Samstag, 22. Juni 2019

Rezension zu Die Worte der weißen Königin von Antonia Michaelis

Die Worte der weißen Königin von Antonia Michaelis


Niemanden beneidet Lion mehr als die Seeadler, wenn er sie beobachtet, wie sie hoch am Himmel kreisen, frei und glücklich. Bei ihm zu Hause, in dem Dorf an der Ostsee, gibt es nicht viel, auf das man neidisch sein könnte. Immer häufiger verwandelt sein Vater sich im Alkoholrausch in den gewalttätigen schwarzen König. Als Lion es nicht mehr aushält, flüchtet er in den Wald zu den Adlern. Doch das Leben dort ist hart, und immer wieder denkt Lion an die weiße Königin, die alte Frau, die ihm einst so wunderbar vorgelesen hat. Durch sie hat er den Zauber der Worte, ihre Wärme und Kraft entdeckt.

Antonia Michaelis erzählt eine tief berührende Geschichte über familiäre Gewalt und die Kraft, sich zu befreien. Eine sprachlich brillante Hommage an die Macht der Worte und der Fantasie.
(Quelle Oetinger Verlag)




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Die Worte der weißen Königin
von Antonia Michaelis

Genre Gegenwartsliteratur / Drama
Themen Alkoholismus, Gewalt, Erwachsenwerden
empfohlen ab 14 Jahren

Verlag Oetinger // Seitenzahl 272
1. Auflage Juni 2011
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Meine Meinung
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Antonia Michaelis schreibt ja sehr oft über ernste und bedrückende Themen, schafft es aber dabei, eine Atmosphäre entstehen zu lassen, die eine gewisse Leichtigkeit in sich trägt. Dafür sind dann die berührenden Momente umso deutlicher zu spüren und grade in dieser Geschichte hatte ich doch einige Momente, die mir sehr zugesetzt haben und nahe gegangen sind.

Das Buch beginnt mit einem Entschluss, einer Entscheidung von Lion, dem Protagonisten, der in diesem Moment gerade mal 10 Jahre alt ist. Durch den Klappentext weiß man natürlich schon, dass sein Vater ihm gegenüber gewalttätig wird, aber wenn es auch nur wenige Szenen gibt die man als Leser zusammen mit Lion erlebt, sind sie sehr eindringlich und haben mich sehr traurig gemacht.

Aus der Sicht von Lion blicken wir dann aber erstmal zurück. Die Mutter hat die Familie verlassen, als er noch klein war, in den "Westen" von Deutschland, wo sie sich mehr Möglichkeiten erhofft und der Junge hat deshalb kaum Erinnerungen an sie. Aber es geht ihm gut, denn der Vater kümmert sich wirklich rührend um ihn und lässt ihn an seinem Leben teilhaben.

"Er spielte nie Spiele mit mir, die man mit Kindern spielt.
Er tat einfach die Dinge, die er ohnehin tat, und ich durfte ihn begleiten,
und das war das Beste daran." Seite 14

Das fand ich wirklich schön denn die Kinder sind immer interessiert an dem, was wir Erwachsene tun und werden viel zu oft herausgehalten aus der "großen Welt". Dabei würden sie so viel lernen aus dem Erleben und Beobachten, wie Lion hier zum Glück einige Jahre erfahren darf.

Dann gibt es aber zwei einschneidende Erlebnisse, die alles verändern. Die Arbeitslosigkeit des Vaters, die dazu führen dass dieser sich in Hoffnungslosigkeit verliert - und das Zusammentreffen von Lion und der "weißen Königin", die in der Kirche Geschichten für Kinder vorliest.
Dieses Vorlesen und Eintauchen in andere Welten hilft Lion unglaublich viel, um seinen Alltag zu überstehen. Hier wird auch sehr deutlich, dass Worte zwar Angst schüren und verletzten können, aber eben auch Hoffnungen wecken und Freiheit schenken können.

Lion hat mir wirklich so leid getan, denn man weiß ja, dass es viele Kinder gibt denen es so geht, was mich immer wieder fassungslos macht. Aber er hat so viel Kraft in sich, um durchzuhalten und klammert sich an die Momente, die ihm ein Gefühl von Glück vermitteln.

"Als gäbe es irgendwo eine höhere Gerechtigkeit - jedes Mal, wenn etwas Schlimmes passierte,
passierte auch wieder etwas Gutes." Seite 56

Seine Art, mit der Gewaltätigkeit seines Vaters umzugehen, den er bisher zwar als vielleicht etwas schroff, aber trotzdem immer liebevoll erlebt hat, ist die Abgrenzung ihn als "Schwarzen König" zu bezeichnen. Es ist dann nicht der Vater, der ihn schlägt, sondern der Schwarze König, der die Oberhand gewinnt und Lion hält lange an dem Glauben fest, dass dieser irgendwann auch wieder verschwinden wird und seinen Vater loslässt. Deshalb schützt er auch seinen Vater, den er unabhänging vom Schwarzen König sieht, vor den Fragen der Schule oder auch den Ärzten, die durch die sichtbare Misshandlung misstrauisch werden.
Kinder behelfen sich ja auch ganz eigenen Wegen und Lion, um die Einsamkeit zu durchbrechen, findet eine Freundin durch seine "Schwester Olin". Sie ist sein Part, den er aussperrt, die Wut und den Hass, den er empfindet, was ihm aber auch Angst macht. Sie ist es aber auch, die ihm den Mut gibt, endlich aus dieser ausweglosen Situation auszubrechen.

Wie so oft bei Antonia Michaelis gibt es auch wieder ein Tier, das eine wichtige Rolle spielt, hier ein Seeadler. Was es mit ihm auf sich hat verrate ich nicht, ich fand es allerdings eine wunderschöne Idee!

Erzählt wird das ganze ja von Lion selbst und die Autorin hat wieder mal einen großartigen und anschaulichen Schreibstil verbunden mit der Sicht eines Kindes, die man durchweg nachvollziehen und mitempfinden kann. Vor allem die ständige Hoffnung und die vielen Auswege die Lion sich sucht, um sein Leben zu erhalten, gehen sehr ans Herz. Gerade auch seine Suche nach der weißen Königin, die ihn mit ihren Geschichten so beeindruckt hat, hält ihn fest und schützt ihn davor, sich in der Dunkelheit zu verlieren. Er möchte einen Weg finden zurück ins Licht und er muss einiges durchmachen, um sein Ziel zu erreichen.

Mit dem Ende mag nicht jeder so recht einverstanden sein, aber es gibt auf jeden Fall viel Stoff zum Nachdenken.


Meine Bewertung
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http://blog4aleshanee.blogspot.de/search/label/4%2F5%20Sonnen


© Aleshanee



Über die Autorin: Antonia Michaelis, Jahrgang 1979, in Norddeutschland geboren, in Süddeutschland aufgewachsen, zog es nach dem Abitur in die weite Welt. Sie arbeitete u.a. in Südindien, Nepal und Peru. In Greifswald studierte sie Medizin und begann parallel dazu, Geschichten für Kinder und Jugendliche schreiben. Seit einigen Jahren lebt sie nun als freie Schriftstellerin in der Nähe der Insel Usedom und hat zahlreiche Kinder und Jugendbücher veröffentlicht, facettenreich, fantasievoll und mit großem Erfolg. »Der Märchenerzähler«, ihr erstes Buch für junge Erwachsene, wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
Quelle: Oetinger Verlag

Ebenfalls tolle Bücher der Autorin:

Das Institut der letzten Wünsche - Rezension
Der Märchenerzähler - Rezension
Die Allee der verborgenen Fragen - Rezension
Die Nacht der gefangenen Träume - Rezension
Niemand liebt November - Rezension
Paradies für alle - Rezension
Solange die Nachtigall singt - Rezension




Kommentare:

  1. Hallo Alex :)
    Deine Rezension macht mich mal wieder darauf aufmerksam, dass ich es tatsächlich immer noch nicht geschafft habe, ein Buch der Autorin zu lesen... ich muss das unbedingt mal ändern. Deine Rezension macht mich neugierig auf ihre Werke, vor allem aufgrund der besonderen Mischung und der doch ernsten Thematik.
    Lg Dana

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    1. Sie hat definitiv immer eine ganz spezielle Mischung in der Umsetzung, und auch was die Themen betrifft. Die Atmosphäre ist super getroffen jedes Mal!
      Mir hat bisher alles gefallen was ich oben verlinkt habe, nur Tankstellenchips war nicht so ganz das meine, der Humor war nicht meins.

      Ich bin gespannt welches du auswählst, wenn du denn mal eins von ihr liest :)

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  2. Hallo liebe Aleshanee,

    eine wirklich sehr tolle Rezension, der ich in allen Punkten zustimme, dieich so unterschreiben kann und der ich auch nichts hinzuzufügen habe. Es ist schon wieder ein wenig her, dass ich dieses Buch gelesen habe, aber ich weiß noch, dass es mich sehr berührt und mitgenommen hat.

    Liebe Grüße!
    Dana

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    1. Ganz lieben Dank, Dana! Es war gar nicht so einfach, das in Worte zu fassen - bei solchen sensiblen Themen fällt mir das immer etwas schwer. Deshalb freut es mich, dass es wohl doch so ankommt wie ich es mir gedacht habe.
      Oft kann ich ja solche Bücher nicht lesen, aber grade von der Autorin bekomme ich das ganz gut hin, weil sie immer wieder diese Balance erwischt, ohne dass "der Leser" zu sehr in Düsternis versinkt. Trotzdem sehr berührend, auf jeden Fall!

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  3. Huhu Aleshanee,

    das Buch habe ich seit Kurzem auf dem SuB und bin nun wirklich am Überlegen, es im nächsten Monat zu lesen. :D Ich mag den Stil von Antonia Michaelis, auch wenn mich inhaltlich nicht alle ihre Bücher bisher überzeugen konnten. Bei "Die Worte der weißen Königin" habe ich aber das Gefühl, es könnte mir gefallen.

    LG Alica

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    1. Ja, sie schreibt schon sehr eigenwillig und ganz anders, aber genau das mag ich bei ihren Büchern sehr! Gerade aber auch inhaltlich finde ich es sehr gut zum Nachdenken - welche haben dich da denn nicht überzeugen können?

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    2. "Solange die Nachtigall singt" fand ich zwar wunderschön geschrieben, aber einfach soooo unlogisch. >.>
      Und "Mr Widows Katzenverleih" war mir ein bisschen zu überdreht. :D

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    3. Ohhhh, Solange die Nachtigall singt fand ich ja mega! War das echt unlogisch? Da ich ja vorher nicht wusste wie es endet (das fand ich ja heftig) ist mir nichts aufgefallen, das müsste ich direkt nochmal lesen :)

      Mr. Widows Katzenverleih hab ich nicht gelesen, da hatte ich schon eine Ahnung das mir das wahrscheinlich nicht so gefällt ^^ Kann mich natürlich auch täuschen

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  4. Hey,

    eine schöne Rezension :) Und es freut mich, dass das Buch dir auch gefallen hat; es ist zwar schon eine Weile her, seit ich "Die Worte der weißen Königin" gelesen habe, doch ich kann mich noch erinnern, dass ich die Geschichte sehr gut und vor allem den Schreibstil sehr eindringlich fand. Beim Lesen deiner Meinung sind mir auch einige Aspekte wieder eingefallen.

    Hab einen schönen Tag!
    Liebe Grüße,
    Kerstin

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    1. Ihre Schreibweise ist aber auch immer sehr intensiv, gerade das mag ich bei ihren Büchern so. Da lese ich auch mal Themen die ich ansonsten beiseite legen würde :)

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  5. Hey! Ich finde es toll, wenn Blogger auch noch fernab des Mainstreams lesen;) Von Antonia Michaelis hab ich auch vier Bücher gelesen: Nashville, Solange die Nachtigall singt, Das Institut de letzten Wünsche und Der Märchenerzähler. Richtig gut gefallen hat mir einzig letzteres, und das fand ich wirklich großartig! Aber ihr Schreibstil ist teils sehr bedrückend und trotzdem mir oft zu trocken-emotionslos, auch wenn ich eigentlich jemand bin, der viel zwischen den Zeilen liest, was man bei ihr ja muss.
    Welches war denn dein Favorit? Aber dieses möchte ich auch noch lesen (plus zwei weitere), ich habe manches Mal gehört, es sei eins der Besseren...Obwohl ich fürchte, dass es auch sehr düster-drückend ist?! Lg, Kathrin

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    1. Ich lese sowieso oft Bücher die kaum jemand kennt, das ist sehr gemischt mit neuem, altem, Mainstream oder unbekannt :)

      Die ich oben verlinkt habe mochte ich alle gerne, aber mein Favorit ist auf jeden Fall "Niemand liebt November" - geniales Buch!
      Aber "Solange die Nachtigall singt" fand ich auch sehr cool. Verwirrend, aber trotzdem super aufgebaut, vor allem mit dem krassen Ende!

      Das hier ... naja, das Thema ist ja schon sehr ernst, aber sie schafft es trotzdem immer, so eine gewisse Leichtigkeit mit reinzubringen. Emotionslos finde ich ihre Bücher zum Beispiel gar nicht, das ist aber sehr unterschiedlich von der Wahrnehmung her, grade bei ihren Büchern.

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