Sonntag, 18. Oktober 2026

Seltsame Sally Diamond von Liz Nugent

"Entsorg mich mit dem Müll", sagte er immer. "Wenn ich sterbe, kannst du mich einfach mit dem Müll entsorgen." 

Sally Diamond kann nicht verstehen, warum es seltsam sein soll, was sie getan hat. Sie hat doch einfach nur befolgt, was ihr Vater ihr aufgetragen hat. Aber plötzlich interessieren sich alle für die zurückgezogen lebende Frau: Medien, Polizei und eine unheilvolle Stimme aus ihrer Vergangenheit - an die sie keine Erinnerungen hat. Während sie nach und nach die Schrecken ihrer Kindheit versteht, entdeckt Sally zum ersten Mal wirklich die Welt. Sie findet neue Freunde, trifft weitreichende Entscheidungen und lernt, dass Menschen nicht immer meinen, was sie sagen. Doch wer ist der Fremde, der Sally Nachrichten schickt? Und warum scheint ihr Nachbar geradezu besessen von ihr zu sein? Ein Roman, der unter die Haut geht mit einer unvergesslichen Protagonistin.
    



Seltsame Sally Diamond von Liz Nugent


Im Original Strange Sally Diamond--- übersetzt von Kathrin Razum
Genre Psycho Thriller / Drama --- Schauplatz Irland - Neuseeland

Verlag GUTKIND --- Seitenzahl 400 --- 1. Auflage März 2023


Meine Meinung
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Sally Diamond. 42. Ledig. 
Als ihr Vater stirbt, schafft sie ihn in die Scheune, steckt ihn in die Feuertonne und zündet ihn an.
Schließlich hat er ihr aufgetragen, ihn mit dem Müll zu entsorgen, wenn er gestorben ist. 
Was also war falsch daran?

Sally versteht die Welt nicht mehr als plötzlich so viel Trubel in ihr Leben kommt. All die Jahre hat sie mit ihren Eltern - als ihre Mutter starb dann nur noch mit ihrem Vater - auf einer abgelegenen Ranch gelebt und es ging ihr gut dabei. 
Sie mag nicht, wenn zu viele Leute um sie herum sind. Sie mag klare Ansagen. Untertöne hört sie nicht heraus und was gesagt wird nimmt sie für bare Münze. 
Sie weiß, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Sie weiß, dass sie seltsam ist. Allerdings hat das bisher auch niemanden wirklich interessiert.

In Carricksheedy starrten mich jetzt alle an. Einige lächelten und legten den Kopf schief. Mitfühlend. Andere wechselten die Straßenseite, wenn sie mich kommen sahen, und das fand ich völlig in Ordnung. 
[Zitat]

Sally erzählt hier selbst ihre Geschichte. Auf ihre eigene, seltsame Art. Hier tun sich Abgründe auf, mit denen ich nicht gerechnet hatte. 
Mit ihren kurzen, prägnanten Sätzen und ihrer zielstrebigen Art, die Dinge klar beim Namen zu nennen geht es so flott vorwärts, dass man kaum Luft holen kann. Das Buch aus der Hand zu legen war kaum möglich und ich hab es tatsächlich an einem einzigen Tag durchgelesen.
Man kann sich recht schnell in Sallys Kopf einfinden, spüren wie sie denkt und warum. Denn das ist alles strukturiert, ohne Hintergedanken, Lügen oder Verstellen. Sie meint jedes Wort so wie sie es sagt. Und die Autorin hat das unglaublich gut gemacht: sich hinein versetzt in diese Figur, auch in die anderen Charaktere - denn es gibt noch jemanden, der eine große Rolle spielt und dessen Entwicklungen wir verfolgen. 

Jetzt wird das Buch aber als Psychothriller ausgeschrieben. 
Ich hab mir die ganze Zeit am Anfang gedacht: was wird jetzt passieren? Wo wird die Reise hingehen? 
Sallys Dad ist tot. Sie ist alleine, kann aber schon zurecht kommen, sie ist ja jetzt nicht psychisch so eingeschränkt, dass sie nicht überleben könnte. Also was kommt da auf mich zu?

Das lässt nicht lange auf sich warten und kommt recht ruhig mit einem großen Knall daher. Das ist kein Widerspruch. Eine ganz harte Nummer, die mich kalt erwischt hat. Durch Briefe erfährt Sally etwas über ihre Vergangenheit, das sie nun aufarbeiten muss. Dazu möchte ich nichts spoilern, aber wenn ihr die Trigger unten lest, werdet ihr merken, um was es hier geht. 

Liz Nugent hat jedenfalls für mich ein unglaubliches Feingespür bewiesen für menschliche Gefühle, Beziehungen und Abhängigkeiten. Für die Menschen, die Täter und Opfer sind und waren, wie prägend Erlebnisse auf einen einwirken und wie schwer es ist, aus eingebrannten Mustern auszubrechen. Dabei bleibt sie sehr klar und haut uns mit ihrer nüchternen Art so viel schlimme Dinge um die Ohren, die dann nach und nach einsickern und sich festsetzen. 

Sally jedoch hat jetzt neue Möglichkeiten. Sie hat Chancen, die sie auch ergreift und reflektiert sehr gut die Begegnungen und Gefühle, die mit den neuen Freundschaften auf sie zukommen.

Lorraine mochte mich nicht, das merkte ich. Ich wusste nicht, warum. Ich versuchte, mich in ihre Lage zu versetzen. Wer war ich für sie? [Zitat]

Manchmal finde ich es schwierig, dich zu begreifen, mich in dich hineinzuversetzen."
"Das geht mir genauso." Ich nickte begeistert, und wir lachten beide, ein echtes Lachen, denn wir wussten, dass es albern und sinnlos war, zu versuchen, die andere zu >sein<. [Zitat]


Dabei bleibt sie sich selbst treu. Anders kann sie gar nicht - und man spürt wie erfrischend es sein kann, wenn jemand so grundsätzlich ehrlich und offen ist und gar kein Gespür für Falschheit oder irgendwelche Untertöne hat. Sowas ist man einfach nicht gewohnt. 

Die Entwicklungen sind unglaublich spannend und ich bin hier in einen Sog geraten, der mich nicht mehr losgelassen hat. Durch die beiden Erzählstränge wurde die Spannung konsequent aufrecht erhalten und die vielen tragischen Momente und Schicksale waren schwer zu ertragen. Man kennt leider solche Fälle und in Bezug zur "Wirklichkeit" musste ich vieles von mir wegschieben, weil so viel Grausamkeit wirklich nicht leicht zu verdauen ist. 
Es schürt aber auch - und das finde ich hier so extrem wichtig und ist für mich auch die Hauptbotschaft dieser Geschichte - unser Feingefühl im Umgang mit anderen Menschen. Wir wissen nie, was sie mit sich herumtragen, was sie durchgemacht haben, warum sie so sind, wie sie sind. Wir müssen nicht jeden lieben und zu unseren Freunden zählen, aber wir können akzeptieren ohne zu urteilen. Und vor allem nicht lästern und über andere herziehen, nur weil ihr Verhalten nicht der Norm entspricht. 

Das Buch hat es wirklich in sich und die Autorin hat hier ein sehr schweres Thema lesbar gemacht - und mich vollauf von ihrer Geschichte überzeugt. 

💭 Thema ★★★★★ Entwicklungen, Muster, Traumata und menschliche Abgründe
✍️ Schreibstil ★★★★★ Sehr nüchtern, trotzdem anschaulich und extrem fesselnd
👥 Figuren ★★★★★ Absolut genial! Grandioses Gespür für jede der Figuren
⚡ Dynamik ★★★★★  Hohes Spannungslevel durch Handlung und Sichtwechsel
❤️ Emotionen ★★★★★ Erschütternde Schicksale, das lässt nicht so leicht los

 

Meine Bewertung
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Trigger (zum lesen markieren) --> seelischer und körperlicher Missbrauch gegen Kinder und Erwachsene, Gewalt gegen andere und gegen sich selbst, Entführung, Eingesperrt sein, Manipulation, Gehirnwäsche <--


Schauplatz ist eine fiktive Kleinstadt in der Nähe von Roscommon in Irland
und ein zweiter Schauplatz spielt in Neuseeland


Ebenfalls rezensiert bei

Leseblick 5/5


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