Samstag, 14. Januar 2023

[Mystery] Im Auge des Leuchtturms von Antonia Michaelis

Antonia Michaelis

Nada Schwarz ist jung und erfolgreich. Sie hat keine Zeit, nett zu sein, keine Zeit für Freunde – und keine Zeit, sich zu erinnern. Als sie eine mysteriöse Postkarte mit einem Leuchtturmmotiv erhält, macht sie sich auf den Weg zu der winzigen Insel, die auf der Karte zu sehen ist. Und stellt fest, dass sie schon einmal hier gewesen sein muss. Was ist damals geschehen? Als sie der rätselhafte Hilferuf eines Kindes erreicht, beginnen Traum und Realität zu verschwimmen.

Im Auge des Leuchtturms von Antonia Michaelis


Genre Mystery/Spannungsroman --- Schauplatz Nordfriesische Insel
Verlag Emons --- Seitenzahl 312 --- 1. Auflage Juli 2015






Meine Meinung
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Das war wieder mal ein Wow-Erlebnis. Ich weiß grade gar nicht, wie ich euch dieses Buch beschreiben soll, da alles irgendwie spoilern würde - jedenfalls finde ich die Bezeichnung "Kriminalroman" etwas in die Irre führend.

Der Klappentext hier ist allerdings gut gelungen und beschreibt perfekt kurz und knapp, worum es geht. 
Nada Schwarz ist 37 Jahre alt und lebt in Berlin, hat keine Freunde, so gut wie keinen Kontakt zu ihren Eltern und lebt für ihre Arbeit. Einzig ihr nahe stehend ist Frank, für den sie seine Restaurants managet. Die sogenannten Lichthäuser, die sie zusammen entworfen und eröffnet haben, in reinem Weiß und mit so viel indirektem Licht, dass es keine Schatten gibt.
Denn Nada möchte Licht. Sie scheut die Dunkelheit. Und sie scheut sich davor, mehr über sich selbst zu erfahren.
Deshalb organisiert sie, alles. Sie führt Listen, die sie abhaken kann. Sie beschäftigt sich rund um die Uhr, um nicht nachdenken zu müssen. Um keine Gedanken oder Gefühle aufkommen zu lassen. Um sich nicht zu erinnern.

Bis die Postkarte eintrifft. Von einer Insel im nordfriesischen Meer, auf der ihre Eltern ein Ferienhaus besitzen. Irgendetwas daran verstört sie zutiefst, so dass sie aufbricht, mitten im November, um hinter das Geheimnis zu kommen.

Recht viel mehr kann ich dazu gar nicht schreiben ohne zu viel zu verraten. 
Der Schreibstil ist wieder einmalig: es entsteht eine einsame, eisige Atmosphäre auf dieser abgelegenen Insel im Meer, während sich Nadas Charakter für uns Leser entfaltet und offen legt, wobei sie selbst immer verzweifelter versucht, dieses verworrene Rätsel zu lösen. 
Eine surreale Stimmung schleicht sich ein und Nada weiß nicht mehr, was in ihrer Traumwelt geschieht und was in der Realität. So viele Jahre war sie gefangen in einem System, in dem sie "nur" funktionieren musste und wird jetzt konfrontiert mit dem weichen Kern, den sie über Jahrzehnte hinter einer unüberwindbaren Mauer geschützt hatte. 

Ich habe mich mit Nada sehr verbunden gefühlt, auch wenn sie Charakterzüge aufweist, die nicht wirklich sympathisch sind. Aber wir Menschen sind gut darin, Erinnerungen zu verdrängen, was manchmal auch gut und wichtig ist, weil wir sonst daran verzweifeln würden. Manchmal kann es aber auch sinnvoll sein, ihnen zu begegnen, sie zu verarbeiten, um sie dann ertragen und loslassen zu können.
Niemand hat gerne Schmerzen und auch Nada hat ihre Fähigkeit so trainiert, besser gar nichts mehr zu fühlen und nichts und niemanden an sich heranzulassen - bis sie auf dieser Insel im Nirgendwo damit konfrontiert wird. Mit einem alten Schmerz, der sich an die Oberfläche kämpft.

Man kann zwar relativ schnell erahnen, was damals geschah, aber ohne die wichtigen Einzelheiten, die man erst am Ende erfährt, bleibt alles in der Schwebe. Es hat mich wieder unglaublich fasziniert, wie die Autorin diese Geschichte aufgebaut hat, wie ich mit Nada mitgelitten und mitgefiebert habe und wie genial unser Unterbewusstsein funktioniert. Ein Paradebeispiel für den Schutz, der sich in uns auftut, und wie schwer es für die Wahrheit ist, sich wieder ans Licht zu kämpfen. 

Das Ende hat mich sehr berührt und mit einem überraschenden Moment auch versöhnt. Mit Nada, mit ihren Erlebnissen und den vielen Schrecken, Ängsten und unserer Hilflosigkeit, denen wir uns jeden Tag stellen müssen. 


Meine Bewertung
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5 Kommentare:

  1. Guten Morgen, ich habe jetzt nur den Anfang gelesen aber das erinnert etwas an Natasha Pulley. Ist das ähnlich gut? Dann muss ich das natürlich haben :)

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    1. Es kann man nicht vergleichen ;) Aber von der Begeisterung her ist es auf jeden Fall ähnlich. Hier spielt alles in der Gegenwart, wie oft bei Geschichten von der Autorin driftet es ins Surreale ab, so dass man oft nicht weiß, was jetzt stimmt und was nicht - vor allem die Figur.
      Ein bisschen Krimi, Spannung und viel mitfiebern bei der Lösung des Rätsels ;)

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  2. Ok, wir haben ja oft eine ähnliche Meinung, dann versuche ich das mal zu ergattern

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  3. Klingt gut, offenbar hast Du Glück mit Leuchttürmen :-) Die Leuchtturmwärter, der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit und jetzt das hier! Kommt auf meine Liste! Dankeschön fürs Vorstellen.
    Viele Grüße Kerstin

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    1. Ja, das ist mir auch aufgefallen - Leuchtturmbücher scheinen mich grade sehr zu begeistern :D

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