Entfernt angelehnte Märchenadaption zu Schneewittchen
Verlag TOR
Seitenzahl 385
1. Auflage August 2025
Mit Schneewittchen hat diese Geschichte nur am Rande zu tun - auch wenn einige Details daran erinnern ist sie eigenständig und mit vielen neuen Ideen geschmückt! Mich stört das nicht. Für mich sind Adaptionen
keine "Nacherzählung" sondern eine "Neuinterpretation", die auch weit vom
Märchen entfernt sein kann. Aber eben dennoch durch bestimme Motive
Assoziationen weckt, was der Autorin hier gelungen ist.
Darum gehts:Die Königstochter Snow ist erkrankt und ihr Vater vermutet, dass sie langsam vergiftet wird und befürchtet ihren baldigen Tod. Eine Heilerin, die sich ihr Leben lang mit Giften beschäftigt hat, soll das Rätsel lösen.
🍎 Meine Meinung 🍎
♕♕♕♕♕♕♕♕♕♕♕♕
Wir treffen direkt auf Anja, eine Heilerin, die sich auf Gifte spezialisiert
hat und vom König höchstselbst aufgesucht wird, weil seine Tochter Snow
erkrankt ist. Keiner scheint zu wissen, was genau ihr fehlt, und der Verdacht
einer Vergiftung liegt in der Luft.
Ich fand dieses erste Zusammentreffen schon sehr witzig und einen guten
Einstieg - witzig, weil Anja gerade eine volle Dosis Gift intus hat und sich
nicht so recht auf den königlichen Besuch einstellen kann, der da in all
seiner Pracht in ihrem Arbeitszimmer auftaucht. Und weil man Anja direkt kennenlernt, was sich im Laufe der Handlung immer mehr vertieft. Aus ihrer Sicht erleben wir, wie sie versucht, eine Heilung für Snow zu finden und damit fokussiert sich die Autorin auf die Protagonistin und nur wenige Nebenfiguren.
Wie Anja das Interesse für toxikologische Pflanzen gefunden hat ist eine
eigentümliche Anekdote und zeigt ihre Neugier sowie ihren Wunsch, dagegen
anzugehen und mehr herauszufinden. Denn für viele gefährliche Substanzen wurde
noch kein Gegenmittel gefunden. Hier fand ich sehr schön, dass gezeigt wird,
wie ihre Leidenschaft entsteht und ihr Wille zu lernen, um etwas
herauszufinden. Wie ihr dabei geholfen wird, einen Weg zu finden, auch wenn
das Ziel unerreichbar scheint; aber es sich dennoch lohnt, das Wissen
anzueignen, das sie zu neuen Erkenntnissen führen könnte.
Und ebenso dass manches, was in Büchern steht, nicht immer richtig sein muss -
sondern dass neue Studien und Überlegungen vielleicht eine ganz andere Sicht
aufkommen lassen, die alte Theorien über den Haufen werfen.
Es dauert etwas, bis Anja tatsächlich zu der kranken Snow kommt - aber ich
fand das weniger in die Länge gezogen, sondern eher als Einstimmung auf die
Persönlichkeit der Protagonistin. Wie sie anderen Menschen gegenübersteht,
welche Motivationen sie hat, in ihrer Heilung und ihrer Einstellung von Leben
und Tod. Das Schicksal führt schließlich geheime Wege, die uns meist viel
später offenbart werden und wir können im Grunde nie sicher sagen, wie alles
gelaufen wäre wenn eine einzige Entscheidung anders ausgefallen wäre...
Neben den feinfühligen Momenten dringt auch immer wieder der Humor durch, oft
etwas trocken und gerade dadurch genau das richtige für meinen Geschmack.
Dazu kommt dass sie auch ein Attentat fürchten muss, von demjenigen der evtl
Snow vergiftet; was ihr zwei Bodyguards einbringt, die nicht von ihrer Seite weichen. Ein Umstand mit dem sie sich erst zurechtfinden muss.
Außerdem kämpft sie - vielleicht zum ersten Mal bewusst - mit ihrer
Außenwirkung. Sie ist keine Schönheit, was ihr bisher nicht wirklich
aufgefallen ist und schert sich auch nicht viel um ihr Aussehen; aber im
Gefolge des Königs machen ihr die Blicke der anderen schnell klar, was sie von
ihr halten.
Ich mochte sie sehr gerne, weil sie ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Ziele lenkt (die ja mit einschließen, anderen Leiden zu ersparen und auch Leben zu retten) Sie ist sich selbst gegenüber ehrlich und hat einen guten Blick für Zusammenhänge.
I wasn´t in danger yet. I would be in danger later, but not yet.Very well. I´d deal with later when it arrived.Zitat S 53(übersetzt: Ich war jetzt noch nicht in Gefahr. Später würde ich in Gefahr sein, aber noch nicht jetzt.Nun gut. Ich werde mich damit befassen, wenn es soweit ist.)
In Witherleaf, einem kleinen Refugium abseits des Palastes, trifft sie
schließlich auf die 12jährige Snow und muss feststellen, dass sie schnell ans
Ende ihrer Weisheit kommt. Das Mädchen zeigt zwar definitiv ein merkwürdiges
Verhalten und auch Symptome, die an eine Vergiftung erinnern, aber all ihr
Fachwissen lässt sie das Rätsel nicht lösen. Wie ihre ganzen Nachforschungen
und Mühen beschrieben wurden fand ich großartig und es steckt so einiges zwischen den Zeilen, was einen tieferen Sinn vermuten lässt.
Regardless of why he´d helped me, he had. Not by pointing me in the right directions, but simply by beeing there.Zitat Seite 19(Übersetzt: Ganz gleich, warum er mir geholfen hatte – er hatte es getan. Nicht, indem er mir den richtigen Weg gewiesen hatte, sondern einfach dadurch, dass er da war.
Als schließlich ein Aha-Moment auftaucht spürt man auch die Verbindung zu
Schneewittchen wieder, aber das bleibt eher diffus und entwickelt eine ganz
eigene Dynamik.
Die Autorin bleibt auf Anja fokussiert: eine gestandene Frau Mitte 30, die es
sich zur Leidenschaft gemacht hat, Vergiftungen zu heilen und Gegengifte zu
entwickeln - um des Rätseln willen vor allem. Natürlich möchte sie den
Menschen auch Schmerzen oder gar den Tod ersparen; im Grunde aber ist es vor
allem das Herausfinden einer Lösung, was sie anspornt. Demzufolge ist sie eine
wissenschaftlich denkende, eher theoretische Frau, die nicht viel mit Magie
und solchen Sachen anfangen kann. Es gibt immer eine Erklärung, wenn man nur
lange genug nachforscht...
Während Erinnerungen auftauchen, die uns Anja näherbringen, aktuelle Gefühle
wie Angst, Hoffnung und Staunen aufkommen, Vermutungen die Neugier schüren und
Entdeckungen gemacht werden, spielt sich alles rund um Anja ab, mit der wir
diese kuriose Mission bestreiten.
Allerdings bekommt sie dann auch Hilfe von unerwarteter Seite - wozu ich
nichts schreiben will, da ich dann schon spoilern würde ;)
I don´t know what the problem is, but I promise I´ll solve it with you.Zitat Seite 260(übersetzt: Ich weiß nicht, was das Problem ist, aber ich verspreche dir, dass ich es gemeinsam mit dir lösen werde)
Der "kleine" Palast als Schauplatz ist wirklich gelungen, bleibt aber etwas vage. Während dem Lesen selbst ist mir das gar nicht so aufgefallen, hat mich also nicht gestört, denn es war so viel anderes, das meine Gedanken beschäftigt hat, dass ich hier kein Defizit vermerken kann.
Ich fand es jedenfalls großartig, wie die Autorin nur aufgrund so weniger
Figuren eine so starke Handlung aufbaut, langsam, aber stetig und mit viel
Sogwirkung auf mich! Anfangs wird die Magie mit Wissenschaft zu erklären
versucht, doch Anja merkt irgendwann, dass sie mit ihrem Wissen und Theorien
an ihre Grenzen kommt ... die Magie nimmt immer mehr Raum ein und manches an der Lösung fand ich dann etwas sehr kurios. Oder vielleicht hat mein Englisch dann kapituliert - jedenfalls war mir manches Detail nicht so ganz klar, hat aber die Spannung am Ende nicht getrübt.
Der Humor zwischendurch war erfrischend, die kleine Liebelei wirklich klein und wenig auffällig - dafür für mich umso lieber :D
🍎 Meine Bewertung 🍎
♕♕♕♕♕♕♕♕♕♕♕♕
Ebenfalls von der Autorin gelesen
Horror-Mystery-Roman
Adaption von Die Schneekönigin






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