Montag, 16. Februar 2026

Die Bovadium Fragmente von J. R. R. Tolkien



Die Bovadium Fragmente von J. R. R. Tolkien 


Herausgegeben von Christopher Tolkien
zusammen mit Die Ursprünge von Bovadium von Richard Ovenden Obe
mit Illustrationen von J.R.R. Tolkien
Übersetzt von Helmut W. Pesch
Genre Historische Fiktion
Schauplatz

Verlag Hobbit Presse 
Seitenzahl 160 
1. Auflage Februar 20


 
Verlagsinfo
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Anfang der 1950er Jahre tobte in Oxford eine Kontroverse, und mitten drin J.R.R. Tolkien. Die nahe gelegenen Morris-Automobilwerke hatten den Verkehr ins Unerträgliche ansteigen lassen, und neue Straßen drohten, den Charakter der Universitätsstadt zu zerstören. 

Als Reaktion darauf verfasste Tolkien eine satirische Fantasy-Geschichte –  Die Bovadium Fragmente –, die erzählen, wie schreckliche Maschinen die Stadt erobern. Und die Motores verstopfen die Straßen mit Lärm und Gestank, bis alles Leben zum Stillstand kommt. Hier zeigt sich Tolkien von seiner ironischen, gelehrten und doch auch tragischen Seite. Die von Christopher Tolkien edierte Ausgabe aus Tolkiens Nachlass ist mit Bildern von seiner Hand, zeitgenössischen Fotos und Plänen versehen. Sie enthält einen exclusiven Essay von Richard Ovenden, dem Direktor der Bodleian Library, zur Geschichte Oxfords in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

"Allerdings erhebt der Geist von >Isengard<, wenn nicht gar von Mordor, immer wieder sein Haupt"..."
Zitat Seite 131


Meine Meinung
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Im Vorwort erfährt man, dass die satirische Fabel von Tolkien ihren Hintergrund in Diskussionen um das Stadtbild von Oxfort hat. Der Verkehr in den 40er und 50er Jahren hat wohl so sehr zugenommen, dass die Planungen für mehr Straßen von vielen als negativ aufgefasst wurden - vor allem der vermehrte Lärm und Gestank war für Tolkien nahezu unerträglich geworden. Christopher Tolkiens Anmerkungen sind in dieser Fabel beigefügt, um den Sinn dahinter besser erfassen zu können. Die Illustrationen sollen die Atmosphäre unterstreichen.
Den Wunsch zur Veröffentlichung hat Tolkien damals revidiert durch einen Kommentar, dass die Menschen nicht verstehen würden, was hinter dieser Komödie tatsächlich steckt. Die Autos und motorisierten Gefährt waren wohl so im Vormarsch, dass die Leute keine Kritik daran hören wollten.  
Das zusätzlich Essay von Richard Ovenden Obe zeigt ein lebendiges Bild dieser Epoche und enthält auch authentische Pläne der Stadt, die die Kontroversen ausgelöst haben.

In der Einleitung erfahren wir schließlich von der Grundlage der Fabel: der Entdeckung einer prähistorischen Stätte: Vasti. Und einigen Fragmente mit Sprachen, über die sehr gerätselt wurde und deren Entschlüsselung einiges an Zeit und Arbeit gekostet haben. Dadurch ergaben sich dann auch die Verbindungen zu Oxford und zur Universität. Bei den Ausführungen merkt man wieder, wie sehr Tolkien es geliebt hat, mit Sprachen zu experimentieren.

Jetzt kommen wir endlich zum ersten Fragment, das recht kurz ist - und komplett in Latein. Die Übersetzung davon scheint im Fragment II fast vollständig enthalten zu sein, so der Hinweis, aber der Vollständigkeit halber wurde es hier wohl mit eingefügt. (Diese lat. Passage war damals übrigens auch ein erwähnter Grund, mit dem Tolkien zur Veröffentlichung abgeraten wurde)

Im zweiten Fragment jedenfalls kommen wir zur eigentlichen "Geschichte", dem Auferstehen des sogenannten Dämons, der die Idee der Maschinen zu den Menschen brachte und, wie Dämonen eben so sind, große Versprechungen machen, die sich dann unbemerkt - oder einfach ignoriert - ins Gegenteil verwenden.

"Tatsächlich fuhren die Menschen zu dieser Zeit (...) ständig hierhin und dorthin, auf der Suche nach Frieden, den ihre Motores jedoch zerstörten, sobald sie ihn gefunden hatten.
Zitat Seite 48

Aber auch Schnelligkeit und Leichtigkeit war ein Trugschluss, denn während die Staus für die Besitzer der fahrbaren Maschinen das Vorankommen erheblich störten, konnten die Fußgänger in der gleichen Zeit viel weitere Strecken zurücklegen. Zudem hatten sie keine Sorgen um die Pflege, Wartung und einen Platz zur sicheren Aufbewahrung. Man spürt natürlich sehr deutlich, wie sehr es Tolkien auf die Nerven ging, dass das ganze Stadtbild, die Ruhe- und Grünflächen durch die Autos, Busse und deren Straßen zerstört wurden - und sein Unverständnis darüber wie sehr die Menschen diese neue technische Errungenschaft in Ehren hielten und ihre Zeit damit verbrachten. Ebenso das Machtgefälle und die damit verbundene Ungerechtigkeit, die manche Stadtteile zu spüren bekamen. Das macht er auch mit einer guten Portion Humor, in dem man die Ernsthaftigkeit dahinter definitiv spürt, wie man es auch in einer Satire erwartet.

Im dritten Fragment schließlich endet die missliche Lage in einem Stillstand und der Verheerung der Stadt durch die vielen Motores, die alles verstopfen und ein Überleben unmöglich gemacht haben.


Im Essay über den Ursprung von Bovadium erfahren wir interessante Hintergründe. Wie klein Oxford noch war, als Tolkien 1911 dort ankam, um in der Universität sein Studium zu beginnen. Dennoch ein geschäftige Stadt, im Wachsen begriffen, aber mit vielen Grünanlagen und Parks, die das Stadtbild geprägt haben. Während Tolkien, wie auch alle anderen, die schönen Wege und Natur genießen konnte, gründete bald darauf der junge Morris im Jahr 1913 seine eigene Autofabrik in Cowley bei Oxford. Sein Geschäft blühte so auf, dass sich immer mehr Fabriken in dieser Gegend sammelten um die Herstellung der Bauteile zu gewährleisten. Das hatte tiefgreifende Änderungen für Oxford auf unterschiedlichen Ebenen zur Folge.
Übrigens eine der ältesten Universitäten, die schon im 13. Jahrhundert gegründet wurde.

Auf die Aussage eines Oxford-Don (Dozent o. ä. mit Führungsaufgaben), die Massenproduktionen usw würden die Universität näher an das "wirkliche Leben" bringen, beantwortet Tolkien in seiner Feststellung:

"Die Vorstellung, dass Autos  "lebendiger" sind als, sagen wir, Zentauren oder Drachen, ist merkwürdig; dass sie realer sind als, sagen wir, Pferde, ist erbärmlich absurd. Wie real, wie verblüffend lebendig ist ein Fabrikschornstein im Vergleich zu einer Ulme: armes veraltetes Ding, substanzloser Traum eines Eskapisten."
Zitat Seite 106

Es geht noch viel über Sharp´s Pläne und Konzepte, die viel Unstimmigkeiten hervorgerufen haben, wie auch zukünftige Vorschläge und Entscheidungen in der immer schneller wachsenden Stadt. Diese Diskussionen zogen sich bis in die 60er Jahre... wir wissen, es war und ist nicht aufzuhalten und so viel Natur weicht unserem Beton in Häusern und Straßen. Wir bemerken es ja kaum noch, weil wir von Häuserfronten umgeben sind, aber zur damaligen Zeit muss selbst dieser (für uns) langsame Umbruch von ländlicher Stille in täglichem Verkehr mit Lärm und Gestank sehr einschneidend gewesen sein.
Tolkiens Liebe und Verbundenheit zur Natur ist in seinen Büchern spürbar und die Einblicke in seine Gedanken zu der industriellen Ausbreitung haben mich sehr berührt.

Einige Passagen waren etwas trocken mit viel theoretischem Inhalt, aber es ist ein wirklich schön gestaltetes Büchlein: Das Cover liebe ich sehr mit dieser wunderschönen gemalten grünen Landschaft, die sozusagen zerrissen wird und damit die Fragmente im Titel optisch darstellt. Auch Tolkiens Bilder unterstreichen sehr schön die jeweilige Stimmung, wie auch die Fotos oder Stadtplan-Ausschnitte zum Verständnis beitragen. 
Sehr liebevoll zusammengestellt und im gesamten ein informatives Werk über Tolkiens Liebe zur Natur und den vielen Streitfragen beim Aufkommen von mehr Auto-Mobilität in den Städten, die sich ihren Charme und ihre Ruhe behalten wollten.

"Machen Sie Ihre Parks nicht kaputt, weil sie scheinbar wertvollen Platz für mehr Autos bieten. Wenn man mitten in einer Stadt mehrspurige Autostraßen anlegt und die Parks dafür zurechtstutzt, dann zieht man nur immer mehr Verkehr ins Zentrum der Stadt."
Zitat Seite 137


Meine Bewertung
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