Donnerstag, 16. April 2015

Rezension: Die Quelle von Catherine Chanter


Genre: PsychoDrama

im Original: The Well

Verlag: Fischer / Scherz
Seitenzahl: 480
Hardcover: 16,99 €
ebook: 14,99 €

1. Auflage: Feb 2015






"Und ich wurde ebenfalls ein Teil davon, watete anfangs noch zaghaft ins Wasser, 
bis ich eines Tages feststellte, dass ich den Grund unter den Füßen verloren hatte 
und es schwieriger war, ans Ufer zurückzukehren, als weiterzuschwimmen." S. 173




Klappentext

Was ist grausamer, die Natur oder die Menschen? Ruth wollte mit ihrer Familie neu anfangen, draußen im Haus an der Quelle. Doch als es im ganzen Land nicht mehr regnet, nur noch bei ihnen, wird das Paradies zum Albtraum, der das Leben eines Kindes kostet – und bald kann Ruth nicht einmal mehr sich selbst trauen.

In England regnet es nicht mehr, eine Dürre überzieht das ganze Land. Nur auf dreißig Morgen Land im Westen der Insel fällt noch Regen. Ruth und Mark, denen »die Quelle«, dieses noch fruchtbare Grundstück gehört, haben als Einzige Wasser und könnten sich glücklich schätzen. Doch das vermeintliche Paradies, in dem sie leben, wird zu ihrer ganz persönlichen Hölle.


Meine Meinung
 

Also erstmal möchte ich sagen, dass ich an das Buch sehr positiv rangegangen bin, weil mein Sohn es mir zum Geburtstag geschenkt hat. Nach dem Klappentext hatte ich eine "erwachsene" Dystopie erwartet, Dürrekatastrophen und einen Ansturm auf die Quelle, durch den Konfrontationen mit verschiedenen Menschen entstehen. Was ich dann allerdings von der ersten bis zur letzten Seite gespürt habe, war Einsamkeit. Das verwirrte, teils verstörende Psychogramm eines Menschen, dem alles aus den Händen geglitten ist, was ihm jemals etwas bedeutet hat. 

Es ist wirklich schwierig zu beschreiben, ohne zuviel zu verraten. Alles beginnt mit Ruth. Sie wird aus der Haft entlassen und nach Hause zurück gebracht, zurück zur Quelle. Doch es sind Wärter bei ihr, Tag und Nacht, und sie muss eine Fußfessel tragen. Sie scheint durcheinander zu sein - Medikamente spielen eine Rolle, die Psychiatrie wird erwähnt, aber so wirklich weiß man nicht, was mit ihr passiert ist. 
Der Schreibstil ist wirklich außergewöhnlich. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Ruth erzählt; was jetzt passiert im Präsens und in den Rückblicken in der Vergangenheitsform. Ich kann mir gut vorstellen, das einige die Handlung langweilig finden - aber ich habe mich darauf eingelassen und es hat von Anfang an einen ganz besonderen Sog entwickelt, dem ich mich kaum entziehen konnte. Ruth berichtet in einer beinah gleichmütigen und spröden, aber gleichzeitig berührenden und einnehmenden Weise. 

Die Dürre, die ganz England im Griff hat, schürt Unruhen und Ängste bei den Menschen. Dass gerade das einsame Cottage, in dem Ruth und ihr Mann Mark ein Zuhause finden wollen, davon ausgeschlossen ist, grüne Wiesen blühen und fruchtbares Ackerland zu bepflanzen ist, lässt Neid und Hass und Aberglauben entstehen. Aber auch wenn die ständige Verteidigung der "Quelle" im Vordergrund steht, geht es hier um ganz andere Kämpfe, die gerade Ruth schon seit Jahren mit sich ausfechten muss. Ich habe von Anfang an eine sehr intensive Nähe zu der Protagonistin gespürt, obwohl ich sie bis zum Schluss schwer einschätzen konnte. In der Gegenwart unter der ständigen Bewachung sind ihre Gedanken sprunghaft, ja wirr, als wäre sie haltlos in einem Leben gefangen, dass sie selbst nicht mehr versteht. Wenn aber die Passagen aus der Vergangenheit auftauchen, wird ihr Blick klarer und eine gewisse Sehnsucht spürbar. Detailreich, anschaulich, manchmal belanglos, dann wieder fesselnd - Momentaufnahmen aus ihrem Leben, die eine ganz besondere Bedeutung haben und die eine mir unerklärliche Wirkung haben. Obwohl scheinbar lange Zeit nicht viel passiert, wird man in Ruths psychische Unbeständigkeit hineingezogen. Und natürlich hat mich auch die Neugierde weitergetrieben, welche Schuld sie denn tatsächlich auf sich geladen hat.

Mit ihrer scheinbar oberflächlichen Erzählung transportiert die Autorin sehr subtil die Stimmungen und Gefühle. Nach 22 Ehejahren war es ein Traum und ein Strohhalm, an den sich das Paar klammerte, um mit dem Cottage bei der Quelle alles wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Mark hat mit Verleumdungen zu kämpfen, Ruth zweifelt und ihreTochter Angie hat alle negativen Klischees durchgemacht, die ein Teenager fertig bringen kann. Das erhoffte Paradies wird recht schnell zum Albtraum: die Zweisamkeit führt zur Einsamkeit, die Fülle zieht Missgunst auf sich und ihre "neue Welt" kapselt sich immer mehr von ihnen ab.

Das ganze beeindruckt in seiner Echtheit und zeigt sehr realistisch die Selbstfindung einer Frau, die sich mit ihrer verzerrten Sicht ein völlig anderes Weltbild und einen gewissenlosen Glauben angeeignet hat. Die Stimmung ist durchweg bedrückend, was aber durch die Normalität der Situationen aus der Vergangenheit wieder aufgefangen wird. 

Man darf hier keinen schockierenden Thriller erwarten, temporeiche Spannung oder kriminalistische Spurensuche, sondern eine komplexe Charakterstudie über Menschen, wie sie in Ausnahmesituationen reagieren können. Die Macht des Glaubens, wenn sich Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit Bahn brechen, haben immer zwei Seiten - wenn Kontrolle und Manipulationen dazu kommen, kann es kein gutes Ende nehmen.

Das letzte Drittel war spannend - wie ich die Auflösung fand, dazu sage ich nichts, denn jedes Wort könnte zuviel verraten. Es war wirklich nicht einfach, diese Geschichte so kurz in Worte zu fassen und ich weiß nicht, wem ich sie empfehlen würde oder nicht. Ich war jedenfalls sehr beeindruckt und auch wenn es einige Längen gab, hat es mich doch nicht losgelassen.

Zusammengefasst
 

Thematik: Vorurteile, Neid und die Macht des Glaubens
Schreibstil: ungewöhnlich, subtil, ausgefallen, anspruchsvoll
Charaktere: außergewöhnlich komplex, teilweise verstörend
Spannung: unauffällige Sogwirkung, mittig etwas nachgelassen, am Ende spannend
Umsetzung: in dem Stil sehr gewagt und schwer in Worte zu fassen - ich bin hier sehr gespannt, wie andere Meinungen dazu ausfallen werden

Fazit
 

Ein psychologisches Drama um den Kampf einer Frau, sich in ihrem Leben zurecht und einen Sinn zu finden. Sehr unaufgeregt hat es mich dennoch in den Bann gezogen und mir einiges zum Nachdenken beschert.

Bewertung

© Aleshanee




Über die Autorin: Catherine Chanter ist im ländlichen Südwesten Englands aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Oxford, wo sie auch studierte. Neben ihrer Arbeit als Lehrerin und mit psychisch
kranken Jugendlichen hat sie schon immer geschrieben, zum Beispiel für Radio 4, und Kurzgeschichten und Lyrik veröffentlicht, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Ihr erster Roman ›Die Quelle‹ wurde mit dem Lucy Cavendish Fiction Prize prämiert und erscheint weltweit in über 20 Ländern.
Quelle: Fischer Verlag



Kommentare:

  1. Wow, das klingt ja nach einem ganz außergewöhnlichen Buch! Schöne Rezension :)

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    1. Danke! ♥ Es war wirklich nicht einfach, das in Worte zu fassen. Sowas in der Art hab ich noch nie gelesen, war ziemlich strange das ganze ^^

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  2. Guten Morgen =)

    Also vom Klappentext her. hätte ich doch erwartet, dass es mehr Richtung Spannung und Thriller geht. Aber ich muss sagen, ich finde es so auch sehr interessant wie du es beschreibst: "komplexe Charakterstudie über Menschen, wie sie in Ausnahmesituationen reagieren können. Die Macht des Glaubens, wenn sich Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit Bahn brechen" . Das klingt für mich absolut lesenswert. Ich muss das mal im auge behalten.

    LG
    Anja

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    1. Es ist wirklich schwer zum sagen, für wen das Buch was wäre. Es entsteht wirklich ein Sog, obwohls anfangs recht wirr und dann wieder recht normal ist. Je nachdem, ob sie gerade die Gegenwart oder die Vergangenheit beschreibt. Könnte sich für manche auch etwas hinziehen, aber die Beschreibung ist einfach sehr außergewöhnlich, hat mich total gefesselt

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  3. Alex, das ist eine gelungene Rezension! Du warnst, machst aber trotzdem neugierig. Ich habe es ja schon am SuB, bin gespannt.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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