Sonntag, 19. Juni 2022

[Dystopie] Die neue Wildnis von Diane Cook

Die neue Wildnis von Diane Cook
 
Amerika in der nahen Zukunft: 

Zusammengepfercht in riesigen Megacities leiden die Menschen unter den Folgen der Überbevölkerung und des Klimawandels wie Smog, Dürreperioden und extreme Hitze. Aus Sorge um das Leben ihrer fünfjährigen Tochter Agnes nimmt die junge Mutter Bea an einem nie dagewesenen Regierungsexperiment teil: Gemeinsam mit zwanzig anderen Pionieren möchte sie in einem der staatlich geschützten Nationalparks, zu denen Menschen eigentlich keinen Zugang haben, im Einklang mit der Natur leben. Doch der Alltag in dieser neuen Wildnis wartet mit ganz eigenen Herausforderungen auf, und schon bald stoßen die Pioniere an ihre Grenzen ...
 
 
 


Die neue Wildnis von Diane Cook

 
Genre Dystopie -- Schauplatz Amerika
Im Original The New Wilderness -- übersetzt von Astrid Finke
 
Verlag Heyne -- Seitenzahl 542
1. Ausgabe Mai 2022



 
 Meine Meinung
 ❦ ❦ ❦ ❦ ❦ ❦ ❦ ❦
 
Auf das Buch aufmerksam geworden bin ich durch die Rezension auf Feiner reiner Buchstoff.
Dystopien hab ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt, weshalb ich gerne mal wieder etwas in der Richtung ausprobieren wollte: es hat sich gelohnt!
 
Für den Einstieg hat die Autorin direkt eine sehr traurige, erschreckende Szene gewählt, die aber sehr ruhig und eher emotionslos erzählt wird. Der Tod ist in dieser Wildnis, fernab jeglicher Zivilisation, ein ständiger Begleiter. Er gehört dazu und wird angenommen, mehr oder weniger, alles andere wäre auch schwer zu verkraften bzw. muss man sich eine gewisse Härte zulegen.

Sterben war so normal wie Leben. Sie sorgten sich umeinander, natürlich, aber wenn einer von ihnen aus welchem Grund auch immer zu überleben aufhörte, schlossen sie die Reihen und steckten ihre Energie in das, was weiter lebendig blieb.
Zitat Seite 57

Bea, ihr Mann Glen und ihre mittlerweile 8jährige Tochter Agnes gehören zu dieser auserwählten Gruppe, die das Experiment in der Wildnis gewagt hat. Die Erde ist in dieser Zukunft stark durch Gifte geschädigt und da Agnes schwer krank ist und kaum Überlebenschancen hat, hat sich Bea entschlossen, den Versuch zu wagen. Die frische Luft war das einzige Mittel, um ihrer Tochter zu helfen - und tatsächlich ist Agnes jetzt ein kerngesundes Kind.

Wie auch die Erwachsenen beeinflusst dieses Leben natürlich auch das "aufwachsen". Die Sorgen sind völlig anders gewichtet - es geht nicht um gesunde Ernährung, einen erfolgreichen Job, ein tolles Aussehen, "was zieh ich heute an", etc. Kein Handy, kein Fernsehen, keine Nachrichten - reines: Leben!

Während dem Lesen kamen mir viele Gedanken. Zum Beispiel auch, dass sich alles verlagert hat. Früher gab es im Äußeren Gefahren und Ängste, die wir heutzutage nicht mehr kennen. Jeder hat genug zu essen und ein Dach über dem Kopf (zumindest in den industriellen Ländern). Das innere Gleichgewicht allerdings, der Natur zu folgen, hat sich ebenfalls gewandelt, so dass wir jetzt die Ängste dafür im Inneren tragen. 
Bea empfindet ja das Verhalten teilweise unmenschlich, was sich in ihrer Gruppe abspielt bzw. wie es sich entwickelt - wobei man natürlich erstmal überlegen muss, was der Begriff "menschlich" überhaupt beinhaltet. Allerdings denke ich, dass so eine zusammengewürfelte Gruppe nicht immer den Zusammenhalt erfahren kann, als wenn eine Familie, eine Gemeinschaft schon immer beisammen und in diesen Umständen gelebt hat. Das kann man nicht vergleichen. 
Denn genauso haben wir Menschen ja sehr lange überlebt - ohne die Natur zu zerstören ;)
 
"... ihre eigene Tochter, die seltsam war und affektiert lächelte, die offenbar nicht wusste, was Liebe war, die zu verwildert war, um es zu wissen, die jetzt Aufmerksamkeit wollte, die sie vorher kaum gesucht hatte und jetzt nicht verdiente.
Zitat Seite 187

Bea war mir nicht so wirklich sympathisch. Alleine das Zitat spricht für sich, denn woher sollte ihre Tochter lernen zu lieben, wenn sie ihr es selbst nie wirklich gezeigt hatte - außer in Angst und Sorgen. Nichts ist so gelaufen, wie sie sich das vorgestellt hat - doch wann ist das schon so? Ich denke, diese Schuld auf die Tochter zu schieben nagt an ihr und deshalb kann sie ihr nicht wirklich die erwartungslose Liebe entgegen bringen. Doch ein Leben mit einem Kind kann man nicht planen. Man sollte es nicht planen, denn es ist ein eigenständiger Mensch, der da heranwächst, den man unterstützen sollte in allem, was auf ihn zukommt. Kontrolle ist eine Illusion, an die wir uns zu sehr gewöhnt haben und dann völlig überfordert sind wenn wir erkennen, das die Natur über unser Leben bestimmt.

Ich fand es sehr gut, dass es einen Wechsel gab und aus Agnes Sicht weitererzählt wurde. Auch für sie ist die Beziehung zu Bea, ihrer Mutter, alles andere als einfach. Zum einen spürt sie natürlich die Sehnsucht nach einer liebenden Mutter in sich, zum anderen spürt sie sehr genau die Ablehnung, die Schuldzuweisung, und entwickelt eine Art Hass.
Allerdings kann sie sich an das Leben sehr gut gewöhnen. Für sie ist es normal, da sie ja mit 4 Jahren in die Wildnis gekommen und hier aufgewachsen ist. 
 
Agnes konnte mit dieser Diskussion nichts anfangen. Wen interessierte schon das Warum oder Wie? Wen interessiert würde oder würde nicht? Sie hatte noch nie begriffen, warum die Erwachsenen immer über diese Wörter debattierten. Sollen und nicht sollen. Dürfen und nicht dürfen. "Sein und machen", murmelte sie vor sich hin. Das war das Einzige, was zählte. Sein und machen. Jetzt in diesem Moment und kurz danach.
Zitat Seite 216

Sie lebt im Augenblick. Sie lebt mit der Natur, mit den Jahreszeiten, die sie einzig durch die Veränderungen erkennt. Sie liest die Fährten, findet Wege, lernt zu überleben. Nur die Menschen, die bleiben ihr fremd. Eine Auswirkung der Gruppe, die nicht an einem Strang zieht, die trotz Zusammenhalt jeder für sich wirkt und auch durch die Auflagen des Staates, die Regeln, die sie zu befolgen haben und keine wirkliche Freiheit zulassen.

Der Schreibstil wirkt sehr ruhig und nüchtern, dennoch schafft es die Autorin, grade die Flora und Fauna sehr bildhaft rüberzubringen. Das Lernen von den Tieren zu Beispiel, auf ihre Reaktionen zu achten und dadurch Gefahren zu erkennen oder auch Wasser zu finden fand ich sehr faszinierend!
Auch die einzelnen Figuren der Gruppe sind teilweise sehr konkret in ihrer Rolle, andere eher blass, Randfiguren, oder Mitläufer und nicht jeder schafft es, sich den Gegebenheiten anzupassen.

Ich war jedenfalls gebannt von der gesamten Situation, dem Leben in dieser Wildnis und wie die Menschen auf unterschiedliche Weise damit umgehen.


Meine Bewertung
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Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
 Es gab diesbezüglich keinerlei Vorgaben und die Rezension
spiegelt meine ganz persönliche Meinung wider.

7 Kommentare:

  1. Huhu Aleshanee :D

    Da ist deine Rezension ja schon und ich finde, es klingt auf jeden Fall sehr interessant!
    Sich bewusst zu werden, im Augenblick zu leben und nicht im Gestern oder Morgen gehörte für mich ja auch zu einer wichtigen Erkenntnis und ich glaube, dies ist auch das, was die Natur einen sehr schön vermittelt.

    Das Leben ist viel zu kurz, deswegen ist es wichtig bewusst zu leben. Und das kann ja auf vielerlei Arten geschehen. Ich glaube nur, dass solche Projekte von Menschen, die verschiedene Ansichten zum Leben haben, oft zum scheitern verurteilt sind. Eben weil man meistens doch nicht bereit ist, von einander zu lernen. Dabei wäre das wohl das wichtigste daran!

    Liebe Grüße
    Jessi

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    1. Ja, ich denke, in der Natur geht es auch gar nicht anders. Du weißt nie was morgen ist ... welches Wetter, was dich ja sehr beeinflusst, welchen Tieren du begegnest, ob der Weg frei ist den du gehen willst etc... da bleibt dir oft gar nichts anderes übrig. Aber umso schöner, wenn du dann die Momente im Jetzt so bewusst erlebst :)

      Es sollten auf jeden Fall alle an einem Strang ziehen und zumindest ähnliche Ziele haben und ähnlich darüber denken, anders funktioniert es nicht

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  2. Das klingt wirklich sehr interessant, tiefsinnig und lesenswert. Danke für die Vorstellung und Deine Meinung.

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    1. Sehr gerne ! Freut mich wenn es dich neugierig macht :)

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  3. Dankeschön für die Verlinkung und auch für die spannende Sicht auf die Geschichte. Wir haben sie beide sehr geschätzt und dabei doch unterschiedlich wahrgenommen. Das ist es was ich an Büchern liebe, es ist nichts direkt vorgezeichnet und löst unterschiedliche Empfindungen aus. Ich habe die Liebe der Mutter sehr deutlich wahrgenommen, und besonders den permanenten Stress und die Angst um ihr Kind weswegen sie sich so verhielt wie sie es tat. Sie möchte ihre Tochter am Leben halten. Nicht einfach in so einer zusammengewürfelten Menschengruppe am Existenzminimum und diese Gruppendynamik fand ich total faszinierend. Menschen im Ausnahmezustand, denn Menschen sollten so nicht leben müssen, ohne feste Bleibe. Liebe gab es sehr viel nur nicht so offensichtlich fand ich. Ein spannendes, faszinierendes Buch und eine toll erzählte Geschichte.

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    1. Hey :)
      Die Liebe der Mutter hier, ja die war da, aber immer in Verbindung mit irgendwelchen Abhängigkeiten - zumindest kam es für mich so rüber. Als nichts mehr geklappt hat und die Krankheit der Tochter sie sozusagen zwingt, dieses Leben zu führen, kann sie sie nicht mehr richtig zeigen. Den Eindruck hatte ich zumindest. Ich fand das teilweise echt schlimm. Wenn ich Angst um mein Kind hab bin ich anders ^^ Und ich kann es schon nachvollziehen aber nicht verstehen wie man da so abweisend und herausfordernd sein kann...

      Naja, Menschen haben ja ganz früher immer so gelebt, also als Nomaden, das finde ich jetzt nicht wirklich schlimm. Es funktioniert ja auch. Nur dieses permanente weiterschicken, also der begrenzte Zeitraum von wenigen Tagen, das fand ich übertrieben. Sie bzw. wir sind das halt nicht mehr gewohnt immer weiterzuziehen.

      Es war definitiv faszinierend, vom Leben an sich in der Natur wie auch von der Gruppendynamik her.

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  4. Liebe Grüße noch :)

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