Mittwoch, 7. Oktober 2015

Die Mitte von allem von Anna Shinoda


Genre: Jugendbuch

empfohlen ab 15 Jahren

Im Original: Learning not to drown
übersetzt von: Petra Koob-Pawis

Verlag: Magellan
Seitenzahl: 384
Hardcover: 17,95


1. Auflage: Jan 2015



"Dann klebte sie ein Pflaster darauf. Liebevoll und fürsorglich.
Aber zugleich auch so, als wäre es ihre Pflicht, alles sauber zu machen,
alles zu beseitigen, alles unter Verschluss zu halten." S. 189


Klappentext

Clare liebt ihren Bruder Luke über alles – er ist ihr strahlender Held, mit dem sie Abenteuer erlebt, der ihr das Schwimmen beibringt und der sie beschützt. Seit ihrer Kindheit sitzt Luke jedoch immer wieder im Gefängnis. Als er nun nach vier Jahren frühzeitig entlassen wird, hofft sie, dass er sich dieses Mal geändert hat. Aber bald darauf wird Luke erneut verhaftet. Während Clares Eltern versuchen, den schönen Schein zu wahren, und Luke immer wieder mit offenen Armen empfangen, beginnt Clare, an seiner Unschuld zu zweifeln. War er nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Als Clare schließlich selbst in Lukes Machenschaften hineingezogen wird, will sie wissen, wer ihr Bruder wirklich ist. Sie geht der Vergangenheit auf den Grund. Doch was sie dort findet, übertrifft ihre schlimmsten Befürchtungen. 

Meine Meinung

Das Cover wäre eigentlich nicht meine erste Wahl und auch der Klappentext spricht Themen an, denen ich mich ungern widme, da ich beim Lesen entspannen und Spaß haben will. Aber manchmal bin ich in der Stimmung für genau so eine Geschichte und es gibt vom ersten Moment an eine unerklärliche Faszination, noch bevor ich das Buch gelesen habe. 

Clare ist 17 und sie erzählt dem Leser ihre Geschichte. Dabei wechselt sie von der Gegenwart in die Vergangenheitsform, je nachdem, ob sie das aktuelle Geschehen beschreibt oder Szenen aus der Vergangenheit reflektiert. Ich hab jetzt bewusst das Wort "reflektiert" genommen, denn ihre Erinnerungen an die Kindheit sind nicht immer das, was sie scheinen. Sie hat viel verdrängt von einer Wahrheit, die sie nicht sehen, nicht verkraften konnte - und durch ihre Eltern hatte sie auch nie die Chance, es zu verarbeiten.
  • Clare ist ein junges, sympathisches Mädchen, das erwachsen werden will und endlich aus dem "Gefängnis" ausbrechen, mit dem ihre Familie sie umgibt. Hoffnungen und Enttäuschungen haben ihre Kindheit begleitet, denn ihre großen Brüder haben Widersprüche in ihr ausgelöst, die nicht so leicht wegzustecken sind. Sie versucht alles, um diese Fassade ihrer "kleinen heilen Welt" aufrecht zu erhalten und ist doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
  • Peter ist vier Jahre älter und sein Verhalten ihr gegenüber wechselt von dem typischen Geschwisterstreitigkeiten bis hin zu richtigen Gemeinheiten. Es scheint nur wenige Momente zu geben, die ihr positiv in Erinnerung geblieben sind. 
  • Luke hingegen ist schon 12 Jahre älter als sie und das Sorgenkind der Familie. Erlebt hat Clare ihn immer als ihren Retter, ihren Fels in der Brandung, den Spaßmacher, der sich um sie kümmert und sie zum Lachen bringt. Warum Luke allerdings immer wieder ins Gefängnis wandert, wird nur angedeutet und man erlebt zusammen mit Clare, wie sehr das ganze sie selbst und natürlich auch die Familie belastet. 
Allerdings ist es nicht so sehr der Umstand, dass Luke auf die schiefe Bahn geraten ist; die Eltern sind hier so dermaßen fixiert darauf, den Schein zu wahren und alles totzuschweigen, dass weder Clare noch Peter eine Möglichkeit haben, sich mit der Situation zurecht zu finden.
Die Mutter kann mit ihrer Enttäuschung von Luke und ihren Zweifeln an sich selbst nicht umgehen - sie lässt alles an ihrer Tochter aus und gestattet ihr kaum Freiraum. Ihr Leitsatz "Müßiggang ist aller Laster Anfang" begleitet das Mädchen schon ihr ganzes Leben lang und am liebsten hätte ich sie oft gepackt und geschüttelt und ihr die Meinung gesagt, wie unfair und schrecklich sie mir ihren Kindern umgeht.
Der Vater ist ihnen auch keine wirkliche Hilfe, denn er verschließt vor allem die Augen und lässt Luke zu dem werden, der die Familie zerbrechen lässt: die Mitte von allem.

Es ist eine ruhige Geschichte, die scheinbar nur vor sich hinplätschert und die großen Gefühle eher unscheinbar und subtil an einem vorüberziehen lässt. Dafür ist die Wirkung um so eindrucksvoller, wenn man die Nachwirkungen spürt und während dem Lesen war ich oft hin- und hergerissen zwischen Wut, Mitgefühl, Respekt, Fassungslosigkeit und dem Erschrecken, zu welchen Handlungen die Menschen durch ihre Gefühle getrieben werden können.

Es ist kein Thema, über das viel gesprochen wird - denn was passiert wirklich innerhalb einer Familie, in der ein Kind "ausbricht" und straffällig wird. Die Autorin hat mit viel Sensibilität und Einfühlungsvermögen gezeigt, welche ehrlichen und verworrenen Gefühle hier mitspielen. Scham, Liebe, die Verzweiflung im Glauben, das alles wieder gut wird und wie gefangen jeder in diesem Kreislauf ist, aus dem es kaum ein Entkommen gibt. 

Zusammengefasst
 

Thematik: Wie sehr beeinflusst ein jugendlicher Straftäter seine Familie und ist mit der Liebe zu einem Kind alles entschuldbar?
Schreibstil: ruhig, flüssig, intensiv
Charaktere: sehr gutes Bild aller Figuren, die alle auf andere Art mit dieser Situation zu kämpfen haben
Atmosphäre: gedämpft, mit einem subtilen unguten Gefühl zur Situation und Verbundenheit mit der Protagonistin
Umsetzung: Sehr eindrucksvoll und (leider) nachvollziehbar

Fazit

Die Probleme einer Familie mit einem straffälligen Jugendlichen werden hier in einer sehr berührenden und behutsamen Weise erzählt, die die gravierende Wirkung dadurch umso deutlicher hervorhebt und betroffen macht. Die Geschichte ist mir sehr zu Herzen gegangen.

Bewertung
 


© Aleshanee




Über die Autorin: Anna Shinoda wuchs in einem Bergdorf auf, in dem es nicht einmal eine Ampel gab. Also blieb ihr kaum etwas anderes übrig, als sich in die Baumkronen zu flüchten, um dort zu lesen und sich Geschichten auszudenken. Als sie wieder herunterkletterte, brachte sie ihren Debütroman mit: Die Mitte von allem.
Quelle: Klappentext

Webside der Autorin


Kommentare:

  1. Huhu Alex.


    Ohhhh, endlich hast du dieses wundervolle Buch auch gelesen. Ich fand das Buch mehr als gelungen und es ist bisher sogar DAS Highlight 2015. Bin gespannt auf mehr Romane der Autorin.

    LG Diana

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    1. Also zum Jahreshighlight reichts bei mir wahrscheinlich nicht, aber das Buch ist definitiv was ganz besonderes!

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  2. Guten Morgen Aleshanee,
    unterm Lesen deiner Rezi dachte ich "oh Aleshanee, du hast das Buch eeeeendlich gelesen."
    Dann komme ich zu den Kommentaren und Diana hatte genau den gleichen Gedanken.^^
    Ich hatte das Buch schon am Anfang des Jahres gelesen und seither ist es für mich das Highlight des Jahres, obwohl ich seither über 70 andere Bücher gelesen habe.
    Eine sehr gelungene Rezension zu einem still beeindruckenden Buch.
    Sei mir ganz lieb gegrüßt,
    Hibi

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    1. Es war ja auch schon eine ganze Weile auf meiner Wunschliste :) Meistens dauert es dann doch, bis meine Wunschlistenbücher bei mir einziehen - aber ich bin froh, dass ich es endlich gelesen habe.
      Highlight - dafür reichts bei mir wohl nicht, aber es ist großartig gemacht und wie du schon sagst: sehr beeindruckend

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  3. Hallo Aleshanee,

    das scheint ja mal ein ganz anderes Buch zu sein... Das Thema spricht mich sofort an, auch wenn es vermutlich keine leichte Kost ist. Aber manchmal braucht es auch ein Buch mit einem Thema, über das an sich weniger gesprochen wird, um die Welt und die Menschen darin ein kleines bisschen besser zu verstehen.

    LG Jana

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    1. Das Thema an sich ... also während dem Lesen, grade anfangs, kommt es gar nicht so rüber. Die Autorin hat es echt super verstanden, dass alles erstmal nicht "schwer" wirkt, sondern nur immer eine unterschwellige Ahnung aufkommt, die man aber gar nicht so richtig fassen kann, dafür sind die "Nachwirkungen" umso beeindruckender. Für ein Jugendbuch perfekt gemacht!

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  4. Wow, das Buch hört sich klasse an! Ist bislang irgendwie an mir vorbei gegangen, landet aber auf meiner Wunschliste.
    Liebe Grüße

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  5. Huhu Aleshanee,

    ich muss zugeben, vom Cover her hätte es mich wahrscheinlich auch nicht angesprochen. Jetzt wo ich so deine Rezension lese, bin ich wirklich beeindruckt! Du umschreibst deine Gefühle zu diesem Buch so greifbar und machst mich wirklich wild auf dieses Buch. ö.ö Ich finde es so schön, wenn man den Titel vom Buch auch im Inhalt wieder findet, was du auch getan hast. Es hört sich wirklich klasse an und es wandert ganz schnell auf meine WuLi! Danke für diese tolle Rezension! =)

    Liebe Grüße
    Leni =)

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    1. Dankeschön Leni! Das freut mich natürlich besonders, denn grade hier war es sehr schwer, dass in wenigen Worten auszudrücken. Ich hoffe sehr, dass es dir genauso gefällt!

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    2. Sehr, sehr gerne! =) Das kann ich mir wirklich gut vorstellen, wobei es bei deinen gewählten Worten so überhaupt nicht auffällt. Ich brauche mehr solche Rezis!! =D

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    3. Ich bin immer bemüht ;)
      Aber nicht jedesmal krieg ich es so hin, wie ich es gerne hätte ^^

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  6. So, ich habe bei dir ein bisschen was aufzuholen was Kommentare angeht ;D.

    Dieses Buch steht auch schon seit einiger Zeit auf meiner Wunschliste und deine Rezi hat mir gerade wieder ins Gedächtnis gerufen warum. Irgendwie hatte ich es schon fast wieder vergessen. Völlig zu Unrecht wie mir scheint. Auch wenn es ein schweres Thema ist, das auch nicht weit von der Realtiät weg ist, hört sich das Buch aber trotzdem sehr lesenswert und berührend an. Ich mag solche Bücher ja zwischendurch sehr gerne :). Dank dir wandert es jetzt wieder ein Stückchen höher auf der WuLi. Tolle Rezension!

    Liebe Grüße
    Insi Eule

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    1. Danke dir ♥ Das Buch hat mich auch wirklich sehr beeindruckt, da bin ich schon gespannt, wie deine Meinung ausfallen wird!

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