Atlantis von Stephen King
Im Original Hearts in Atlantis
Episodenroman von 1960 - 1999
Verlag RM Buch und Medien
Seitenzahl 590
1. Auflage September 1999
Meine Meinung
💛💛💛💛💛💛💛💛
Ich muss gestehen dass ich zurzeit gar keine so große Lust auf King Bücher habe ... aber da eine Leserunde zu Atlantis geplant war, hat es gut gepasst um endlich mal wieder ein Buch von ihm zu lesen! Meist komme ich dann auch sehr gut rein wenn ich mal angefangen habe - und hier hat mich die erste Geschichte derart in den Bann gezogen, dass ich die
Entscheidung nicht bereut habe :)
Es handelt sich hier um 5 Novellen, die das Leben beschreiben - im Hinblick auf kommende Kriege, das Erwachsenwerden, Ängste und die verschiedenen Tricks unseres Verstandes, sich ihnen zu stellen oder aus dem Weg zu gehen.
Niedere Männer in gelben Mänteln
⭐⭐⭐⭐⭐
1960: Hier erleben wir einen für mich typischen King: Der 11jährige Bobby
steht hier im Mittelpunkt, der sich auf die Sommerferien freut um Zeit mit
seinen beiden Freunden John Sullivan und Carol zu verbringen (in die er auch
ein bisschen verliebt ist)
Die Atmosphäre dieser Zeit ist sehr gut getroffen und man spürt, dass King
hier aus seiner Vergangenheit erzählt - im Jahr 1960 war er 19 Jahre alt. Das
Verhalten der Kinder unter sich, die Freundschaften und Feindschaften, der
erste Kuss, die Prügeleien, das alles erlebt man hautnah und mit einem guten
Gespür, alles lebendig mitzuerleben.
Bobby wünscht sich zu seinem Geburtstag nichts mehr als ein neues, etwas
teureres Fahrrad, doch seine Mutter denkt nicht daran, ihm diesen zu erfüllen.
Der Tod von Bobbys Vater vor vielen Jahren hat sie kaltherzig und undankbar
gemacht und während Bobby nach jeder kleinen Zuwendung lechzt, ist sie in ihre
eigenen Probleme verstrickt.
Dann taucht plötzlich Theodore - Ted - Brautigan auf, der neue Nachbar. Ein
netter alter Mann, der sich schnell mit Bobby anfreundet. Allerdings ist er
auch etwas merkwürdig mit seiner Angst vor "niederen" Männern in gelben
Mänteln.
Ted hat eine besondere Gabe und auch Bezüge zum Dunklen Turm Zyklus treten
deutlich hervor - in die Bobby immer mehr mit hineingezogen wird. Wenn man
diese Reihe nicht kennt, wird man einige Hinweise leider nicht wirklich
verstehen oder in Zusammenhang bringen können.
Es passieren schlimme Dinge, wirklich schlimme Dinge, und ich hab sehr mit
Bobby mitgefühlt. Manche Erlebnisse erschüttern uns, beenden die Kindheit und
lassen uns Dinge tun, die wir nie gedacht oder erwartet hätten.
Kinder wollen gesehen, verstanden und geliebt werden und nehmen viel in Kauf,
damit sie diesen lebensnotwendigen Halt spüren dürfen und nicht in den Abgrund
stürzen.
Bobby ist ein wirklich liebenswerter Junge, der seine Mutter besser versteht
als sie sich selbst, der in Ted einen wunderbaren väterlichen Freund findet
und mit den anderen Kinder eine tolle Zeit verlebt. Aber er erlebt eine
lähmende Angst, grausame Gewalt und namenlose Schrecken, die ihn für immer
verändern.
Eine Geschichte über die Kindheit, das Erwachsenwerden, Schicksalsschläge und
natürlich ein Hauch Mystery und Horror - eine gewohnte Mischung von King die
mich gefesselt und sehr berührt hat!
Herzen in Atlantis
1966: Mit Steve haben wir hier einen neuen Protagonisten, einen Studenten, der
sich immer mehr in der Spielsucht verliert und damit auch sein Studium an der
Uni extrem vernachlässigt.
Hier begegnen wir auch Carol Gerber aus der ersten Geschichte wieder die sich
in sein Herz stiehlt.
Der Vietnam Krieg wird hier zum Thema
Ich hab mich hier leider echt sehr durchgequält, weil es gefühlt fast nur um
das Kartenspiel "Hearts" ging und ich auch mit dem Kriegsthema einfach nicht
so warm werde in Geschichten. Manche Passagen musste ich überfliegen um
überhaupt voranzukommen und kann dieser Novelle deshalb nicht wirklich viel
abgewinnen.
Dass die Studenten hier sich so sehr ins Kartenspiel verlieren, weil alles um
sie herum so im Argen liegt kann ich gut nachvollziehen, ich denke, dass sie
damit eine Flucht angetreten sind vor der Realität und dem System, dem sie
nicht ins Auge sehen wollten.
Blind Willie
⭐⭐⭐⭐
1983: Willie Shearman hat früher in derselben Kleinstadt gewohnt wie
Bobby, Sully und Carol.
Mittlerweile ist er verheiratet und in dieser Geschichte begleiten wir ihn
durch seinen Tag. Dementsprechend sind die Kapitel hier nach Uhrzeiten
sortiert.
Während morgens und auf dem Weg nach New York zur Arbeit noch alles normal
erscheint, gibt es schon den ersten Hinweis und seine Verbindung zur ersten
Geschichte.
(Vielleicht war er jemand, der ein Mädchen festgehalten hat, dem ein anderer
mit einem Baseballschläger zugesetzt hat)
Was er dann aber tagsüber macht, ist etwas völlig anderes. Sein Gewissen hat
ihn über die Jahre nicht losgelassen und sein Zwang, seiner Reue Ausdruck zu
verleihen, macht eine starke Verwandlung mit ihm durch.
Mich hat vor allem die Verbindung zum Krieg berührt, denn wenn man nicht dabei
war, kann man nicht nachempfinden welche Traumata all diese jungen (und
älteren) Männer (und Frauen) damals mitgemacht und erlebt haben. Es macht auf
jeden Fall deutlich, wie irrsinnig ein Krieg ist, und wie schlimm wenn
Menschen gezwungen sind, anderen Schmerz zuzufügen und sie zu töten, um selbst
zu überleben. Und das Tag für Tag.
Klar hat hier auch seine Erinnerung an Carol mitgespielt, er hat ja auch alles
über sie gesammelt und ich denke auch bewundert, für ihren Mut zu ihrer
Überzeugung zu stehen: gegen den Krieg. Diesen Sog, der "Gruppenzwang", die
Propaganda, keine Ahnung was das immer mit den Menschen macht, die dann mit
Stolz und Ehre in den Krieg gezogen sind und es heute noch tun. Das Grauen
kann man sich jedenfalls nicht vorstellen.
Ich überlege noch, was es mit der Blindheit auf sich hat. Hat sich das
Erlebnis so sehr eingeschnitten, als er Sully gerettet hat und von der
Blendgranate? nichts mehr gesehen hatte in dem Moment? Dass man wegschaut von
Dingen, die schlimm sind und man sich ihnen gegenüber machtlos fühlt? Weil er
damit auch den Leuten ausweicht und ihnen nicht in die Augen sehen
möchte?
Oder eine Mischung davon.
Ich fand die Geschichte jedenfalls echt gut. Kein Highlight wie die erste,
kein Thema das ich mag, aber die Botschaft ist angekommen :)
Warum wir in Vietnam sind
⭐⭐⭐
1999: Mit Sully haben wir nun einen anderen Kriegsveteran, der ebenfalls von
seinen Taten bzw. seinen Erlebnissen verfolgt wird. Bei ihm spüre ich viel
mehr die Zerrissenheit gegenüber Carol, die gegen den Krieg sehr rabiat
demonstriert, während er dabei war. Ich weiß wirklich nicht, was diese
Menschen durchmachen oder es sich erklären. Die glorreiche Propaganda hat ja
viele mit Stolz in die Armee geführt und in den Krieg - aber nach den Gräueln
die sie sehen mussten, und die sie selbst tun mussten, wird da einiges im Kopf
vorgehen, das niemand nachvollziehen kann, der nicht selbst dabei war.
Mit Sully erleben wir die schlimmen Kriegsgräuel, die er mitgemacht hat und
die ihn bis heute nicht losgelassen haben. Der Horror des Krieges, von
Menschen gemacht, und etwas, dass man sich vor Augen halten sollte, denn jeder
Mensch der so etwas erlebt, wird es nie mehr in seinem los.
Heavenly Shades of Night are falling
⭐⭐⭐⭐
1999: Diese letzte Geschichte ist mit nur 15 Seiten die kürzeste. Auch hier
erleben wir ein Wiedersehen mit einem der Jungs der ersten Geschichte: Bobby
kehrt mit 50 Jahren in seine Heimatstadt zurück.
Hier gab es auch wieder eine Szene die mich traurig macht: auf dem Platz wo er
den drei Jungs begegnet und er sie ignoriert, weil jemand wie er (ein älterer
Mann in der Nähe eines Spielplatzes) von grundauf suspekt ist. Ich finde das
immer so schade, dass man mittlerweile in jedem immer erstmal eine böse
Absicht vermutet.
Aber es war ein schöner, kurzer, wehmütiger Abschied von diesen Geschichten.
Wie das Böse in die (relativ) heile Welt der Kindheit hereinbricht, wie der
Krieg aus jungen Männern seelische Wracks macht und wie manche am Ende es doch
irgendwie geschafft haben, zeitweise glücklich zu sein.
Meine Bewertung
💛💛💛💛💛💛💛💛
Ebenfalls rezensiert bei






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