Freitag, 26. Juni 2026

Das Mädchen ohne Maske von Frances Hardinge



Das Mädchen ohne Maske von Frances Hardinge


Im Original A face like glass
Übersetzt von Alexandra Ernst
Genre Fantasy Abenteuer

Verlag Freies Geistesleben
Seitenzahl 623
1. Auflage im Original Mai 2012




In der unterirdischen Stadt Caverna erschaffen die Meister ihrer Zunft unvergleichliche Dinge: Weine, die Erinnerungen auslöschen, Käse, die Halluzinationen hervorrufen, und Parfüms, die ihren Träger für andere vertrauenswürdig machen. Die Leute im oberirdischen Caverna sind gewöhnlicher, bis auf eines: ihre Gesichter sind leer und reglos wie frischer Schnee. Nur die Mienenschmiede können vermitteln, wie man ein Gefühl zeigt (oder vorspiegelt). In den streng gehüteten Käse-Tunneln dieser misstrauischen Welt lebt Neverfell. Ihr hinter einer Maske verborgenes Gesicht macht sie gefährlich, und ewig wird es nicht verborgen bleiben.


In Caverna, lies are an art — and everyone's an artist...


Meine Meinung
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Nachdem mich „Der Lügenbaum“ und die „Fly by Night“-Dilogie so begeistert haben, musste ich natürlich auch zu diesem Buch greifen. Ich wusste sofort, dass mich hier wieder eine außergewöhnliche Geschichte erwarten würde, die sich angenehm vom Üblichen abhebt.

Der Prolog hat mich direkt in die Handlung hineingezogen: in die dunklen Tunnel der unterirdischen Stadt Caverna, zum Käsemacher Grandible, der eines Tages einen ungebetenen Gast erhält und schließlich ein Lehrmädchen bei sich aufnimmt, das ihm vom ersten Moment an ans Herz wächst — auch wenn er ihr Gesicht vor anderen stets hinter einer Maske verbirgt.

Neverfell, wie das Mädchen genannt wird, lebt jedoch nahezu abgeschottet von anderen Menschen und verbringt viele Jahre bei dem alten, schrulligen Kauz, der sich in seinen Höhlen verbarrikadiert und niemandem traut. Doch nach sieben Jahren taucht Besuch auf, der alles verändert.

Vom ersten Satz an bin ich in diese skurrile Welt eingetaucht, in der scheinbar nichts unmöglich ist.

Die Menschen dort haben die Fähigkeit verloren, Gesichtsausdrücke nachzuahmen. Babys können weder lächeln noch ihre Gefühle sichtbar ausdrücken — all das muss erst erlernt werden. Und zwar regelrecht nach einem Katalog, für den natürlich bezahlt werden muss. Dadurch können sich die unteren Schichten oft nur wenige Mienen leisten, während die Oberschicht Unsummen für besonders ausgefallene Gesichtsausdrücke ausgibt. Dafür gibt es die sogenannten „Mienenschmiede“, die hohes Ansehen genießen und ständig auf der Suche nach neuen Kreationen sind.

Doch nicht nur Mienen können von talentierten Meistern erschaffen werden: Gewürze, die die Sinne schärfen, Weine, die Erinnerungen trüben, oder Parfüms, die gefügig machen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, das Leben angenehmer zu gestalten — allerdings nur für diejenigen, die es sich leisten können.

Gerade dieses Spiel mit den Masken und künstlichen Gesichtsausdrücken fand ich unglaublich faszinierend. Die hohe Gesellschaft verfügt über eine Vielzahl an Mienen und hat für jede Situation den passenden Ausdruck parat.

Ein ganz normales Gesicht, auf dem sich echte Gefühle widerspiegeln, wird dadurch natürlich zu einer Sensation und zieht Aufmerksamkeit wie auch Neid auf sich. Besonders spannend fand ich dabei die Vorstellung, dass man in dieser Welt kaum lügen kann, weil sich alles unmittelbar im Gesicht ablesen lässt :)

Wie Frances Hardinge all diese Emotionen und Mimiken beschreibt, fand ich absolut grandios. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob ich selbst all das bei anderen Menschen erkennen oder herauslesen könnte. Im Alltag achtet man vermutlich gar nicht mehr bewusst auf Mimik und kleinste Veränderungen im Gesichtsausdruck.

Dabei merkt man schon am Telefon, wie schwierig Kommunikation manchmal werden kann, wenn man Worte zwar hört, die dazugehörige Miene aber nicht sieht. Missverständnisse entstehen dabei schnell — und bei reinen Textnachrichten natürlich erst recht.

Neverfell selbst mochte ich unglaublich gern. Sie ist quirlig, neugierig und voller Fragen — besonders über die Oberwelt. Diese wird allerdings von allen gefürchtet, weil Krankheiten von dort unten ganze Seuchen auslösen könnten.

Die ewige Dunkelheit, die nur vom schwachen Schein der Karnivoren-Lampen erhellt wird, die schwere steinerne Decke über ihr und Grandibles dauerhaft mürrische Miene lassen sie immer wieder von fernen Orten träumen. Vor allem vom „Hof“, den sie sich als eine prachtvolle Welt voller Licht, Glanz und unterschiedlichster Menschen vorstellt, die sie unbedingt kennenlernen möchte.

„Der ist ein riesiges Netz, Neverfell, voll glänzender, mit strahlenden Flügeln besetzter Insekten. Und alle sind sie giftig, alle sind sie miteinander verbunden und kämpfen ums Überleben und darum, andere zu töten.“
— Zitat, Seite 59

Eine abschreckende Beschreibung des Käsemachers — die Neverfell allerdings nicht davon abhält, ihre Träume wahr werden zu lassen.

Doch nichts von dem, was sie sich ausmalt, entspricht letztlich der Realität. Durch ihr jahrelanges, abgeschiedenes Leben hat sie sich eine Arglosigkeit und Gutgläubigkeit bewahrt, die ihr immer wieder Schwierigkeiten einbringt. Für sie ist jedes Lächeln ehrlich, jedes Wort ernst gemeint und jede Absicht wohlwollend.

Während Neverfell versucht, mehr über ihre Vergangenheit herauszufinden, gerät sie mitten hinein in höfische Intrigen, Attentate und Begegnungen mit einem virtuosen Kleptomanen. Dabei muss sie lernen, ihre Angst zu überwinden und mit ihrer Wut umzugehen.

Frances Hardinge spielt hier mit unglaublich vielen Facetten und macht eindrucksvoll deutlich, wie wichtig es ist, Gefühle ausdrücken zu können — und sie auch in anderen wiederzufinden.

Besonders begeistert hat mich erneut ihr Schreibstil. Mit einer unglaublichen Verspieltheit in Sprache und Formulierungen erschafft sie eine völlig fremdartige Welt, die sich trotzdem lebendig und greifbar anfühlt. Das Lesen war dadurch einfach ein Genuss.

Umso beeindruckender finde ich die deutsche Übersetzung, denn gerade dieser Stil dürfte unglaublich schwer zu übertragen sein. Eines ihrer Bücher („Fly Trap“) habe ich auf Englisch gelesen und selbst das war trotz der Einstufung als Kinderbuch eine echte Herausforderung.

Ich habe das Buch von Anfang bis Ende sehr genossen und mich gemeinsam mit Neverfell in jedes neue Abenteuer gestürzt, das immer wieder überraschende Wendungen bereithielt - mit steigender Spannung zum großen Finale!


Meine Bewertung
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Die englischen Cover




Von der Autorin auch gelesen

Der Lügenbaum (historische Fiktion)
Die Herrin der Worte (Fantasy Abenteuer)
Fly Trap (Fantasy Abenteuer)

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