Ich hab ein bisschen schwer in die Geschichte hineingefunden muss ich zugeben. Der alte Stil und wie die Handlung zusammengesetzt ist, wirkt ganz anders als heutzutage und fühlt sich etwas kompliziert an. Allerdings gibt sich das nach einigen Seiten und dann kam ich auch in einen guten Lesefluss.
Es beginnt damit, dass Rocannon in einem Museum eine hochgewachsene Frau beobachtet. Im nächsten Absatz wird direkt in die Vergangenheit geschwenkt - zur Geschichte dieser Frau, Semley, die auf dem Planeten Fomalhaut II lebt.
Auf diesem Planeten sind vor Jahrzehnten Sternfahrer aufgetaucht, die vor einem Krieg warnten, in dem sie sich befinden und dafür Tribut einfordern, obwohl die Bewohner von Fomalhaut II nichts damit zu tun haben. Die Forscher haben vermerkt, dass auf diesem Planeten zwei intelligente Rassen leben, die sich in zwei Unterarten auf verschiedene Weise weiter entwickelt haben.
Semley ist dort die Braut eines Burgherren, der außer dem zugigen Schloss nichts besitzt und der Neid auf die wenigen Schätze der anderen sie aufbrechen lässt, um ein verloren gegangenes Schmuckstück aus ihrem Familienerbe wieder zu finden. Der Weg führt sie zum Grauen Volk, dass ach unter dem Namen "Zwerge" bekannt ist. Und diese erinnern auch stark an diese Geschöpfe, wie wir sie heute kennen. Sie leben in Höhlen und unterirdischen Gewölben, sind technisch und im Schmieden von Waffen versiert und verstehen es, zäh zu verhandeln. Vor allem die kurze Reise in einem Karren auf Schienen hat mich sofort an die Zwergenabenteuer bei Markus Heitz erinnert :) Ein anderes erinnert an die Halblinge.
Die Welt auf diesem Planeten hat dennoch ihre eigene Originalität und eine sehr fremdartige Atmosphäre, auch wenn wir mit Rocannon auf seiner Reise nur einige Orte kennenlernen, ist alles sehr bildhaft beschrieben.
Mit der Hilfe der Grauen jedenfalls gelingt es Semley, das wertvolle Geschmeide wieder in ihren Besitz zu bringen, allerdings für einen hohen Preis, denn viele Entscheidungen danach gründen auf diesem eigennützigen Wunsch und führen Rocannon schließlich wieder nach Fomalhaut II, um sich mit den anderen Forschern zu treffen und auszutauschen. Was er vorfindet, ist erschreckend.
Mit dieser Geschichte zeigt die Autorin ein altes Bild unserer Gesellschaft, oder neues, je nachdem wie weit man in der Zeit zurückgeht - bzw. der Machthabenden und ihren Zielen. Den Irrglauben, dass technische Errungenschaften das höchste Gut sind und jeglicher Fortschritt von Technologien alleine auf Intelligenz und Nutzen schließen würde.
Auch der Umkehrschluss auf das Aussehen und das Gemüt wird hier sehr schön demonstriert und das vorschnelle Urteilen bzw. auch die Täuschungen und Irrtümer und wie verheerend es sich auswirkt, wenn man anderen Völkern etwas aufzwingt, das ihnen zuwider spricht.
Eine sehr ruhige Geschichte von einer Reise, die mit ihren Figuren punktet - vor allem Rocannon, der jedem Lebewesen mit Respekt und Toleranz begegnet.
Das zehnte Jahr
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Ein wunderschöner Anfang mit einer sehr stimmungsvollen Atmosphäre. Der Herbst geht gerade in den Winter über, während wir Rolery begleiten, die sich in die nahe Stadt der "Ferngeborenen" traut, um sich dort mal umzusehen.
Sie lebt in Askatevar, auf einem lebensfeindlichen Planeten in Siedlungen und Zelten, in nomadischen Klangemeinschaften. Die Ferngeborenen haben allerdings viele Städte aus Steinen errichtet und es wird immer wieder über ihre Zauberkräfte gemunkelt. Rolery begegnet ihnen mit Furcht einerseits, aber auch mit dem Stolz in sich, sich nicht als minderwertig ansehen zu lassen. Es gab aber wohl mal eine Zeit, als sich die Völker angenähert haben, das ist aber schon wieder eine Weile her.
Ihre Neugier ist jedenfalls erfrischend, denn die beiden Völker lange Zeit wenig Kontakt. Hier spielt sehr viel Voreingenommenheit mit.
Jakob Atar Alterra ist einer der übrigen knapp 2000 Ferngeborenen, also jenen, die von einem fernen Planeten vor langer Zeit hier ankamen und Fuß gefasst haben. Doch es kam schon lange niemand mehr und so harren sie hier aus. Sie befürchten bald einen großangelegten Angriff und wollen sich mit den Klans gegen sie verbünden, aber so leicht fügt es sich nicht zusammen.
Interessant fand ich hier, dass viele der "Ferngeborenen" im Kollektiv denken können bzw. telepathisch veranlagt sind - der eine mehr, der andere weniger. Im Grunde liegt dann alles offen, was man denkt und fühlt - was einerseits gut ist, da es Intrigen und Geheimnissen vorbeugt - aber auch schlecht, weil es Privatsphäre und persönliche Geheimnisse verhindert. Gerade Jakob merkt das, als er sich von der Stadt und entfernt und die Freiheit spürt, dass nicht jeder seiner Gedanken von anderen beobachtet wird.
Bei dem Klan von Rolery wiederum fand ich spannend, dass hier in den Gesprächen gesagt wird: "Ich höre dich", wenn ich einverstanden bin mit dem, was gesagt wird. Wenn es mir gegen den Strich geht, sag ich einfach: "Ich höre dich nicht." Das fand ich sehr bedeutsam, wenn man es auf Gespräche anwendet und wie jeder mit dem Gesagten des anderen umgeht.
Das schöne an diesen alten Geschichten ist, dass man von vielem überrascht wird. Heutzutage haben die meisten Bücher ihr bestimmtes Muster, aber damals gab es das oft noch nicht in dem Ausmaß - und so habe ich mich mitnehmen lassen auf diesen weit entfernten Planeten, auf dem die Menschen in den ewig langen Wintern ums Überleben kämpfen müssen. Eindrucksvoll war diese Atmosphäre der Ausweglosigkeit, und wie alle dennoch versuchen, weiter zu machen und um ihr Leben kämpfen. Egal welche Zukunft sie vor sich haben. Und wie zwei völlig unterschiedliche Rassen von zwei Planeten zusammenfinden, weil sie nur Gemeinsamkeit stärken kann.
Stadt der Illusionen
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"... dass der Rechte Weg erst dann erkennbar wird, wenn alle anderen Wege in die Irre geführt haben."
Zitat Seite 282
Vor rund 1200 Jahren zerstörten die Shing die Liga, die einst alle Welten vereinte, und machten die Erde zu ihrer neuen Heimat. Seitdem leben die einheimischen Bewohner weit verstreut in kleinen Gemeinschaften. Diese Isolation macht es den Menschen unmöglich, Bündnisse zu schließen oder auch nur Neuigkeiten auszutauschen. Seit Generationen leben sie in Angst. Angst vor dem Unbekannten, vor Gerüchten, vor einer Bedrohung, die sie nicht benennen können – und der sie dennoch ständig ausgesetzt sind.
In diese fragile Welt tritt eines Tages ein Fremder. Verwahrlost, verängstigt und vollkommen hilflos taucht er auf einer Lichtung auf, auf der Parth mit ihrer Familie in einer Art Kommune lebt. Sein Geist ist der eines Kleinkindes, sprechen kann er nicht – und doch geht von ihm etwas Rätselhaftes aus. Etwas, das zeigt, dass mehr in ihm steckt. War er schon immer so? Wurde sein Verstand ausgelöscht? Ist er ein Werkzeug der Shing – oder vielleicht nicht einmal ein Mensch? Sein fremdartiges Aussehen nährt Misstrauen und Angst gleichermaßen.
Man nennt ihn Falk. Über Jahre hinweg wächst er in der Gemeinschaft auf, lernt Sprache, Verhalten und Menschlichkeit. Doch von Anfang an spürt man: Dies ist nicht der Ort, an dem seine Geschichte endet. Ohne Erinnerung an seine Herkunft und ohne zu wissen, warum sein Geist leer ist, bleibt ihm nur eines – die Suche nach Antworten.
Seine Reise führt ihn durch das entvölkerte Land der ehemaligen USA und konfrontiert ihn mit den unterschiedlichsten Ausprägungen menschlichen Zusammenlebens. Die Autorin zeichnet eindrucksvoll, wie vielfältig ihre Lebensweisen sind: mordende Barbaren, ritualisierte Glaubensgemeinschaften, einsame Einsiedler, selbsternannte Könige oder umherziehende Nomaden. Falk lernt, dass Wissen über Jahrhunderte verzerrt weitergegeben wird, dass Wahrheit zerbrechlich ist und Vertrauen ein hohes Risiko darstellt. Immer wieder steht er vor der Frage: Was ist real – und was nur eine gut erzählte Lüge?
Zu Beginn entfaltet sich die Geschichte ruhig, was ich keineswegs als negativ empfunden habe. Gegen Ende jedoch nimmt die Handlung deutlich an Fahrt auf, und man erkennt, worauf alles hinausläuft. Plötzlich wird vieles infrage gestellt, und der bisherige Verlauf ergibt in seiner Struktur vollkommen Sinn. Ich konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen und fieberte mit Falk mit, der sich unvermittelt in einer völlig neuen Rolle wiederfindet – verbunden mit einer weit größeren Verantwortung, als zunächst zu erwarten war.
Die Geschichte lässt sich zwar eigenständig lesen, weist jedoch Bezüge zu „Das zehnte Jahr“ auf, dessen vorherige Lektüre sich lohnt.
Ich bin absolut begeistert. Die zahlreichen gesellschaftlichen Themen, die hier aufgegriffen werden, sind auf sehr gelungene Weise umgesetzt. Die Spannung baut sich langsam, dafür umso intensiver auf und gipfelt schließlich in einem wirklich packenden Finale.

Die Hainish Romane
1 - Rocannons Welt
2 - Das zehnte Jahr
3 - Stadt der Illusionen
5 - Planet der Habenichtse / Die Enteigneten / Freie Geister
7 - Four Ways to Forgiveness
8 - Die Erzähler / Die Überlieferung
Ich hab diese drei Geschichten in dem Sammelband gelesen, der
1987 im Heyne Verlag erschien - Gesamt 443 Seiten
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