Samstag, 8. August 2026

Das dünne Pferd von Stefanie vor Schulte

 


Das dünne Pferd von Stefanie vor Schulte

Satirischer Endzeit Western mit Frauenpower

Verlag Diogenes
Seitenzahl 256
1. Auflage August 2024








Klappentext
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Was bleibt, als zu fliehen, wenn Kinder plötzlich allergisch auf Erwachsene reagieren, Eltern ihre Kinder vergessen, wenn Hunde ihre Herren anfallen und die Natur des Menschen überdrüssig ist? Pflegekraft Aria und Kollegin Marion retten fünfzehn Kinder aus der vom Untergang gezeichneten Stadt und versuchen die vielleicht letzten Wochen in einem ehemaligen Badehotel würdevoll zu bestehen. Doch den Bewohnern von Einstadt und den Cowboys rund um Imre Brandt sind sie ein Dorn im Auge. Als Aria ein Pferd am Strand entdeckt und darauf beharrt, es zu bergen, geht es plötzlich um alles. Die Feindseligkeit der Männer eskaliert, aber die Frauen finden Verbündete und geben nicht kampflos auf.


Den Debütroman der Autorin: "Junge mit schwarzem Hahn", hab ich 2021 direkt gelesen und war sehr begeistert. Ihr Stil ist sehr eigen und wirkt komprimiert, ja manchmal fast schon stakkatoartig. Bleibt dabei aber so prägnant und auf den Punkt, dass sie mit wenigen Sätzen eine Menge aussagt, ja sogar Gefühl und Atmosphäre übertragen kann, was ich eine ganz besondere Erzählkunst finde.

Das nächste von ihr war "Schlangen im Garten", das ich ebenfalls gut fand, aber hier konnte sie mich nicht so fesseln wie zuvor. Vielleicht lag es am Thema (Verlust, Trauer) dem ich mich nicht so intensiv einfühlen konnte; dennoch fand ich es wieder auf unvergleichliche Weise treffend geschrieben.


Meine Meinung
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Das Thema hier hat mich sehr gereizt, denn Dystopien finde ich immer spannend - wobei ich hier schon eher eine Endzeitstimmung präsentiert bekomme, die einen unwohl werden lässt. 
Der etwas skurrile Klappentext weist auf eine unsichere Zukunft hin, in der alles dem Untergang geweiht scheint. Schon auf den ersten drei Seiten wird das spürbar, als die Krankenpflegerinnen Aria und Marion zusammen 15 ihrer Schützlinge in einen Bus verfrachten - samt Rollstühlen und Infusionsschläuchen - und ins Ungewisse aufbrechen.
Alleine auf diesen drei Seiten wird so vieles in diese Szene gepackt, das ich sofort ein Gefühl für die drückende Stimmung bekommen habe und diese Kurzschluss-Reaktion, mit den Kindern aufzubrechen und ans Meer zu fahren.

Ihr Zufluchtsort ist ein altes Badehotel am Meer. Der Empfang in der nahe gelegenen Einstadt ist seltsam. Cowboys reiten ihnen zur Begrüßung entgegen, die Menschen sind da aber nicht spürbar und plötzlich taucht ein dürres Pferd am Strand auf. 
Aria ist fest entschlossen, dieses zu retten und setzt alle Hebel in Bewegung ohne Rücksicht auf Verluste. Daraus entsteht dann auch plötzlich ein Zusammenhalt und eine Kraft der Frauen, deren Vergangenheit aus Leid bestand und die nie wirklich wahrgenommen wurden. 

Einzelschicksale werden dazwischen gespült, ein kurzer Blick auf Einsamkeit, Schuldgefühle, Neid und wie sie durch das System rutschen; und als das System zusammenbricht erst recht auf keine Hilfe zählen können. Hier mischt die Autorin viele alten und neuen gesellschaftlichen Defizite zusammen, die aber alle ineinander greifen und nicht als willkürlich von mir empfunden wurden.

Und Aria, die hinter all dem steht und nicht aufgibt - ob die Welt nun morgen untergeht oder nicht, das Leben geht weiter, auch wenn keiner weiß, wie lange das sein wird. Sie gibt nicht auf, sie kämpft um das, was ihr wichtig ist und merkt, dass sie dadurch andere animieren kann, sich aus ihrer verstaubten Rolle zu befreien.

Und obwohl die Welt jeden Moment untergehen kann, bauen sie den Zaun, errichten den Unterstand, waschen sie Wäsche und kochen Äpfel ein, denn Angst und Sorge, kleine und große Befürchtungen sind seit jeher der Kompass, mit dem Aria Tag um Tag ihr Schiff auf Kurs hält.
Zitat Seite 125

Ich hab in Rezensionen gelesen dass die Hintergründe deutlicher hätten erläutert werden sollen - aber ich denke, die Autorin wollte hier auch zum Nachdenken anregen und hat das, wie ich finde, sehr geschickt gemacht. Durch die vielen Anspielungen hat sich für mich nach und nach alles erschlossen, bis auf das dünne Pferd. Dieser Sinn, den Aria schließlich begreift, ist mir leider verborgen geblieben. Wem das erkenntlich ist, darf mir gerne antworten!

Es ist ein Querschnitt über alle möglichen Dinge, die auf unserer Welt passieren und deren Auslöser wir sind, also wir Menschen. Die Auswirkungen bekommt dann nicht nur die Natur zu spüren sondern natürlich auch wir selber und anhand von Einzelschicksalen wird kurz beleuchtet, was das mit uns macht. Und damit mit uns allen. Denn wenn wir vielleicht nicht betroffen sind von "dem einen Skandel" sind wir es mit Sicherheit von einem der zahllosen anderen.
Wobei man schon gar nicht mehr von Skandalen sprechen kann, denn es passiert überall und jederzeit und kaum ein Hahn kräht mehr danach. 
ABER etwas bewegt sich. Etwas ist spürbar finde ich, auf der ganzen Welt - momentan überstürzen sich so viele Dinge und man spürt das sich etwas wandelt, langsam aber stetig. Und das Leben besteht nun mal aus Veränderung, hoffen wir einfach, dass sie etwas positives bringen wird :)


Meine Bewertung
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