Sonntag, 3. Oktober 2021

Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte




Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte

 
Genre Historischer Roman / Coming of Age

Verlag Diogenes -- Seitenzahl 224
1. Auflage August 2021


 
Der elfjährige Martin besitzt nichts bis auf das Hemd auf dem Leib und seinen schwarzen Hahn, Behüter und Freund zugleich. Die Dorfbewohner meiden den Jungen, der zu ungewöhnlich ist. Viel zu klug und liebenswürdig. Sie behandeln ihn lieber schlecht, als seine Begabungen anzuerkennen. Als Martin die Chance ergreift und mit dem Maler zieht, führt dieser ihn in eine schauerliche Welt, in der er dank seines Mitgefühls und Verstandes widerstehen kann und zum Retter wird für jene, die noch unschuldiger sind als er. (Klappentext)
 
 
Meine Meinung 

 
Was für ein trauriges Buch - und so voller Hoffnung <3

Martin ist 11 Jahre alt. Er lebt allein, von der Hand in den Mund, seit sein Vater seine ganze Familie abgeschlachtet hat. Von der Dorfgemeinschaft darf er nichts erwarten, denn sie misstrauen ihm, der als einziger überlebt hat - und trotzdem bei Verstand geblieben zu sein scheint.
Sein einziger Freund ist ein schwarzer Hahn, der ihm auf Schritt und Tritt folgt und den er hütet, sein wertvollster Schatz. 
 
Er trinkt ein bisschen und klaubt den Apfel hervor, den er neulich gefunden und als eiserne Ration aufbewahrt hat. Er teilt mit dem Hahn. Der kriegt die Würmer.
Zitat Seite 30

Martin ist wissbegierig, neugierig, er hinterfragt und zieht seine Schlüsse. Das alles ist den anderen suspekt. Sie wollen nicht so genau hinsehen und verschanzen sich hinter ihrer rauen Art und regeln alles auf die Weise, wie es schon immer im Dorf gang und gäbe ist: mit Ignoranz, Egoismus und dem Recht des Stärkeren.

Schließlich ein Abschied, eine Heldenreise, doch keine strahlende, sondern mürbe machend ... vor Hunger, auf der Flucht vor dem Krieg und doch eine Mission im Herzen, die er nicht vergisst.

Und dabei muss er soviel Grausamkeit erleben - nicht körperlich, obwohl er das auch zur Genüge kennt - aber grade deshalb umso tiefgehender. Das hinterhältige, böswillige; aber auch das getriebene ausweglose, das die Menschen zu Handlungen verleitet, die die Grenzen brechen. 
 
Warum muss er finden, was niemand finden will. Warum muss er wissen, dass die Menschen selbst schlimmer sind als alle Dämonen, vor denen sie sich grausen.
Zitat Seite 114

Die Autorin hat hier einen ganz besonderen Stil, den ich kaum zu beschreiben weiß. Oftmals springt sie in den Szenen und den Gedanken, aber nicht so, dass es unterbricht, sondern dass es den Radius vergrößert, man mehrere Blickwinkel erhascht und damit ein besseres Gesamtbild bekommt. 
Dabei schreibt sie sehr prägnant und auf den Punkt, anschaulich in ganz außergewöhnlicher Art. 

Die Atmosphäre wirkt manchmal dadurch etwas bizarr, ja surreal, gerade weil sie so treffend genau die Realität beschreibt. Die Menschen, wie sie sind, ihre Abgründe, aus denen kein Weg hinaus zu führen scheint - und mittendrin Martin, mit den dunklen, ruhigen Augen. Der geduldig ist und feinfühlig, hilfsbereit und liebenswert, der gar nicht in diese Welt zu passen scheint, in der nur der Neid zählt und die Selbtsucht. 
 
Auch sehr schön getroffen auf dem Cover mit dem Bild von Picasso. Davon bin ich jetzt kein Fan, aber die Aussage trifft es schon sehr genau, denn Martin scheint tatsächlich ein Engel, der zielstrebig auf seinem Weg bleibt und in jedem Dunkel ein Licht zu zünden weiß. 
 
»In deinem Leben gibt es Unerklärliches, damit du zum Erklärlichen gelangst«, sagt der Hahn.
Zitat Seite 52

Es gibt aber auch gute Menschen, die Martin trifft. Nur eine Handvoll, aber gerade die sind es, die sein Licht weitertragen.

Schlau und gewitzt beißt Martin sich durch, muss Entscheidungen treffen, die weh tun, aber sein Überleben sichern. Das setzt er nicht leichtsinnig aufs Spiel; steht trotzdem zu seinem Versprechen, das er sich selbst gegeben hat, um ein Unrecht zu sühnen, das ihn schließlich auch sein eigenes Schicksal erkennen lässt. 
Damit schließt sich der Kreis und die Autorin hat einen perfekten Bogen gesponnen, der am Ende wieder zurückführt an einen neuen Anfang. Ein wirklich beeindruckendes, berührendes und zu Herzen gehendes Debüt!
 

Meine Bewertung


 
 
Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
 Es gab diesbezüglich keinerlei Vorgaben und die Rezension 
spiegelt meine ganz persönliche Meinung wider.



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8 Kommentare:

  1. Ich fand das Buch so richtig toll und habe es sofort mit in unseren Lesekreis genommen und wir lesen es gemeinsam. Am Mittwoch ist das Treffen und ich bin sehr gespannt, wie es ankam.

    Danke für die Verlinkung!
    Liebe Grüße
    Mona

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    1. Sehr gerne Mona! Da war wirklich was besonderes und ich bin sicher, dass es den anderen aus deinem Lesereis auch gut gefallen hat :)

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  2. Hallo liebe Aleshanee,
    deine Rezension macht mal wieder so neugierig auf das Buch. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sich Martin, als feinfühliger Junge in einer Dorfgemeinschaft mit bestehenden Regeln, Sitten und Gebräuchen fühlt. Nämlich sehr verloren. Auch konnte ich mir gut die Traurigkeit vorstellen, die man beim Lesen des Buches verspürt.

    Ich danke dir für diese interessante Buchempfehlung.

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Das hat die Autorin wirklich geschickt gemacht - denn einerseits passieren viele schlimme Dinge und man sieht die Menschen in all ihren "bösartigen" Facetten, andererseits trägt der Junge auch so viel positives und Hoffnung mit sich ... dazu der außergewöhnliches Stil. Das ist schon was besonderes :)

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  3. Hallo Aleshanee,

    wieder so ein Buch, dem ich bisher keine Beachtung geschenkt habe. Das klingt nach einem wahren Must-Read und ich packe es mal auf die Wunschliste.

    Danke für die Rezension!

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Das freut mich! Ich denke das könnte dir wirklich gut gefallen :)

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  4. Ach, liebe Aleshanee

    Das klingt ja wirklich grandios und ist jetzt schon die dritte begeisterte Rezension, die mir begegnet ist. Das Buch ist schon auf meiner Wunschliste und ich möchte es definitiv ganz bald lesen.

    Alles Liebe an dich
    Livia

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    1. Ich hab bisher auch nur positive Reaktionen darauf gesehen. Ich finde diese Geschichte wirklich ganz besonders!

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