Im Original All the Ugly and Wonderful Things
übersetzt von Simona Turini
Genre Coming of Age Drama
Schauplatz USA
Verlag FESTA
Seitenzahl 506
1. Auflage August 2016
Meine Meinung
✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶
Ich hab mich etwas vor diesem Buch gescheut muss ich gestehen. Es hat ja
einige Diskussionen angefacht, denn das Thema ist schon sehr heikel und schürt
die Gemüter.
Die Geschichte beginnt im März 1975. Wavy ist 5 Jahre alt, als sie von ihrer
Tante Brenda aufgenommen wird, da ihr Vater und ihre Mutter beide im Knast
sitzen. Die Autorin verschafft uns Zutritt zum Leben dieses kleinen Mädchens,
das unter den schlimmsten Bedingungen aufwachsen muss.
Nicht nur, dass ihr Vater drogensüchtig ist und dealt, auch ihre Mutter ist
abhängig und dazu psychisch krank.
Natürlich ist Wavys Verhalten extrem auffällig, was ihre Tante total
überfordert.
Dabei ist es nur ihr Überlebensinstinkt, weil sie schon früh lernen musste,
mit den irrationalen Ängsten ihrer Mutter zu überleben.
Mit 7 Jahren kommt sie wieder zurück zu ihrer Mutter - mittlerweile hat sie
einen kleinen Bruder bekommen und es ist erschütternd und berührend, wie sie
versucht, in dem Chaos von Verwahrlosung und Gewalt zurecht zu kommen.
Dann begegnet sie Kellen.
Zu ihm entsteht eine Verbindung, die sie endlich spüren lässt, dass jemand
sich um sie kümmert, dass sie jemandem wichtig ist und sich um sie sorgt. Eine
bizarre Freundschaft zwischen zwei Menschen, die einander brauchen.
Ich war sehr hin- und hergerissen, denn ich mag es nicht, wenn man solchen
Freundschaften von vornherein etwas unterstellt. Andererseits hatte ich auch
manchmal ein ungutes Gefühl beim Lesen, weil ich wusste, worauf es irgendwann
hinausläuft, aber ich wollte mich darauf einlassen und abwarten.
Dadurch, dass die Autorin aus verschiedenen Perspektiven erzählt und viele
Figuren zu Wort kommen lässt, hatte ich einen guten Überblick über die
Gefühlswelt von Wavy und Kellen, und all die anderen aus ihrem Umfeld und die
Außenwirkungen. Es scheint nicht richtig zu sein - und doch gibt es
Schicksale, über die wir kein Recht haben zu urteilen. Und ja, es gibt
13/14jährige, die sehr wohl entscheiden können. Gerade wenn sie so viel
mitgemacht haben dass sie in manchen Belangen erwachsener sind als manche über
20jährige.
Der Schreibstil ist ruhig und flüssig, kein Gerede um den heißen Brei, sondern
nackte Tatsachen, die beklemmen, Mitgefühl wecken, Wut schüren, fassungslos
machen und unglaublich tief greifen.
Bryn Greenwood hat hier ein sehr heikles Thema verarbeitet, dass eine
Achterbahnfahrt an Gefühlen ausgelöst hat. Alleine die Situation wie Wavy
aufwächst, was sie alles miterleben muss und wie sie damit umgeht; wie sie
ihre Hilflosigkeit umwandelt und eine Stärke entwickelt, die ihr niemand
zugetraut hat.
Normalerweise mag ich es nicht, wenn die englischen Originaltitel im deutschen
geändert werden, aber hier passt es einfach perfekt. Denn soviel Finsternis
auch um Wavy herum ist, sie folgt den Lichtern der Sterne und kämpft für ihr
eigenes Leben und ihre Liebe.
Es passiert so unglaublich viel und ich war von Anfang bis Ende gefesselt von
dieser düsteren Geschichte, auch weil sie so nah an der Realität ist wie sie
leider viele Kinder durchleben müssen. Aber sie zeigt auch, dass man
zusammenfinden kann, auch wenn alles dagegen spricht und auch wenn manche
Szenen sehr an die Grenzen gehen, spiegelt es das wahre Leben, das oft
seltsame Wege geht.
Ich empfinde es unglaublich schwer, diese Geschichte zu beschreiben. Sie ist
extrem aufwühlend und geht unglaublich nah. Und doch begleitet sie eine zarte
Hoffnung, ein leises Licht in der Dunkelheit, das zwei Menschen durch all die
schlimmen Momente führt in denen man Halt sucht.
Ein beeindruckendes Buch, das sicher noch lange nachhallen wird.
Meine Bewertung
✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶
Ebenfalls rezensiert bei






Hallo liebe Aleshanee,
AntwortenLöschenich habe mich damals auch sehr schwergetan, als es darum ging, eine Rezension zu dem Buch zu schreiben. Eben weil es gar nicht so leicht ist, seine Gedanken in Worte zu fassen.
Dir ist die Rezension einfach perfekt gelungen. Du bringst genau das auf den Punkt, was ich beim Lesen auch empfunden habe.
Ich habe die Autorin sehr dafür bewundert, wie treffend sie dieses komplexe Thema niedergeschrieben hat und wie realistisch die Geschichte wirkt.
Deinen Worten kann ich eigentlich nichts mehr hinzufügen. Du hast es perfekt getroffen. Ich freue mich, dass dich die Geschichte genauso berührt hat wie mich.
Ganz liebe Grüße
Tanja :o)
Vielen Dank liebe Tanja! Das war wirklich nicht einfach hier all die Gedanken und Gefühle in die Rezension mit einfließen zu lassen, also so irgendwie zumindest, deshalb freut es mich umso mehr, dass es gelungen ist :)
LöschenEs war nicht einfach zum lesen und es gab schon einiges, was ich hinterfragt habe - die Autorin hat das wirklich großartig gemacht.
Hallo Aleshanee,
AntwortenLöschenoh, ich erinnere mich an dieses Buch, also, dass es vorgestellt wurde.
Kann gut nachvollziehen, dass dich das hin- und hergerissen hat.
Ein schwieriges Thema.
Ich weiß nicht ob 13/14jährige mit so einer Vergangenheit erwachsener sind, sie sind gerade weil sie sowas erlebt haben noch verletzlicher und vielleicht sogar schutzbedürftiger als andere. Gerade weil sie keine Liebe und Wärme erfahren haben und empfänglich dafür sind, beeinflussbar.
Vielleicht können manche aber auch gut einschätzen, wie ein Mensch ist, ob vertrauenswürdig, ehrlich.. oder nicht, da sie gelernt haben, auf die kleinsten (unberechenbaren) Emotionen zu achten, den Raum zu lesen. Was letztendlich eine Folge des Traumas ist.
Ich habe das Buch noch nicht gelesen
aber du vermittelst einen echt guten Einblick, auch in die Kontroverse darum.
Liebe Grüße,
Silver
Da sind ja viele schwere Themen mit drin und ja, vielleicht ist das Wort "erwachsener" hier falsch gewählt, vielleicht "gereifter"? Jedenfalls ist jemand, der viel schweres durchlebt hat anders, und ja, natürlich auch verletzlicher und natürlich auch schutzbedürftig, doch wie weit kann man mit diesem Schutz gehen? Ich möchte dabei nämlich auch niemanden sozusagen "unmündig" machen.
LöschenDas ist ja grade das schwierige, man weiß nicht, ob es gut ist, für was es gut ist. Tut es dem anderen wirklich gut, oder denkt er es nur bzw. redet es sich nur ein? Wir können nicht in andere reinschauen und oft wissen sie es selbst nicht. Die Autorin zeigt aber hier eben wirklich eindrucksvoll, dass alles auch komplett anders sein kann als es "von außen" aussieht.
Und dass man Menschen auch ein Stück weit zutrauen kann, für sich selbst zu entscheiden - auch wenn sie noch jung sind.
Ich müsste dafür noch viel weiter ausholen, denn das Thema hat ja so vieles, was da noch mit dranhängt... aber ich denke du weißt was ich meine und ich glaube auch, dass wir da ähnlich denken :)
Ja, verstehe.
LöschenVielleicht ist das gerade die Schwierigkeit, allgemein, die du hier ansprichst– wie weit kann man dem Urteil einer so jungen Person trauen.
Vielleicht liegt es gar nicht an ihr, sondern an dem Kontrast zum Gegenpart, also man würde es als unproblematisch(er) sehen, wäre es die gleiche Altersgruppe.
Das, was aufstößt, irgendwie schief ist, ist der Altersunterschied (Stichwort Grooming).
Und das ist ja, soweit ich weiß, auch Teil der Kontroverse? Also, der Altersunterschied?
Puh, gar nicht einfach.
Das stimmt, manchmal ist es anders als man denkt und vor dem Urteil sollte man immer hinschauen und zuhören (oder lesen:))
Ich glaube ich muss das jetzt auch lesen um da mehr Einblick zu haben.
Ja, deshalb hab ich es gelesen. Ich wollte mir selbst ein Bild machen, denn von grundauf her hätte ich erstmal kein Verständnis. Aber ich weiß halt, dass es Situationen gibt, die ich nicht einschätzen und beurteilen kann. Eigentlich steht mir das ja prinzipiell nicht zu (außer natürlich man sieht direkt einen Missbrauch egal welcher Art).
LöschenEs geht hier wirklich um den Altersunterschied (das hab ich anscheinend nicht deutlich genug hervorgehoben oder erwähnt) und ja, schwierig. Aber man sieht gerade an dieser Geschichte, dass man als "Beobachter" eben auch falsch liegen kann, so gut man es auch meint.
Huhu Aleshanee,
AntwortenLöschenWow, das klingt wirklich nach einem sehr aufwühlendem und intensiven Leseerlebnis. Ich muss ehrlich sagen, dass ich noch nie etwas von dem Buch gehört habe und deswegen auch die Diskussionen darüber nicht mitbekommen habe. Sind die beiden Protagonisten denn im selben Alter? Oder geht es da um einen extremen Altersunterschied oder einfach nur um ein Mädchen, das früh erwachsen wird?
Ich habe auch das Gefühl, dass man, je mehr Dreck man als Kind schlucken musste, sehr früh eine gewisse Reife entwickeln kann. Gerade auxäch bei Mädchen, die sich früh um sich selbst kümmern mussten, ist das ja sehr oft so. Man wird viel schneller erwachsen.
Ich finde das Buch auf jeden Fall interessant!
Liebe Grüße
Jessi
Also Tanja (s.o.) und auch Nicole hatten es gelesen und waren sehr beeindruckt und ich hab dann auch ein bisschen geschaut und die Rezensionen verfolgt. Ja, es geht um den Altersunterschied, ich wusste grade gar nicht mehr dass ich das nicht so explizit erwähnt hatte.
LöschenWäre Kellen 16 und sie 13 hätte wahrscheinlich kein Hahn danach gekräht, aber der Altersunterschied und wie sich das alles entwickelt hat ist schon sehr speziell, aber eben auch nachvollziehbar.
Wenn man etwas durch machen muss, reift man. Ob als Kind oder auch später. Mit Erfahrungen wächst man, wenn man kann und das sieht man an diesem Beispiel hier einfach sehr gut. Wir unterschätzen andere da oft - auch wenn es wie gesagt ein schmaler Grat ist, inwieweit man dem Urteilsvermögen dann trauen kann. Also zwischen Fürsorge und Übergriff...
Auf jeden Fall eine wichtige Geschichte für mehr Feinfühligkeit und Aufmerksamkeit!
Hallo Aleshanee,
AntwortenLöschenich freue mich, dass du davon ebenso begeistert bist! Übrigens finde ich es gut, dass du den Altersunterschied nicht direkt in der Rezension angesprochen hast. In meiner habe ich damals bewusst darauf verzichtet, denn das war der Grund, warum ich nicht zu dem Buch greifen wollte. Da hätte ich wirklich ein ganz großes Werk versäumt, wenn die Neugier nicht gesiegt hätte.
Liebe Grüße
Nicole
Ich habe mal wieder den HAken vergessen.
LöschenNachdem jetzt in den Kommentaren gefragt wurde, hab ich echt überlegt ob ich es extra weggelassen habe oder es vergessen ^^ Ich hab die Rezension vor 2 Monaten geschrieben, ich bin mir nicht mehr sicher ...
LöschenJa, sobald man von dem Altersunterschied hört kommt da so eine innere Sperre, aber ich bin froh, dass ich es versucht habe. Jetzt möchte ich natürlich auch "Unser leichtfertiger Eid" von ihr lesen :)
"Unser leichtfertiger Eid" ist auch sooo schön. <3 Es ist nicht ganz so heftig, wie das Sternenbuch, beinhaltet aber auch wieder ein heikles Thema. Ich glaube, dass es dir auch gefallen wird.
LöschenNa dann :) Wobei das noch dauern wird, dieses Jahr wahrscheinlich nicht mehr. Du weißt ja, der SuB und so xD
LöschenLiebe Aleshanee,
AntwortenLöschenwas für eine großartige und feinfühlige Rezension zu diesem besonderen Buch.
Ich habe mich damals genau wie du gefragt, wie ich diese Achterbahnfahrt der Gefühle überhaupt in Worte fassen soll. Es freut mich wahnsinnig zu lesen, dass dich die Geschichte von Wavy und Kellen trotz aller anfänglichen Zweifel so tief berühren konnte. Du hast völlig recht: Die Autorin schafft es meisterhaft, die nackten, beklemmenden Tatsachen darzustellen, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Genau dieses "leise Licht in der Dunkelheit", das du so schön beschreibst, macht das Buch trotz der heftigen Thematik so lesenswert und hebt es aus der Masse heraus.
Und lieben Dank, dass du meine Rezension mit verlinkt hast.
Liebe Grüße,
Mo
Vielen lieben Dank! Es war wirklich nicht einfach hierzu etwas zu schreiben - vor allem ohne zu viel zu verraten und das ganze Dilemma irgendwie in Worte zu fassen...
LöschenSehr gerne hab ich deine Rezension verlinkt! Ich mach das ja eigentlich immer, also andere Rezis verlinken, in letzter Zeit hab ich das leider etwas schleifen lassen... das möchte ich wieder ändern :)