November von Thomas Olde Heuvelt
Im Original November
übersetzt von Janine Malz
Genre Thriller
Schauplatz Washington State, Snoqualmie Woods
Verlag Heyne
Seitenzahl 635
1. Auflage Nov 2023
In Lock Haven, einer beschaulichen kleinen Stadt in Washington State, gibt
es eine ganz besondere Straße. Die Bird Street. Wer in der Bird Street
wohnt, ist erfolgreich, wohlhabend, gesund und glücklich. Die Kinder
allesamt ausgeglichen, wohlerzogen und klug. Zumindest für elf Monate im
Jahr. Im November jedoch brechen die dunklen Tage an. Pech, Misserfolg und
Krankheit halten Einzug. Im November kommt der Fremde in die Bird Street, um
bei den Bewohnern die Schulden einzutreiben. Im November ist die Zeit
gekommen, den Preis für all das Glück zu zahlen. Denn es kehrt erst zurück,
wenn ein Menschenleben geopfert wird ...
Manchmal meint man Dinge zu sehen, hinter dem Zaun. Böse Dinge.
Darum ist es besser, nicht hinzuschauen. (Zitat)
Meine Meinung
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Die Bird Street in Lock Haven scheint gesegnet zu sein. Alle Menschen die hier
wohnen sind glücklich, erfolgreich und haben ganz besondere Fähigkeiten, um
ihr Leben gesund und in Wohlstand zu verbringen.
Das klingt eigentlich zu schön, um wahr zu sein, wie ein kleines Paradies, auf
das immer die Sonne scheint - aber auch seltsam. Unnatürlich, und irgendwie
ungerecht.
Aber natürlich gibt es wie immer eine Kehrseite, denn für das wundervolle
Leben muss ein Preis gezahlt werden. Jedes Jahr im November wenn die Dunklen
Tage kommen.
Gleich zu Beginn wird man mit einer ziemlich surrealen Situation konfrontiert,
bei der man schon merkt, dass hier irgendetwas merkwürdiges vor sich geht.
Eine bizarre Zeremonie, ein verkürztes Halloween und schließlich der Beginn
der Dunklen Tage. Der November, der wie jedes Jahr eine Zeit einläutet, die
durch Angst geprägt ist und mit dem Zwang, etwas tun zu müssen, das man sich
nie hätte vorstellen können. Und das jedes Jahr aufs Neue.
Und natürlich wird das verdrängt - wie wir es alle tun mit Dingen, die uns
Angst machen oder uns überfordern. Das ist ganz normal, ein
Überlebensinstinkt, doch hier geht es um ein spezielles Opfer, einen Pakt, den
man freiwillig eingeht und den man freiwillig Jahr für Jahr wiederholt. Sich
etwas schön zu reden unter dem Deckmantel, etwas gutes zu tun lässt das
Gewissen manchmal viel zu leicht unterdrücken und so wiegt sich die
Nachbarschaft ein ganzes Jahr im Guten, bis der November vor der Tür steht.
"... Überrascht es dich wirklich, wie leicht Menschen die Augen vor Ungerechtigkeit verschließen, wenn sie selbst dadurch glücklicher werden?"Zitat Seite 252
Die Geschichte brauchte eine Zeit lang, um Fahrt aufzunehmen. Anfangs gibt es
noch viel Geplänkel über die verschiedenen Bewohner, einige Freundschaften,
die verschiedenen Lebenswege der Bird Street Bewohner, ein glückliches
Händchen im Beruf zu haben und sorgenlos zu sein.
Was natürlich nötig war, um die ganze Situation greifbarer zu machen, aber mir
dauerte es schon etwas zu lang. Vielleicht war ich zuvor ein sehr temporeiches
Buch gelesen hatte, das kann mich hier durchaus beeinflusst haben, dass es mir
nicht schnell genug voranging.
Dabei wurde geschickt die Aufmerksamkeit auf das gelenkt, was in den nahen
Wäldern lauert. Der hohe Zaun, der nicht übertreten werden darf, die
abgehängten Spiegel, die Bretter vor den Fenstern - hier hat der Autor sehr
schön eine unterschwellige Erwartung aufgebaut, und meine Neugier wuchs,
welches Grauen wohl für das perfekte Leben in Lock Haven verantwortlich ist.
Interessant fand ich, dass eine Person dieser "beglückten" kleinen
Gemeinschaft an einer bipolaren Störung leidet. Das kratzte etwas an dem Bild
der Perfektion, der Gesundheit und dem schönen Leben, dass ja - zumindest für
11 Monate - vom Glück bestimmt sein soll.
Jedenfalls ist es ein langsames Eintauchen in diese skurrile Szenerie, die
sich in der Bird Street im November entfaltet. Denn dieses Glück lässt im
November mehr und mehr nach und das Schrecken und Grauen nimmt immer
groteskere Formen an. Den Pakt zu erfüllen bedeutet gleichzeitig, seine Seele
wieder ein Stück weit mehr zu opfern und es scheint so, als gäbe es kein
Entkommen...
Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, wobei die Personen alle der
Familie Lewis da Silva angehören. Dazu gehören der Familienvater Ralph, seine
Frau Luana - ihre beiden Kinder Kaila und Django. Sie alle sind verstrickt in
die folgenschweren Ereignisse, wenn die Dunklen Tage alles Glück einsaugen und
alles, was zuvor so leicht von der Hand ging, in kurzer Zeit all die
Schattenseiten hervorbringt, die jeder von ihnen in sich trägt.
Ab der Hälfe konnte ich das Buch dann kaum noch aus der Hand legen, denn dann
passieren viele Dinge Schlag auf Schlag. Hier wird nicht gespart mit harten
Themen (s. Triggerwarnung unten) und es wechseln sich Schockmomente mit
hilflosem Zuschauen ab, zu was diese Menschen hier fähig sind.
Der Autor steigert das Entsetzen immer weiter und die Schuld sowie die
Gewissensbisse werden aufgewogen zum eigenen Überleben, der Existenz und dem
Schutz der Familie, was katastrophale Folgen hat.
Die Versuchung für einen einfachen Weg ist immer groß, aber nichts im Leben
ist umsonst... Für das Glück, oder dass es einem besser geht - was ist man
bereit, dafür zu tun, vor allem, auf Kosten von anderen. Hier werden keine
Grenzen gesetzt...
Trigger: <bipolare Störung, Depression, Suizidgedanken>
Abschließen möchte ich es noch mit einem schönen Zitat, das mir hier
herausgestochen ist, weil es so eine wunderbare Botschaft in sich trägt:
Jeder Mensch hatte eine Zukunft, wenn man ihm nur genügend Aufmerksamkeit schenkte.Zitat Seite 250
Im Nachwort erwähnt der Autor, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen wenn
man sich in Depressionen oder ähnlichem verfangen hat. Alleine dort heraus zu
finden ist meist extrem schwierig, deshalb sollte man sich überall jede Hilfe
suchen, die man kriegen kann. Jeder helle Moment ist ein Licht in der
Dunkelheit, der sie Stück für Stück vertreibt (so ähnlich hat es auch der
Autor ausgedrückt, das fand ich sehr passend)
Meine Bewertung
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Ebenfalls vom Autor gelesen:
Hex - 4.5 Sterne
Echo - 4 Sterne






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