Dienstag, 22. November 2022

[Roman] Stella Maris von Cormac McCarthy

Der Passagier und Stella Maris: Zwei Romane ohne Vorbild. Die Wahrheit des einen negiert die des anderen.
 
1972, Black River Falls, Wisconsin: Alicia Western, zwanzig Jahre alt, lässt sich mit vierzigtausend Dollar in einer Plastiktüte und einem manifesten Todeswunsch in die Psychiatrie einweisen. Die Diagnose der genialen jungen Mathematikerin und virtuosen Violinistin: paranoide Schizophrenie. Über ihren Bruder Bobby spricht sie nicht. Stattdessen denkt sie über Wahnsinn nach, über das menschliche Beharren auf einer gemeinsamen Welterfahrung, über ihre Kindheit, in der ihre Großmutter um sie fürchtete – oder sie fürchtete? 

Alicias Denken kreist um die Schnittstellen zwischen Physik, Philosophie, Kunst, um das Wesen der Sprache. Und sie ringt mit ihren selbstgerufenen Geistern, grotesken Chimären, die nur sie sehen und hören kann. Die Protokolle der Gespräche mit ihrem Psychiater zeigen ein Genie, das an der Unüberwindbarkeit der Erkenntnisgrenzen wahnsinnig wird, weder im Reich des Spirituellen noch in einer unmöglichen Liebe Erlösung findet und unsere Vorstellungen von Gott, Wahrheit und Existenz radikal infrage stellt. 



Stella Maris von Cormac McCarthy


Im Original Stella Maris --- übersetzt von Dirk van Gunsteren
Schauplatz Black River Falls, Wisconsin

Verlag Rowohlt --- Seitenzahl 240
1. Auflage November 2022



Meine Meinung
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Nachdem ich von dem Vorgänger "Der Passagier" vor allem höchst verwirrt war, hatte ich schon Angst, mich hier wieder komplett zwischen den Zeilen zu verlieren - das ist mir auch wieder passiert, aber dieses Mal im positiven Sinn. 

Alicia Western ist die Schwester von Bobby, aus dessen Sichtweise wir die Reise im "ersten" Buch "Der Passagier" erleben durften. Alicia lässt sich 1972 freiwillig in die Psychiatrie einweisen. Dieses zweite Buch besteht rein aus den Dialogen, die sie in sieben Sitzungen mit ihrem Psychiater Dr. Cohen führt. 

Während ich mit Bobby immer am Rand meines Begreifens dahingetrudelt bin, hatte ich hier unglaublich viele erhellende Momente, die meine Gedanken aufgerüttelt haben. Die Gespräche drehen sich um unterschiedliche Themen wie Mathematik (Alicia ist/war ein Mathe Genie), Physik, Musik, Philosophie, die Welt und unsere Wahrnehmung, die Evolution, die Sprache und ihre Auswirkungen und einiges mehr - aber natürlich auch um Suizid. Und zwar teilweise in sehr deutlichem Maße (Trigger). 

Wieder hab ich nicht alles verstanden und bei Wörtern wie Tantologie, Topologie oder Thiotixist musste ich googeln. Einige bekannte Namen tauchen ebenfalls wieder auf sowie Oppenheimer, Gödel, von Neumann, Wittgenstein etc. und obwohl ich von ihnen gehört habe, könnte ich jetzt nicht immer mit allen in Verbindung bringen, welche Theorien und Forschungen mit ihnen zusammenhängen. Da Alicia mit ihren Ausführungen sehr in die Tiefe der Mathematik greift, fehlte mir deshalb oft der Bezug - dennoch haben die Verbindungen zur Physik und schließlich natürlich zur Philosophie immer wieder meinen Nerv getroffen. Solche Überlegungen finde ich absolut faszinierend! Einerseits wirken sie von grundauf paradox, andererseits regen sie so viele Möglichkeiten von Vorstellungen an, dass man glaubt keinen Platz mehr im Kopf zu haben für all diese Gedanken!

Besonders spannend fand ich die Überlegungen zum Unterbewusstsein. Es findet ja oft Lösungen, ohne dessen wir uns bewusst sind. Manchmal kommen wir nicht auf einen bestimmten Namen und was tun wir? Wir beschäftigen uns mit etwas anderem weil wir sicher glauben, dass es uns dann irgendwann, ganz plötzlich und unerwartet, einfällt. Aber wie funktioniert das?
Alicia beschreibt das auch mit Lösungen zur Mathematik, die sich ihr plötzlich aufgetan haben, wie aus dem Nichts. Wie kann das Unterbewusstsein aber diese Lösung "berechnet" haben? Ohne ihr aktives Zutun? Sozusagen im Schlaf. Scheinbar... 
Hierzu geht sie auch auf die Sprache ein, die evolutionär eigentlich für uns -zum überleben- verzichtbar gewesen wäre. Können wir deshalb nicht auf unser Unterbewusstsein zugreifen, weil dieses Konstrukt so alt ist und ohne Sprache auskommt? Haben wir deshalb die vielen anderen (Überlebens)Instinkte verloren, weil sie mit der Sprache ins Aus gedrängt wurden?

Ich weiß nicht, ob ich das jetzt so rüberbringen konnte, das ist echt schwierig und ich kämpfe auch immer noch mit den reichlichen Denkansätzen, die der Autor hier auf uns losgelassen hat. Trotzdem das meiste nur kurz angeschnitten wurde war es sehr intensiv und beschäftigt mich nachhaltig. Es sind alles so grundlegende Fragen über das Leben und unsere Existenz, denen man sich eigentlich gar nicht verschließen kann. 

Nach "Der Passagier" war das hier sowas wie eine Offenbarung. Denn mit Bobby und seinen irrwitzigen Handlungen, Gedanken und Gesprächen hab ich mich so schwer getan, während mir hier die zahlreichen Überlegungen zwar kein einheitliches Muster ergeben haben, aber ich hatte kein farbloses, trostloses Bild mehr sondern ein wahres Feuerwerk an Farben und Blüten, die plötzlich aufgehen und mir ein neues Feld voller Möglichkeiten offenbart haben. 

Hat es die Fragen aus Der Passagier für mich geklärt? Nein. Ich hab Zusammenhänge gefunden, bzw. erahnt und ich könnte mir vorstellen, wie es eventuell zusammenhängt, aber der Autor hat uns hier komplett freie Hand gelassen. Zumindest was mich betrifft. Ich bin auf andere Rezensionen gespannt und welche Zusammenhänge hier verbunden werden - mir war es wohl dann einfach insgesamt doch zu komplex. 
Cormac McCarthy ist für mich ein sehr intelligenter Mensch, auf dessen Ebene ich nicht heranreiche und dadurch auch vieles nicht nachvollziehen kann. Was sein Werk aber nicht schmälern soll. Mit Stella Maris hat er mich durch große Gedankengänge geführt, die mir viele neue Wege aufgezeigt haben, die ich gedanklich erst noch bereisen muss. 
Jedenfalls war es für mich viel spannender als Der Passagier

Auch hier wurden übrigens wieder keine Anführungszeichen benutzt. Da es nur ein Dialog zwischen zwei Personen war, war es einfacher zu lesen - manchmal kam ich aber dennoch durcheinander, wer denn jetzt gerade spricht. Eine neue Zeile heißt hier nämlich nicht immer, dass nun der andere zum reden anfängt ;) 


Meine Bewertung
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Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
 Es gab diesbezüglich keinerlei Vorgaben und die Rezension 
spiegelt meine ganz persönliche Meinung wider.




Der Vorgänger: Der Passagier - meine Rezension 

1980, Pass Christian, Mississippi: Bobby Western, Bergungstaucher mit Tiefenangst, stürzt sich ins dunkle Meer und taucht hinab zu einer abgestürzten Jet Star. Im Wrack findet er neun in ihren Sitzen festgeschnallte Leichen. Es fehlen: der Flugschreiber und der zehnte Passagier. Bald mehren sich die Zeichen, dass Western in etwas Größeres geraten ist. Er wird von skrupellosen Männern mit Dienstausweisen verfolgt und heimgesucht von der Erinnerung an seinen Vater, der an der Erfindung der Atombombe beteiligt war, und von der Trauer um seine Schwester, seiner großen Liebe und seinem größten Verderben.

Der Passagier führt – von den geschwätzigen Kneipen New Orleans‘ über die sumpfigen Bayous und die Einsamkeit Idahos bis zu einer verlassenen Ölplattform vor der Küste Floridas – quer durch die mythischen Räume der USA. Ein atemberaubender Roman über Moral und Wissenschaft, das Erbe von Schuld und den Wahnsinn, der das menschliche Bewusstsein ausmacht.



2 Kommentare:

  1. Hallo Aleshanee,
    das Buch hat auch schon mein Interesse geweckt - bzw. beide Bücher. "Stella Maris" klingt auf jeden Fall nach einer faszinierenden Lektüre. :)
    Liebe Grüße
    Marie

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    1. Joa, der Passagier war ja nicht so meins... ich bin gespannt was du dann zu den beiden sagst :)

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