Dienstag, 4. Juli 2017

Rezension: Paradies für alle von Antonia Michaelis

Paradies für alle

von Antonia Michaelis

Verlag: Knaur
Seitenzahl: 480
Taschenbuch: 9,99 €
Ebook: 9,99 €

1. Auflage: März 2013








Klappentext
 

Das Paradies ist machbar, glaubt der 9-jährige David. Man müsste nur das Geld ein wenig umverteilen. Oder die Kühe von nebenan freilassen, die noch nie auf der Weide waren. Dass David begonnen hat, seine oft wilden Pläne in die Tat umzusetzen, erfährt seine Mutter Lovis erst, als er nach einem Unfall im Koma liegt. Sie findet seine Aufzeichnungen und beginnt zu kämpfen: um ihren Sohn, um ihre zerrüttete Ehe und um das Paradies auf Erden, das zu scheitern droht.



Meine Meinung
 

Was für ein wunderschönes Buch! Die Botschaft, die Antonia Michaelis hier vermittelt hat, ist für alle Menschen auf der Welt und das macht sie auf eine so berührende und direkte Weise, die mich tief beeindruckt hat. Und wieder hat mich die Schreibweise fasziniert, denn die Autorin schafft es jedes Mal, mit einer so anschaulichen und scheinbar spielerischen Schreibweise, jeden Moment zu einem gefühlten Erlebnis zu machen. 

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"Tatsächlich lächelte sie jetzt ein bisschen, 
wie Sonne, die versucht, durch Wolken zu scheinen." S. 38

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Zu Beginn wird man gleich mit der Schreckensbotscchaft konfrontiert: der 9jährige David hatte einen Unfall - er wurde abends mitten auf der Autobahn in der Nähe seines Zuhauses angefahren und liegt im Koma. Während die Mutter Lovis aus der Ich-Perspektive die Geschichte erzählt merkt man sofort die Spannungen, die zwischen ihr und ihrem Mann Claas vorherrschen. Ihre Ehe scheint nur noch ein Gerüst zu sein, das aufrecht steht, weil sie für alles andere einfach keine Zeit aufbringen. Weder es abzubauen, noch ihre Beziehung in Frage zu stellen und damit Klarheit zu schaffen.

Fragen - die sind ein zentraler Punkt in dieser Geschichte. Denn David ist ein ungewöhnliches Kind, ein sehr intelligentes Kind, das sich mit Dingen beschäftigt, die weit über seinen Entwicklungsstand hinausgehen. So hat ihn ein Schulprojekt über Religionen zu der Frage gebracht, ob es nach dem Tod ein Paradies gibt. Die Ungewissheit lässt ihn zweifeln und er entwickelt die Idee: wenn man nicht weiß, ob es nach dem Tod noch etwas gibt, dann sollte man das Paradies doch gleich jetzt erschaffen, für die Lebenden. 

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"Wir können uns nicht darauf verlassen, dass nach dem Tod alles besser ist, oder?
Und deshalb muss man dafür sorgen, dass es hier besser wird." S. 95

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Dieses Projekt entdeckt seine Mutter anhand von seinen Aufzeichnungen. Die Handlung baut sich dementsprechend auf - zum einen, wie Lovis mit dem Koma ihres Sohnes umgeht, wie die Beziehung zu ihrem Mann immer brüchiger wird und sie ihr ganzes Leben und ihre Gefühle in Frage stellt. Zum anderen die Projektberichte von David, die in einer kindlich-naiven und gerade deshalb so unglaublich berührenden und tiefsinnigen Art und Weise zeigen, wie leicht es sein könnte, etwas Gutes zu tun. Absolut genial, wie Antonia Michaelis diese Denkweise rüberbringt!
Seine Neugier und Faszination, alles zu entdecken und ein eigenes Weltbild zu kreieren sind entwaffend und machen klar, wie sehr wir immer auf uns selbst fixiert und damit ungücklich sind, während kleine Gesten die Welt um uns herum so einfach verbessern könnten. 
Dabei ist er aufgeweckt, hat den Blick für Details und tiefere Zusammenhänge; wirkt bisweilen aber auch grüblerisch. Als ihm aufgeht, wie groß sein Projekt tatsächlich ist, steuert das ganze auf eine Katastrophe zu. 

Herr Rosekast, mit dem David sich über alles unterhalten kann ist ein großartiger Charakter. Er nimmt ihn ernst, unterstützt ihm im Denken und lässt ihn eigene Erfahrungen sammeln - ohne mit erhobenem Zeigefinger zu predigen oder ihm etwas vorzuschreiben.
Davids Freundin Lotta, sie ist so eine wunderbare Figur ... einfach gestrickt hat sie es nicht leicht mit ihrer Familie, aber ihre Zuneigung, ja Hingabe zu ihrem Freund ist so bewundernswert und damit ist sie mir auch sehr ans Herz gewachsen.

Warum müssen manche Menschen so viel leiden und andere nicht. Reichtum, Gesundheit, Glück -alles scheint so willkürlich verteilt und die Frage, was für ein Gott das zulassen kann, ist für den kleinen Jungen zu einer Obsession geworden. Voller Metaphern und philosophischen Widerhaken, die sich festsetzen und gleichzeitig die Gedanken frei lassen hat es die Autorin geschafft, mich bis tief ins Herz zu berühren und gleichzeitig einen Abstand zu wahren, der einem zeigt, wie sich eine Veränderung für das große Ganze auswirken könnte. 

Muss man auf jede Frage eine Antwort finden oder reicht es nicht, sich einfach auf das Rätsel einzulassen? Die Welt zu ändern, zu einem Paradies zu machen, kann man nur für sich selbst: das "Böse" kann man nicht gut machen, aber man kann für sich selbst das Beste daraus machen. Doch was ist eigentlich das "Böse"? Kommt es nicht doch auf den Standpunkt an und empfindet nicht jeder etwas anderes? Ist man nicht oft viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um andere wirklich zu verstehen?

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Die anderen Kinder hatten mich ausgelacht, weil es einfach ist,
jemanden auszulachen, als ihn zu verstehen." S. 104

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Während diesem ganzen Gedanken, wie man die Welt verbessern könnte, bleibt aber immer noch im Hinterkopf, wie es denn nun zu dem Unfall kam - vor allem Lovis ist ununterbrochen auf der Suche, nach einer Erklärung, denn sie hat sich in den Kopf gesetzt, dass mit der Lösung alles gut werden wird. Dass, wenn sie alles aufgeklärt hat, ihr Sohn endlich aus dem Koma erwachen wird. Dafür muss sie aber die Mauern, die sie ihr ganzes Leben um sich aufgebaut hat, einreißen und das ist etwas, das sie an ihre psychischen Grenzen bringt. 

Fazit 

Diese Geschichte ist eine, die jeder gelesen haben sollte, der an das Gute im Menschen glaubt. Der die Hoffnung hat, dass jeder Einzelne die Welt ein kleiens bisschen besser machen kann und damit die Kugel ins Rollen bringt, die ein Paradies möglich macht. Einfühlsam und echt werden hier die Gedanken eines kleinen Jungen enthüllt, der eine einfache Lösung für ein weltbewegendes Problem entworfen hat - und den die Erkenntnis aus der Bahn wirft, wie unmöglich sein Vorhaben ist. 
Dabei trägt jeder das Gute in sich - und jeder kann seinen Teil dazu beitragen, dass sich sein Wunsch erfüllt. 

Bewertung
 
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 *Highlight*
 
 Idee/Thematik: ✮✮✮✮✮
Aufbau: ✮✮✮✮✮
Schreibstil: ✮✮✮✮✮
Charaktere: ✮✮✮✮✮
Authentizität: ✮✮✮✮✮
Lesespaß: ✮✮✮✮✮


© Aleshanee



Über die Autorin: Antonia Michaelis, 1979 geboren, begann bereits als Kind zu schreiben. Sie ist eine renommierte Autorin von zahlreichen Büchern und Theaterstücken für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ihr Roman „Der Märchenerzähler“ wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Buxtehuder Bullen 2012 nominiert. Antonia Michaelis lebt mit ihrer Familie in einem Dorf nahe der Insel Usedom. 
Quelle: Knaur Verlag

Webseite der Autorin



Kommentare:

  1. Liebe Aleshanee, ich muss gestehen, dass ich noch nichts von Antonia Michaelis gelesen habe, auch auf meinem SuB ist kein Buch von ihr, allerdings befinden sich einige ihrer Bücher auf meiner Wunschliste. "Paradies für alle" klingt schon von der Beschreibung her, als würde es mir gefallen, und deine Rezension hat mich dann vollends überzeugt, dass ich dieses Buch lesen "muss" ;-)
    Liebe Grüße
    Susanne

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    1. Das ist echt schade, weil ihre Bücher, also zumindest die die ich kenne, alle was ganz besonderes haben. Sie nimmt sich schon oft heikle Themen raus, aber die Umsetzung ist immer wirklich der Hammer!

      Freut mich sehr, dass du es mit diesem hier versuchen möchtest!
      Welche hättest du denn noch auf der Wunschliste stehen?

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  2. Hallo Aleshanee,

    ich mag Antonia Michaelis ganz gerne, sie ist nicht immer einfach, aber sie kann eben auch ganz wunderbar. Auch dieses Buch klingt toll. Ich bin aber extrem vorsichtig, denn ich brauche hier das Happy End, das der Kleine wieder erwacht und das wird mir wohl niemand verraten.
    Liebe Grüße Cindy

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    1. Ja, ihre Bücher sind wirklich nicht immer einfach - aber sie schafft es schon sehr gut, zwischen der rauen Wirklichkeit und der Hoffnung einen guten Pfad zu finden.
      Über das Ende möchte ich dir hier nichts schreiben - will ja niemand spoilern der zufällig hier drüber stolpert :)
      Wenn ich dir einen Rat zu dem Buch geben soll, kannst du mich auch gerne kurz auf FB anschreiben ...

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