Britt-Marie war hier von Fredrik Backman
Im Original Britt-Marie var här
übersetzt von Stefanie Werner
Genre Roman
Schauplatz "Borg" in Schweden
Verlag Fischer Taschenbuch
Seitenzahl 400
1. Auflage Mai 2017
Britt-Marie hat ihr Leben lang gewartet, dass ihr Leben endlich anfängt.
Andere sagen, sie sei pedantisch, aber sie will doch nur, dass alles schön und
ordentlich ist. Nach vierzig Jahren hat sie ihren Mann verlassen und sucht
einen Job.
Borg ist ein Ort, in den eine Straße hinein- und wieder hinausführt. Arbeit
gibt es hier schon lange nicht mehr. Das Einzige, was den Kindern und
Erwachsenen geblieben ist, ist die Begeisterung für Fußball. Wofür Britt-Marie
nun wirklich kein Verständnis hat …
Meine Meinung
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Den Charakter Britt-Marie
kenne ich schon aus "Oma lässt grüßen...". Dort ging es um eine
Hausgemeinschaft, in der auch besagte Britt-Marie mit ihrem Mann Kent gewohnt
hat. Und dort jedem extrem auf die Nerven gegangen ist.
Sie ist die "typische klischeehafte Hausfrau", die ihren Mann in den Himmel
lobt, weil er Tag und Nacht in der Arbeit ist, die jedem hinterher pirscht und
bevormundet und dabei lächelt, als meinte sie es gut. Obwohl jeder weiß, dass
es im Grunde nicht so ist. Alles muss eine Ordnung und Richtigkeit haben und
alle die das nicht so machen wie sie, möchte sie darüber aufklären, wie es
richtig ist. Denn Britt-Marie weiß ganz genau, was sich gehört und alle
anderen sollten das auch.
Ja, ein extrem nerviger und anstrengender Mensch; aber der Autor versteht es
auch hier wieder, hinter diese Fassade zu blicken, denn es gibt natürlich
Gründe, warum diese Frau so ist wie sie ist.
Dass sie dabei eher passiv-aggressiv ist als fürsorglich, so wie sie selbst
denkt, fällt ihr gar nicht auf. Und auf den ersten Seiten lernen wir diese
Britt-Marie auch bis an die Spitzen unserer Nervenenden kennen und ebenso die
Dame beim Arbeitsamt, die eine Engelsgeduld erweist.
Britt-Marie ist 63 und hat sich gerade von ihrem Mann getrennt. Das
Alleinsein bekommt ihr überhaupt nicht, auch wenn sie zuvor auch immer alleine
war und ihr Leben hauptsächlich mit dem Warten auf Kent bestand (ihren
Ex-Mann). Dass sie sich jetzt eine Arbeit sucht hat ganz bestimmte Gründe: sie
möchte nicht, dass Nachbarn die Polizei anrufen, weil aus ihrer Wohnung
plötzlich ein verwesender Geruch kommt ... ja, sie ist einsam, nicht nur
allein und sie möchte, dass man sie bemerkt und schätzt, was sie tut.
Sie hat nicht gelernt, dass sie selbst der wichtigste Mensch in ihrem Leben
ist. Sie will allen anderen gefallen und merkt nicht, wie sie dabei
gleichzeitig allen anderen ihre eigenen Vorstellungen aufzwingt. Oftmals
"schreit sie innerlich", was ein beeindruckendes Bild ist, denn äußerlich
bleibt sie immer ruhig und korrekt, sie will ja nicht auffallen. Sie will ja
ordentlich sein und "normal". Dabei spürt man genau, wie es sie innerlich
auffrisst, ihr Leben lang für andere da gewesen zu sein und es scheinbar
niemand wahrgenommen hat. Und erst recht nicht Dankbarkeit zeigt. Oder
wenigstens Aufmerksamkeit.
Besonders wichtig scheint ihr stets zu sein,
was andere über sie denken. Vielleicht kommt das daher, dass sie nicht
weiß, wer sie ist. Wie kann das sein? Ich denke, wenn man ständig für andere
da ist, ständig nur funktioniert statt lebt und den Anforderungen anderer
gerecht werden will: wo bleibt man dann selbst? Wenn die Meinung der anderen
immer wichtiger wird, wird die eigene wahrscheinlich so sehr unterdrückt, dass
man sie irgendwann nicht mehr wahrnimmt und man sich verliert. Und alles nur
tut, was man denkt, was von einem erwartet wird.
Jedenfalls ist sie sehr penetrant bei der Arbeitsvermittlung, so dass sie
schließlich in "Borg" aufschlägt, einer kleinen Ortschaft, die sich am
auflösen ist und es neben ein paar Wohnhäusern nicht viel gibt. Nur das
Jugendzentrum, in dem Britt-Marie für drei Wochen Hausmeisterin sein soll -
und ein kleines Geschäft, in dem sich alles versammelt hat, was schon
geschlossen wurde: Supermarkt, Pizzeria, Autowerkstatt etc... Sie lernt einige
der Anwohner genauer kennen und vor allem die Fußball spielenden Kids, zu
denen sie recht schnell einen Bezug aufbaut. Ob sie will oder nicht :)
Die Menschen, die sie in Borg kennenlernt, von den Fußball spielenden
Kindern, über "Jemand", die im Rollstuhl sitzt, bis zu Sven, dem
schüchternen Polizisten - diese Begegnungen verändern etwas in ihr, denn zum
ersten Mal in ihrem Leben wird sie wahrgenommen und angenommen. Neben den
witzigen Seiten des ganzen gibt es auch einige traurige Momente und der
Autor zeigt wieder mit Bravour die vielen Hintergründe von Menschen, die
eine Chance auf ein schönes Leben haben möchten.
Es ist unglaublich witzig und berührend zu verfolgen, wie die alte Frau
hier Fuß fasst und obwohl sie hier eigentlich überhaupt nicht hin passt, sich
mit allem arrangiert. Wie sehr man spürt, wie schwer ihr alles fällt, denn ihr
Leben bisher hat sich ja auf ihre Wohnung (putzen) und ihren Ex-Mann
(umsorgen) beschränkt und mit 63 Jahren plötzlich alles neu anzufangen ist
wahrlich nicht leicht.
Natürlich erfährt man auch einiges aus ihrer Vergangenheit, das sehr deutlich
macht, warum sie so ist, wie sie ist.
Gerade das finde ich bei dem Autor so genial und so
voller Herzenswärme für seine Mitmenschen. Er zeigt die Personen, die
man gerne belächelt, die man auf den Mond wünscht, die man nicht ausstehen
kann, die einfach unsympathisch sind -> und lässt uns hinter ihre Mauern
blicken bis in ihr Herz.
Meine Bewertung
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