Das dünne Pferd von Stefanie vor Schulte
Satirischer Endzeit Western mit Frauenpower
Verlag Diogenes
Seitenzahl 256
1. Auflage August 2024
Klappentext
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Was bleibt, als zu fliehen, wenn Kinder plötzlich allergisch auf Erwachsene
reagieren, Eltern ihre Kinder vergessen, wenn Hunde ihre Herren anfallen und
die Natur des Menschen überdrüssig ist? Pflegekraft Aria und Kollegin Marion
retten fünfzehn Kinder aus der vom Untergang gezeichneten Stadt und versuchen
die vielleicht letzten Wochen in einem ehemaligen Badehotel würdevoll zu
bestehen. Doch den Bewohnern von Einstadt und den Cowboys rund um Imre Brandt
sind sie ein Dorn im Auge. Als Aria ein Pferd am Strand entdeckt und darauf
beharrt, es zu bergen, geht es plötzlich um alles. Die Feindseligkeit der
Männer eskaliert, aber die Frauen finden Verbündete und geben nicht kampflos
auf.
Den Debütroman der Autorin: "Junge mit schwarzem Hahn", hab ich 2021 direkt gelesen und war sehr begeistert. Ihr Stil ist sehr eigen und wirkt komprimiert, ja manchmal fast schon stakkatoartig. Bleibt dabei aber so prägnant und auf den Punkt, dass sie mit wenigen Sätzen eine Menge aussagt, ja sogar Gefühl und Atmosphäre übertragen kann, was ich eine ganz besondere Erzählkunst finde.
Das nächste von ihr war "Schlangen im Garten", das ich ebenfalls gut fand, aber hier konnte sie mich nicht so fesseln wie zuvor. Vielleicht lag es am Thema (Verlust, Trauer) dem ich mich nicht so intensiv einfühlen konnte; dennoch fand ich es wieder auf unvergleichliche Weise treffend geschrieben.
Meine Meinung
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Das Thema hier hat mich sehr gereizt, denn Dystopien finde ich immer spannend
- wobei ich hier schon eher eine Endzeitstimmung präsentiert bekomme, die
einen unwohl werden lässt.
Der etwas skurrile Klappentext weist auf eine unsichere Zukunft hin, in der
alles dem Untergang geweiht scheint. Schon auf den ersten drei Seiten wird das
spürbar, als die Krankenpflegerinnen Aria und Marion zusammen 15 ihrer
Schützlinge in einen Bus verfrachten - samt Rollstühlen und
Infusionsschläuchen - und ins Ungewisse aufbrechen.
Alleine auf diesen drei Seiten wird so vieles in diese Szene gepackt, das ich
sofort ein Gefühl für die drückende Stimmung bekommen habe und diese
Kurzschluss-Reaktion, mit den Kindern aufzubrechen und ans Meer zu fahren.
Ihr Zufluchtsort ist ein altes Badehotel am Meer. Der Empfang in der nahe
gelegenen Einstadt ist seltsam. Cowboys reiten ihnen zur Begrüßung entgegen,
die Menschen sind da aber nicht spürbar und plötzlich taucht ein dürres
Pferd am Strand auf.
Aria ist fest entschlossen, dieses zu retten und setzt alle Hebel in
Bewegung ohne Rücksicht auf Verluste. Daraus entsteht dann auch plötzlich
ein Zusammenhalt und eine Kraft der Frauen, deren Vergangenheit aus Leid
bestand und die nie wirklich wahrgenommen wurden.
Einzelschicksale werden dazwischen gespült, ein kurzer Blick auf Einsamkeit,
Schuldgefühle, Neid und wie sie durch das System rutschen; und als das System
zusammenbricht erst recht auf keine Hilfe zählen können. Hier mischt die
Autorin viele alten und neuen gesellschaftlichen Defizite zusammen, die aber
alle ineinander greifen und nicht als willkürlich von mir empfunden wurden.
Und Aria, die hinter all dem steht und nicht aufgibt - ob die Welt nun morgen
untergeht oder nicht, das Leben geht weiter, auch wenn keiner weiß, wie lange
das sein wird. Sie gibt nicht auf, sie kämpft um das, was ihr wichtig ist und
merkt, dass sie dadurch andere animieren kann, sich aus ihrer verstaubten
Rolle zu befreien.
Und obwohl die Welt jeden Moment untergehen kann, bauen sie den Zaun, errichten den Unterstand, waschen sie Wäsche und kochen Äpfel ein, denn Angst und Sorge, kleine und große Befürchtungen sind seit jeher der Kompass, mit dem Aria Tag um Tag ihr Schiff auf Kurs hält.Zitat Seite 125
Ich hab in Rezensionen gelesen dass die Hintergründe deutlicher hätten
erläutert werden sollen - aber ich denke, die Autorin wollte hier auch zum
Nachdenken anregen und hat das, wie ich finde, sehr geschickt gemacht. Durch
die vielen Anspielungen hat sich für mich nach und nach alles erschlossen, bis
auf das dünne Pferd. Dieser Sinn, den Aria schließlich begreift, ist mir
leider verborgen geblieben. Wem das erkenntlich ist, darf mir gerne antworten!
Es ist ein Querschnitt über alle möglichen Dinge, die auf unserer Welt
passieren und deren Auslöser wir sind, also wir Menschen. Die Auswirkungen
bekommt dann nicht nur die Natur zu spüren sondern natürlich auch wir selber
und anhand von Einzelschicksalen wird kurz beleuchtet, was das mit uns macht.
Und damit mit uns allen. Denn wenn wir vielleicht nicht betroffen sind von
"dem einen Skandel" sind wir es mit Sicherheit von einem der zahllosen
anderen.
Wobei man schon gar nicht mehr von Skandalen sprechen kann, denn es passiert
überall und jederzeit und kaum ein Hahn kräht mehr danach.
ABER etwas bewegt sich. Etwas ist spürbar finde ich, auf der ganzen Welt -
momentan überstürzen sich so viele Dinge und man spürt das sich etwas wandelt,
langsam aber stetig. Und das Leben besteht nun mal aus Veränderung, hoffen wir
einfach, dass sie etwas positives bringen wird :)
Meine Bewertung
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