Freitag, 19. August 2022

[re-read] Der Märchenerzähler von Antonia Michaelis

Antonia Michaelis

Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden? 
 
Ein temporeicher Thriller und eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte – lässt nicht los! Eindrucksvoll, begeisternd und abwechslungsreich.
 
 
 


Der Märchenerzähler von Antonia Michaelis

 
Genre Jugendbuch (ich würde sagen ab 16) Drama / LiRo / Thriller
Verlag Oetinger -- Seitenzahl 447
1. Auflage Februar 2011



Meine Meinung
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Anna steht kurz vor ihrem 18. Geburtstag und kurz vor ihren Abi-Prüfungen. Sie lebt in einer "heilen Welt", einem schönen Haus, mit tollen Eltern, die ihr Geborgenheit aber auch Freiraum geben.

Abel hingegen, der von allen nur mit seinem Nachnamen "Tannatek" gerufen wird, ist ein Außenseiter. Er kam vor kurzem neu an die Schule und jeder kennt ihn nur als Randfigur, bei dem man Drogen kaufen kann. 

Durch Zufall erfährt Anna, dass Tannatek eine kleine Schwester hat und heimlich lauscht sie in der Cafeteria dem Märchen, das er ihr erzählt. Die Neugier treibt Anna immer öfter in seine Nähe. Obwohl Abel anfangs sehr abweisend auf sie reagiert, gibt sie nicht auf; Unterstützung erhält sie auch von seiner kleinen Schwester Micha, die sich über Anna´s Besuche freut.

Annas  Gefühle für Abel werden immer stärker, sie spürt, dass hinter Abels Maske aus Stolz und Pflichtgefühl etwas sehr verletzliches steckt. Sie lässt sogar ihre treue Schulfreundin Gitta links liegen und gerät immer mehr in den Sog des Märchens, in dem die „kleine Klippenkönigin“ vor Gefahren flüchten muss. Die „kleine Klippenkönigin“ ist Micha, Abels kleine Schwester und in den Märchen warnt er vor den bösen Verfolgern, die ihr Herz stehlen wollen. Denn das Leben der beiden Geschwister ist alles andere als leicht. Sie leben im Plattenbau, haben kaum Geld und die Mutter ist schon seit einiger Zeit „verreist“.

Anna erkennt, dass Abel schon seit längerem neben der Schule allein für Micha sorgen muss und Angst hat, dass neugierige Nachbarn, Michas Vater oder das Jugendamt Wind davon bekommt und ihm seine kleine Schwester wegnehmen könnte.  Nach und nach lässt er Annas Nähe zu, doch das Schicksal meint es hart. Als plötzlich tatsächlich Michas Vater auftaucht nimmt das Verhängnis seinen Lauf – und Anna weiß bald nicht mehr, wem sie trauen kann.
 
Da es jetzt nach so vielen Jahren eine Fortsetzung zu dieser Geschichte gibt wollte ich sie unbedingt nochmal lesen. Ich hatte ein bisschen Angst, das mich das Thema runterziehen würde, aber die Autorin hat einen so einnehmenden Schreibstil, dass ich das Buch auch dieses Mal kaum aus der Hand legen konnte.

Schon im Prolog erkennt man, dass dieses Buch eine dunkle, bedrohliche Saite birgt.
Man wird langsam in diese Welt, in der sich Abel mit seiner kleinen Schwester durchschlagen muss, eingeführt und wird auf viele Missstände gestoßen, die es in unserer heutigen Gesellschaft so nicht mehr geben sollte. Natürlich wird einiges auf die Spitze getrieben (manche prangern hier diese überzogenen Klischees an), aber die Autorin möchte uns aufmerksam machen, möchte uns sensibilisieren für diese Zustände, die es heute leider noch immer gibt und weil es viele "Abels" auf die ein oder andere Weise mitten in unserer Gesellschaft gibt!
 
Ich habe mit Anna mitgelitten, der plötzlich bewusst wird, dass es nicht nur Menschen gibt wie sie, in einer "heilen Welt" und einem behüteten zuhause - aber vor allem auch mit Abel, der mit seinen 17 Jahren schon so viel durchmachen musste. 
Was dann schließlich passiert ist unverzeihlich - und viele mögen die Entschuldigungen nicht, die hier mitspielen, aber ich bin und bleibe bei meiner Ansicht, dass die meisten Taten aus einem Muster entstehen, dass die Täter geprägt hat. Natürlich gibt es Menschen, die damit umzugehen lernen - andere schaffen das leider nicht. Und auch wenn ich die Taten anprangere, kann ich mich dem leisen Mitgefühl ihrer gequälten Seele nicht verschließen. Und ich denke, genauso hat es die Autorin auch zeigen wollen. 
Gerade Annas Reaktion hat ja sehr polarisiert - ich fand sie nur menschlich.

Es gibt viele brutale Aspekte, die teilweise auf leise, berührende Art, teilweise in grausamer Offenheit beschrieben werden, weshalb ich das Buch für Jugendliche bedingt geeignet finde. Ich bin prinzipiell nicht dafür, Kinder und Jugendliche nicht in die Gefahren, die überall lauern, einzuweihen, aber ich glaube, speziell in diesem Fall fehlt da noch das Verständnis und es werden vielleicht auch Eindrücke aus der Handlung falsch interpretiert. Das kann man allgemein wirklich schwer einschätzen. 

Ich war jedenfalls wieder völlig in den Bann gezogen von dem außergewöhnlichen Schreibstil, der aufwühlenden Beziehung zwischen Anna und Abel, dem berührenden Märchen und den vielen Zweifeln, was für ein Mensch tatsächlich hinter Abels Fassade steckt.


Meine Bewertung
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Eine Fortsetzung erschien 2022




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