Es ist der Winter 1937, und der Ort Okamura befindet sich in heller Aufruhr:
schon bald wird die renommierte Ichiyanagi-Famile ihren Sohn vermählen. Aber
unter den Tratsch über das anstehende Fest mischt sich ein besorgniserregendes
Gerücht: ein maskierter Mann streift durch das Städtchen und fragt die Leute
zu den Ichiyanagis aus.
In der Hochzeitsnacht dann erwacht die Familie durch einen furchtbaren Schrei,
auf den eine unheimliche Melodie folgt. Ja, der Tod ist nach Okamura gekommen
und hat keine weitere Spur als ein blutiges Samurai-Schwert hinterlassen, das
im reinen Schnee im Hof des Hauses steckt. Der Mord am frisch vermählten Paar
gibt Rätsel auf, war doch das Schlafzimmer von innen verschlossen.
Doch der private Ermittler Kosuke Kindaichi will den Fall unbedingt lösen.
Die rätselhaften Honjin-Morde von Seishi Yokomizo
Band 1 der 77teiligen Kosuke Kindaichi Krimiklassiker Reihe aus Japan
Im Original 本陣殺人事件 - übersetzt von Ursula Gräfe
Verlag atb Seitenzahl 206 - 1. Auflage im Original 1947
Meine Meinung
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Der Autor erzählt diese Geschichte aus einer Art Beobachter-Perspektive: Er
selbst war nicht direkt beteiligt, sondern rekonstruiert den Fall aus
Erzählungen, Gerüchten und Erinnerungen anderer. Dieser Ansatz erinnerte
mich sofort an Dr. Watson, der die Fälle von Sherlock Holmes niederschrieb,
aber hier war er ja nicht involviert, sondern setzt alles aus den
Erinnerungen der Zeugen zusammen..
Wir reisen hier zurück ins Jahr 1937, irgendwo in Japan. Der genaue Ort
bleibt ungenannt und wird – ebenso wie einige der Zeugen – nur durch
Anfangsbuchstaben angedeutet.
Der Mordfall hat ziemlich viel Aufsehen erregt, da es sich um eine
angesehene, traditionelle Familie mit viel Stolz auf ihre Herkunft
handelte.
All das wird sehr gründlich geschildert, in einem klaren, geradlinigen Stil
ohne große Schnörkel. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Übersetzung aus
dem Japanischen keine leichte Aufgabe war.
Jedenfalls konnte ich mir das Anwesen der Familie Ichiyanagi, um die sich
der Fall dreht, sehr bildhaft vorstellen, und auch die wichtigsten Personen
hatte ich schnell vor Augen – trotz der für mich ungewohnten Namen. Es wird
deutlich Wert darauf gelegt, die Familienverhältnisse verständlich
darzustellen und einordnen zu können.
Das Brautpaar Kenzo Ichiyanagi und Katsuko wird in der Hochzeitsnacht
ermordet – in einem verschlossenen Raum, also ein klassisches
Locked-Room-Szenario. Passend dazu gibt es eine Skizze der Räumlichkeiten,
die zum Miträtseln einlädt. Die vielen japanischen Begriffe können
allerdings stellenweise etwas verwirrend sein, auch wenn die Übersetzerin
ihre Erklärungen geschickt in den Text eingewoben hat.
Der ermittelnde Polizeibeamte wirkt aufmerksam und leistet solide Arbeit.
Oft ist man aus Detektivromanen gewohnt, dass die Polizei eher tapsig
dargestellt wird und dem brillanten Detektiv kaum das Wasser reichen kann –
das ist hier erfreulicherweise nicht ganz so.
Dennoch traut der Onkel der ermordeten Braut der Sache nicht. Er vermutet,
dass sich unter den Anwesenden ein Lügner befindet, und telegrafiert deshalb
seiner Frau, sie solle Kindaichi schicken – natürlich der bewusste Kosuke
Kindaichi, den berühmten Detektiv, auf den ich nun besonders gespannt war.
Mit Mitte zwanzig ist er noch recht jung; ich hatte gedacht, er wäre älter -
einfach weil ich in diesem Krimis ältere Detektive gewohnt bin. Das war eine
angenehme Überraschung. Seinem etwas schmuddeligen Äußeren zum Trotz hat er
sich in Tokio in den letzten Jahren bereits einen Namen gemacht und einige
brisante Fälle aufgeklärt. Er wirkt äußerst liebenswürdig: charmant,
jungenhaft – und genau deshalb unterschätzen ihn viele.
Der Fall selbst ist sehr verstrickt, was spätestens bei Kindaichis Auflösung
deutlich wird. Ganz im Stil von Poirot hält er am Ende einen ausführlichen
Monolog und legt jedes noch so kleine Detail offen, das zur Lösung
beigetragen hat.
Ich mag es, wenn mir alle Fakten zur Verfügung stehen, sodass ich selbst mit
rätseln kann. Dennoch war ich durch die komplexe Konstruktion und die
vielschichtigen Hintergründe am Ende tatsächlich überrascht und wäre nicht
darauf gekommen, wie sich alles zugetragen hat. Das war mir dann auch etwas
zu kalkuliert und mit so vielen Raffinessen, dass ich nicht weiß, wie ich da
hätte drauf kommen sollen ... aber sowas passiert mir in Krimis öfter
:)
Insgesamt ist es ein guter, solider Krimi, der vor allem durch das
japanische Setting interessant ist – ein Schauplatz, der leider viel zu
selten vorkommt. Die Erzählweise ist manchmal etwas umständlich, aber das
ist ein typisches Merkmal im Stil aus dieser Zeit. Nicht übermäßig
spannend, aber angenehm zu lesen und durchaus unterhaltsam.
Am Ende finden sich außerdem ein Personenregister sowie ein Glossar zu den
japanischen Begriffen und Örtlichkeiten, was sehr hilfreich ist.
Meine Meinung
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Bisher ins deutsche übersetzt:
Die rätselhaften Honjin-Morde (Original: 1946)
Mord auf der Insel Gokumon (Original: 1948)
Das Dorf der acht Gräber (Original: 1949/50)
Der Inugami-Fluch (Original: 1951)
Die Spatzenmorde von Onikobe (Original: ca. 1950er)






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