Sonntag, 28. August 2022

Schlangen im Garten von Stefanie vor Schulte


Schlangen im Garten von Stefanie vor Schulte

 
Familie Mohn hat die Mutter verloren. Jetzt steht sie im Verdacht, die Trauerarbeit zu verschleppen. Das Leben muss doch weitergehen, sagen die Nachbarn, meint das Traueramt. Doch Vater Adam, die wütende Linne, der nach Hause zurückgekehrte Student Steve und Micha, der Jüngste, wollen nicht weitergehen. Sie möchten Johanne bewahren – nicht nur in ihren eigenen Erinnerungen, sondern in unzähligen Geschichten, die deren Leben so vielleicht gar nie geschrieben hat.
 
 


Schlangen im Garten von Stefanie vor Schulte
 
Thema Tod - Abschied - Trauer 
Genre Roman / magischer Realismus
Verlag Diogenes -- Seitenzahl 240
1. Auflage August 2022 



Meine Meinung
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Der Klappentext klingt jetzt gar nicht nach einer Geschichte, die ich lesen würde - und ich wusste auch ehrlich gesagt überhaupt nicht, was mich hier erwartet. Warum ich das Buch lesen wollte? Weil mich das Debüt der Autorin "Junge mit schwarzem Hahn" so begeistert hat und ich unbedingt noch mehr von diesem eigenwilligen und originellen Stil lesen wollte.
 
Auch hier taucht man wieder in eine Welt ein, die teilweise schwer zu erfassen ist. Die Geschichte spielt dieses Mal in der Gegenwart und beschäftigt sich mit der Trauerbewältigung einer Familie, in der die Ehefrau und Mutter gestorben ist. 
 
Zum Abendbrot isst er jetzt immer eine Seite aus dem Tagebuch seiner verstorbenen Frau. Er isst sie roh, und er tut es aus Liebe.
Zitat, erster Satz
 
Den Einstieg fand ich schon sehr genial! Die Notiz- bzw. Tagebücher der Verstorbenen sind ihnen heilig. Sie lesen nicht darin, möchten sie aber auf diese Weise bei sich tragen, bei sich behalten und die Erinnerungen an sie sozusagen einverleiben. 
Adam, der Vater, ist völlig überfordert und kommt mit der Situation nicht klar. Er kündigt seine Arbeit und kämpft dagegen an, sich zu verlieren. Er will für seine Kinder da sein, will alles richtig machen, findet aber keinen Weg aus seiner Traurigkeit. 
Micha ist 11 und er sucht sich einen Halt, denn er fühlt sich wie Wasser, weich, treibend und hofft auf ein Ufer, dass er erreichen kann.
Linne ist 12 und dagegen voller Wut, die sie auch auslebt. All die Gefühle hat sie in sich verborgen, zusammen gedrängt und hart werden lassen wie Steine. Sie weiß nicht, damit umzugehen, und so lässt sie ihre Hilflosigkeit an anderen aus, um sich nicht mehr selbst so zu fühlen.
 
Dann ist da noch Steve, der große Bruder, 20 schon. Er kommt zurück nach Hause, um für Ordnung zu sorgen, zu helfen, zu unterstützen. Aber auch er weiß nicht so recht, fühlt sich rastlos und befangen... 
 
Erschwerend kommen die Einmischungen von außen dazu. Die Nachbarn, Bekannte, die Schule von Linne - sie alle glauben zu wissen, was die Familie durchmacht und doch kann niemand in diese Seelen blicken und verstehen. Die Gefühle bei einem Verlust sind natürlich oft ähnlich und doch geht jeder auf seine ganz eigene Art damit um und es braucht seine Zeit, um das zu verarbeiten. 
Auch der Trauerbegleiter Ginster, der die Familie hier regelrecht verfolgt und beobachtet, hat seine eigene Geschichte, seine eigene Vergangenheit, mit der er kämpft:
 
Ich mag die Menschen nicht. Sie verschließen die Augen vor der einzigen Wahrheit, die es in Verbindung mit Verlust gibt: dass wir uns an diesen gar nicht gewöhnen, sondern tatsächlich einfach vergessen. Es uns aber natürlich nicht eingestehen wollen und uns für das Vergessen schämen.
Zitat 
 
Zu viele Enttäuschungen haben ihn zu einem Hass auf die Menschen geführt und er erwartet nichts gutes mehr - wird aber nicht verschont von dem Neid, der sich in ihn hineinfrisst, wenn er bemerkt, dass andere glücklich sind.
 
Das Thema von Verlust und Trauer ist jetzt nicht unbedingt meins und vielleicht hat mich deshalb hier die Autorin auch nicht so ganz erreichen können wie in ihrem Debüt. Ich glaube auch, dass ich manches nicht verstanden habe und vielleicht bei einem zweiten Mal lesen besser verstehen würde. Vieles bleibt zwischen den Zeilen und versteckt sich hinter der imaginären Schreibweise, die Realität und abstrakte Vorstellungen vermischen. Es gibt keine komplexen Szenarien oder ähnliches, das Thema beschränkt sich allein auf die Gefühlswelt dieser Menschen und doch ist es sehr fordernd, sich auf diese unterschiedlichen Stimmungen einzulassen.
 
Hilfe bekommt die Familie schließlich von unerwarteter Seite. Von zufälligen Begegnungen, die sie wieder herausholen aus dem Bodenlosen, die Verstehen und mit ihren Geschichten weitere Ebenen schaffen, um nach dem hilflosen Treiben im Nichts wieder festen Boden spüren zu können. 

Ich fand es vom Stil her wieder absolut ungewöhnlich und mir gefällt diese Art sehr - auch wenn es mich dieses Mal nicht so erreichen konnte, was am Kern des Themas lag. Die Gefühlswelt der jeweiligen Figuren hat sie jedenfalls großartig an mich herangetragen, das war schon wirklich außergewöhnlich! Nur schade, dass ich nicht immer "dahinter" blicken konnte, was aber einfach an meiner Distanz zu dem Thema liegen kann.
Das Lesen selbst war jedenfalls eine Art sanfter Rausch, eine Illusion inmitten der Wirklichkeit, die mich sehr beeindruckt hat.


Meine Bewertung
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Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
 Es gab diesbezüglich keinerlei Vorgaben und die Rezension 
spiegelt meine ganz persönliche Meinung wider.


Ebenfalls rezensiert von



Das Debüt der Autorin: Junge mit schwarzem Hahn
 


4 Kommentare:

  1. Hey Alex,
    ich hatte neulich ja schon deinen Post auf FB dazu gesehen, nun wollte ich dann auch noch mal in deine Rezension dazu reinschauen. Du meintest ja schon, du denkst eher nicht, dass das Buch was für mich ist und ich glaube, du könntest damit recht haben. Ich glaube schon, dass es ein wichtiges Thema ist und es sehr viele verschiedene Zugänge zu Trauer und Trauerbewältigung gibt. Am Ende muss sicher auch jeder seinen eigenen Weg finden, um damit umzugehen und klarzukommen. dabei gibt es ja auch nicht unbedingt richtig oder falsch, es muss eben für einen selbst funktionieren- natürlich möglichst ohne sein Umfeld "negativ zu beeinflussen", im Sinne von ihnen schaden.
    Man spürt beim Lesen deiner Rezension, dass es ein besonderes Buch ist und es dir gut gefallen hat. Ich hoffe, das Buch wird noch einige Leser finden, denen es gefällt, für mich ist es vermutlich wirklich eher nichts, aber danke trotzdem für die ausführlichen Einblicke.
    Liebe Grüße
    Dana

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    1. Hi Dana, lieb dass du reingeschaut hast :)
      Es ist ein Thema, dem wir alle begegnen - und das nicht gerne. Ich denke, manche suchen nach solchen Büchern in dieser Trauerphase, andere lesen sowas auch nebenbei, wie ja auch über viele andere Themen, die psychische Belastungen betreffen.
      Ich selber geh ja solchen Büchern meist aus dem Weg, hab aber in diesem Jahr doch das ein oder andere ausprobiert - und das hier durfte nicht fehlen, da ich von dem Schreibstil der Autorin so begeistert war. Und der ist auch wieder ganz außergewöhnlich! Ebenso die Umsetzung, überhaupt alles, aber man muss sich eben mit dem Thema grade auseinandersetzen wollen, denke ich, damit man einen Draht dazu findet.

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  2. Hey liebe Aleshanee

    "Junge mit schwarzem Hahn" steht (immer noch) auf meiner Wunschliste und auch "Schlangen im Garten" klingt ebenfals nach einer spannenden, ganz eigenwillig erzählten Geschichte, die mir sehr gut gefallen könnte, auch wenn sie für dich nicht ganz an "Junge mit schwarzem Hahn" heranreicht. Aber noch so einem gefeierten Debut hat es wohl jeder zweite Roman nicht ganz einfach ;-)

    Alles Liebe an dich
    Livia

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    1. Ja, das ist richtig, nach so einem Erfolg ist es schwer - aber dennoch liegts hier auch ein bisschen am Thema, zumindest was mich betrifft. Denn an sich hat sie es wirklich grandios umgesetzt. Ich kann dir dazu die Rezension von Feiner reiner Buchstoff empfehlen, die ich oben verlinkt habe. Sehr gut geschrieben!

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