in meinen Text schauen, welche Genres das Buch streift.
Das Drama sehe ich wie Du und die anderen Genres kenne ich natürlich auch, benutze sie aber nur bei sehr eindeutigen Titeln, also relativ selten. Und wenn ich mir anschaue, wie Verlage ihre Bücher einordnen, dann wissen die offenbar selbst manchmal nicht, wo sie die Bücher hinpacken sollen. (Bei Amazon werden Bücher eh ohne Bezug dort einsortiert, wo sie am ehesten in der TopTen-Liste landen.)
Da kann ich mittlerweile auch Autoren verstehen, denen es vor diesen Einteilungen sehr graut ;)
Herzliche Grüße
Frank
Hallo Aleshanee,
AntwortenLöschenich mag diese Art deiner Beiträge sehr gerne und tippe jetzt einfach mal parallel zum Lesen. :D
"Roman": Ja!!! Mir ging es sehr, sehr lange genauso. Ich habe mit diesem Begriff auch immer Liebesromane verbunden. Diese typischen Frau & Mann, es passiert nicht viel, alles ist total romantisch, unrealistisch ;-) und am Ende sind alle glücklich. Keine Ahnung warum. Vielleicht "Roman = romantisch" ? Und wenn wir ehrlich sind, gab es als wir jung waren nur diese typischen Frau + Mann + happy end - Geschichten als Liebesromane.
Danke für die Auflistung der Epochen. Da bin ich eine absolute Niete drin, egal ob Literatur oder Kunst.
"Sad Girl Autumn" habe ich noch nie gehört! O_O Das ist nochmal was eigenes? Oh man. Ebenso die Kategorien 7, 8, 9, 12, 13. Das ist mir zu aufgedröselt. Also nicht von dir, sondern von denjenigen, die das so kategorisiert haben.
Uff, das war echt viel. O_O Ich frage mich, ob man das wirklich alles so braucht und in solche Unterkategorien sortieren muss. Und wie du ganz am Anfang mal geschrieben hast, ist das dann alles "Literatur" oder gibt es da auch noch Unterschiede? Für mich persönlich ist alles was unter Krimi, YA, NA, Liebesroman wie auch immer fällt, keine Literatur. Darunter stelle ich mir was wichtiges vor, etwas, das einen Unterschied machen könnte und anspruchsvoll ist... Vielleicht am ehensten den Gesellschaftsroman. Aber das ist auch nur meine persönliche Meinung.
Vielen herzlichen Dank für die ganze Arbeit, die du in diesen Beitrag gesteckt hast!
Liebe Grüße,
Sandra