Freitag, 3. Juli 2026

Der Totengräber und der Orden des Teufels von Oliver Pötzsch


 

Der Totengräber und der Orden des Teufels
von Oliver Pötzsch


Band 5 der historischen Krimireihe in Wien, Ende 19. Jahrhundert
mit Leopold von Herzfeldt, Julia Wolf und Augustin Rothmayer

Verlag Ullstein
Seitenzahl 544
1. Auflage Juni 2026







Meine Meinung
ቾ ቾ ቾ ቾ ቾ ቾ ቾ ቾ ቾ 

Winter 1896 
Durch einen bizarren Mord wird Inspektor Leopold von Herzfeldt nach Wien zurückbeordert. Er war mit Julia Wolf in Graz zur Beerdigung seines Vaters - doch die Familienzusammenführung war alles andere als gelungen, denn Julia sollte allen endlich als seine Verlobte präsentiert werden. Doch die von Herzfeldts möchten keine untugendhafte Tänzerin mit einer unehelichen Tochter am Hals in die Familie einheiraten lassen. 
Umso erleichterter sind die beiden, wieder nach Wien zu kommen, auch wenn ein grausames Verbrechen der Grund dafür ist.

Hier behilft sich Leopold auch erstmal mit einem Rat von Augustin Rothmayer, dem Totengräber. Auch wenn die beiden immer noch ihre Differenzen haben, helfen sie sich gegenseitig wenn Not am Mann ist. Der Hinweis auf die Freimaurer scheint ihn aber auf eine falsche Fährte zu schicken.
Bei dem Fall bleibt der Totengräber eher im Hintergrund. Ich wünsche mir ja jedes Mal, dass sein Part etwas mehr Raum einnimmt, aber er bleibt dann doch meist eher eine Randfigur, was etwas schade ist. Immerhin gibt es einige Szenen auch mit seiner Adoptivtochter Anna, um die er sich kernbeißig, aber mit goldenem Herzen kümmert. Sie ist mittlerweile 15 oder 16 (so genau weiß das keiner) und ihre Lebensziele decken sich nicht unbedingt mit denen, die er für sie vorgesehen hat.

Julia ist ja mittlerweile als Journalistin tätig und bereitet einen Artikel über einen Arzt vor; und zwar niemand geringeren als Dr. Siegmund Freud. Seine Theorien wurden heftig diskutiert, vor allem die der "männlichen Hysterie", aber im Gespräch mit Julia erwähnt er auch die Neurasthenie. Oliver Pötzsch hat hier dem Psychoanalytiker als Ursache die Überforderung der Menschen in den Mund gelegt - die Überforderung durch die viel zu schnelle Weiterentwicklung der Technologien und mehr. Soweit ich weiß, hat Freud hier aber - wie man ihn kennt - damals auch diese Krankheit eher einer Störung der Libido zugeordnet. Aber ich fand diese Auslegung sehr gut getroffen, weil sie unseren Zeitgeist noch mehr widerspiegelt. Die vielen und schnellen Veränderungen sind einfach kaum noch zu verarbeiten und da braucht man sich nicht wundern, wenn die Stresskrankheiten immer mehr werden.

Es liest sich wie gewohnt flüssig und unterhaltsam. Durch die Themen wird man natürlich mit grausigen Details konfrontiert, die aber nicht zu anschaulich werden. Zumindest für mich - ich kann das immer etwas schwer einschätzen, weil andere da doch etwas sensibler reagieren.
Es bleibt insgesamt aber bei einem lockeren Ton, in den der Autor auch immer wieder nachdenkliches einstreut und viel Gefühl für das Zwischenmenschliche beweist. 
Auch fügt er kleine Erinnerungen ein an die Vorgeschichten der Protagonisten, so dass man sich schnell wieder heimisch fühlt und man bei jeder Figur sofort ein Bild vor Augen hat.
Die historische Szenerie blieb etwas im Hintergrund, auch wenn durch die Kutschenfahrten und die plötzlich überall auftauchenden Telefone oder die neue Elektrizität in manchen Etablissements das Gespür für diese Zeit da war. Die Ermittlungen sowie die Konflikte der Figuren untereinander hatten hier mehr Präsenz.

Der Fall selbst entwickelt sich als recht komplex und verwoben. Neben Leopold ist auch wieder Julia an seiner Seite; oder eher nicht, denn sie soll für ihn die ein oder andere Information beschaffen, was nicht ganz ungefährlich ist. Jedenfalls kommen einige Ungereimtheiten auf und viele Fragen, die nach und nach aufgelöst werden. 
Manche Spannungselemente waren nicht so meins, aber am Schluss gibt es noch viele lose Enden die mit kleinen Twists und Überraschungen aufwarten und ein aufregendes Finale bieten.

Das Thema Antisemitismus ist hier sehr mit der Handlung verflochten und die Bissigkeiten zwischen Herzfeldt und Paul Leinkirchner gehen dahingehend natürlich auch weiter. Dennoch zeigt Oliver Pötzsch, dass Menschen, auch wenn sie ein verqueres Denken haben, auch positive Seiten haben können. Hass zu fördern schadet immer, auf beiden Seiten :)
Es wurden viele Parallelen zur Gegenwart gezogen was die gesellschaftlichen Entwicklungen dahingehend betrifft - was ich zum einen gut finde, weil es immer wichtig ist, darauf hinzuweisen. Durch die vielen Wiederholungen wirkte es auf mich manchmal ermüdend, da ich die Ansicht ja teile und vielleicht wäre es etwas subtiler sogar tiefgreifender gewesen.
Verschwörungstheorien kreisen ja schon seit Jahrhunderten durch die Köpfe der Menschen und das wird wohl auch noch weiterhin so bleiben ...

Toll fand ich, dass mit Anna, die der Totengräber adoptiert hat, auch ein Einblick auf die Frauenbewegung stattfinden konnte. Anna hat großes Interesse an Medizin, doch in Österreich war es den Frauen noch untersagt zu studieren oder gar Ärztin zu werden - entgegen anderen Ländern, wo das schon möglich war. Ebenso muss Julia auch immer gegen Vorurteile kämpfen und nützt dafür die "Waffen der Frauen" sehr geschickt. Das mögen viele vielleicht heutzutage als billig ansehen, aber zu der Zeit blieb nicht viel anderes übrig und wenn die Männer drauf reinfallen, kann man das durchaus machen. Ich finde da muss man die Perspektive sehen, denn an sich haben die Frauen dabei Oberwasser auch wenn es den Männern nicht so vorkommt ;) 

Im Nachwort erfährt man wieder einiges über die historischen Hintergründe und Personen, die hier mitspielen und es gibt auch ein Glossar für die österreichischen Ausdrücke im Dialekt, die vielleicht nicht jeder immer gleich auf Anhieb zuordnen kann.


Meine Bewertung
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