Samstag, 24. Juli 2021

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle von Stuart Turton


 

 Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle von Stuart Turton


Genre Mystery Krimi
Im Original The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle 
übersetzt von Dorothee Merkel
Schauplatz England 1930er Jahre
 
Verlag Klett-Cotta -- Seitenzahl 605
1. Auflage im Original Februar 2018




 
 
Verlagsinfo
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Familie Hardcastle lädt zu einem Ball auf ihr Anwesen Blackheath. Alle Gäste amüsieren sich, bis ein fataler Pistolenschuss die ausgelassene Feier beendet. Evelyn Hardcastle, die Tochter des Hauses, wird tot aufgefunden. 
Unter den Gästen befindet sich jemand, der mehr über diesen Tod weiß, denn am selben Tag hat [...] eine seltsame Nachricht erreicht: »Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.« 
Tatsächlich wird Evelyn nicht nur ein Mal sterben. Bis der Mörder entlarvt ist, wiederholt sich der dramatische Tag in Endlosschleife. Doch damit nicht genug: Immer, wenn ein neuer Tag anbricht, erwacht Aiden im Körper eines anderen Gastes und muss das Geflecht aus Feind und Freund neu entwirren. Jemand will ihn mit allen Mitteln davon abhalten, Blackheath jemals wieder zu verlassen.
 
Meine Meinung
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Auf das, was mich hier in dem Buch erwartet hat, war ich echt überhaupt nicht vorbereitet! Die Idee von "und täglich grüßt das Murmeltier" ist ja nicht neu, aber der Autor hat hier nochmal eine individuelle Note eingebracht, die das ganze noch komplexer und noch verwirrender macht! 

Zusammen mit dem Protagonisten erwacht man mitten in einem Wald ohne jegliche Erinnerung, nur mit dem Namen "Anna" auf den Lippen. Zusammen mit ihm muss man sich dann die Puzzleteile zusammensuchen, was wohl geschehen ist und so taucht man in ein diffuses Spiel zwischen Intrigen, Rätsel und Geheimnissen ein, die wirklich schwer zu entzerren sind. 

Die Hintergründe liegen viele Jahre zurück und um die Zusammenhänge zu begreifen, muss sich der Protagonist vielen Gefahren stellen und hinter die Masken blicken. Allerdings wacht er nicht "jeden Tag aufs neue" in einem anderen Gast auf. Sondern er erlebt den gleichen Tag zeitgleich mit all seinen anderen Wirten. Das sollte man besser vorher wissen, denn ich bin tatsächlich erst bei der Hälfte des Buches auf diesen Aspekt gekommen. 
Das macht das ganze so komplex und undurchschaubar, da er zeitlich und physisch ständig wechselt und damit auch sein Wissen früher am Tag schon größer sein kann, als in einem anderen Charakter später. Das hört sich jetzt sicher verwirrend an - das war es auch, aber man findet sich nach einer Weile schon zurecht. Zumindest mit der Idee. Wenn man konzentriert liest.
Sehr genial in dem Zusammenhang: Der Protagonist muss sich nicht nur mit dem jeweils neuen Körper und Wissensstand zurechtfinden, sondern auch mit den Charaktereigenschaften! Das kann ein großes Hindernis sein, aber auch ein Vorteil, je nach der Gesinnung des "Wirts". Hier hatte er oft zu kämpfen, denn bei einigen von ihnen kämpfen sich sehr negative Charakterzüge immer wieder in den Vordergrund.

Und hier muss ich dem Autor wirklich meinen allergrößten Respekt entgegenbringen, so eine umfangreiche Konstellation auf diese geniale Art aufs Papier zu bringen. Wenn hier tatsächlich kleine logische Fehler dabei waren: ich hab sie jedenfalls nicht entdeckt, denn für mich war es teilweise nicht mehr überblickbar, wer wann was genau getan oder erfahren hat. 
Das war größtenteils allerdings gar nicht so schlimm, man muss sich einfach leiten lassen - manchmal hätte ich mir aber schon gewünscht, dass ich die vielen Hinweise etwas besser hätte greifen können. 

Ebenfalls ein großes Lob gilt dem Schreibstil, der mir grade etwas schwer zu beschreiben fällt. Einfach, zum Glück, da ja die Handlung schon so kompliziert ist, allerdings baut er auch großartige Metaphern ein, die das ganze sehr lebendig und anschaulich gemacht haben.

Draußen tobt ein heftiger Sturm. Regentropfen wirbeln durch die Luft, im Wald zersplittern Äste, und die Bäume schwanken hin und her. Es ist eine hässliche Nacht, als hätte man Fäuste voll Ruß aus dem Ofen genommen und damit den Himmel besprengt.
Zitat Seite 108

Nur ein kleines Beispiel von vielen anderen, das auch sehr gut die Atmosphäre unterstreicht. Die war nämlich nicht so, wie im Klappentext angekündigt und deshalb von mir so vorgestellt, mit einem ausgelassenen Fest und amüsierenden Gästen gespickt. Denn die Stimmung im Anwesen der Hardcastles ist von Beginn an äußerst seltsam. 
Auch das ist schwer zu beschreiben, es wirkte oft surreal und immer wieder gibt es Getuschel, Unstimmigkeiten zwischen den Gästen und Drohungen, die unheilvolle Wirkung entstehen lassen. Das hat Stuart Turton wirklich perfekt inszeniert!

Jedes Gespräch scheint mit Nadelstichen gespickt, überall lauert Gefahr, die Luft ist voller Dornen.
Zitat Seite 124

Ich hab auch etwas gerätselt, zu welcher Zeit das wohl spielt und bin letztendlich auf die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts gekommen. 

Für dieses Buch sollte man sich wirklich Zeit nehmen und sich darauf einlassen können, ohne erstmal zuviel zu hinterfragen. Nach und nach lösen sich die Rätsel auf, auch wenn man bis zum Ende nicht weiß, was tatsächlich dahintersteckt.
Die Auflösung der Hintergründe hätte für mich noch etwas spektakulärer sein können - wobei die Botschaft, die dahintersteckt, eine interessante ist und für mich guten Kern hatte. Hier scheiden sich sicher die Geister und ich war etwas verwundert, dass in keiner Rezension, die ich gelesen habe, näher darauf eingegangen wurde oder zumindest Stellung dazu bezogen.
Die Auflösung, was hinter dem Tod von Evelyn Hardcastle steckt, war dafür eindrucksvoller und ebenso komplex und unerwartet, wie man es nach den ganzen seltsamen Geschehnissen auch erwarten durfte.


Meine Bewertung
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Gelesen hab ich das Buch in einer kleinen Leserunde zusammen mit Sabine und Sandra auf dem Blog Buchmomente. Hier könnt ihr gerne unsere Gedanken dazu durchlesen - dort sind aber massive Spoiler dabei ;) 
 
 
Rezensionen findet ihr auch bei 
 


Ende August 2021 erscheint übrigens ein neues Buch von Stuart Turton im Klett Cotta Verlag:

Der Tod und das dunkle Meer

1634: Ein Schiff auf dem Weg von Indonesien nach Amsterdam. Eine dunkle Prophezeiung und ein Detektiv, der selbst Gefangener ist. Samuel Pipps und Arent Hayes stehen vor dem Fall ihres Lebens, denn der Teufel ist mit an Bord. Aberglaube, Hexenjagd, Machtgier – Stuart Turton führt uns ins dunkle Meer der menschlichen Abgründe.

Gerade noch hat Samuel Pipps im Auftrag der mächtigen Männer der Ostindien-Kompanie einen kostbaren Schatz in der Kolonie Batavia wiedergefunden. Nun befindet er sich auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Sein Assistent und Freund Arent Hayes ist mit an Bord der Saardam. Genau wie der Generalgouverneur und seine Frau Sara Wessel. Doch kaum auf See, beginnt der Teufel sie heimzusuchen. Unerklärliche Morde geschehen, und ein Flüstern weht durch das Schiff, das alle an Bord dazu verführt, ihren dunkelsten Wünschen nachzugeben. Pipps muss seinem Freund Arent und Sara dabei helfen, ein Rätsel zu lösen, das alle Passagiere verbindet und weit in die Vergangenheit zurückreicht. Bevor das Schiff sinkt und sie alle in die Tiefe reißt.

9 Kommentare:

  1. Guten MOrgen liebe Aleshanee,

    darauf habe ich gewartet, also auf deine Rezi, denn ich schiebe meine schon die ganze Zeit vor mir her. Ich finde, du hast mit deinen Worten genau getroffen, wie wir uns gefühlt haben beim Lesen. Diese Verwirrung und die vielen Fragezeichen - aber du hast auch die tolle Atmosphöre und den Schreibstil erwähnt - und natürlich das Ende.

    Sehr schöne Rezi!

    Liebe Grüße
    Sabine

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    1. Ganz lieben Dank Sabine!
      Ich dachte ja, ich wäre die letzte mit meiner Rezension *lach* Ich bin sehr gespannt wie eure beiden ausfallen :)

      Wir hatten ja alle ein bisschen Kritik, aber im gesamten musste ich es so gut bewerten, weil es einfach eine sehr geniale Idee ist und der Aufbau meinen Respekt hat. Zudem der tolle Stil und die Atmosphäre ... also ich freu mich auf sein neues Buch :D

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    2. So - ich habe sie geschrieben, ich denke, nächste Woche lade ich sie hoch.

      Sein neues Bcuh werrde ich auch auf jeden Fall lesen"

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  2. Huhu Aleshanee,

    eine schöne Rezension hast du hier geschrieben. Sie gibt das Buch wirklich gut wieder und die vielen Gedanken, die wir uns gemacht haben. Ich gebe dir Recht, die Atmosphäre, die der Autor aufgebaut hat und sein Schreibstil waren einfach klasse und haben aus dem Lesen einen Genuss gemacht.

    Ich war zwischenzeitlich im Urlaub, sollte mich dann jetzt aber auch mal an die Rezension machen.

    Liebe Grüße,
    Sandra

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    1. Dankeschön :)

      Oh, na dann hoffe ich du hattest einen tollen Urlaub :D
      Deine Rezension hab ich vorhin schon entdeckt, die werde ich mir auch noch in Ruhe durchlesen!

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  3. Hallo Aleshanee,

    sehr schön rezensiert! Die Geschichte ist besonders und im Vorhinein ahnt man gar nicht, was da auf einen zukommt. Diese unterschiedliche Befindlichkeiten in den Wirtskörpern fand ich auch recht spannend.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Ganz lieben Dank Nicole! Das war gar nicht so einfach, das in Worte zufassen, denn ich war oftmals sehr verwirrt *lach* Aber es ist definitiv ein äußerst ausgefallenes und faszinierendes Buch!
      Ich freu mich schon drauf, was er mit der nächsten Geschichte gemacht hat. Da ist die Erwartung auf etwas besonderes natürlich sehr hoch.

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  4. Huhu Aleshanee :D

    Freut mich, dass dir das Buch auch gefallen hat. Es ist, vom Stil gesehen, schon etwas ganz anderes - du hast absolut recht, das ist kein Buch, das man mal nebenbei liest, man muss sich schon echt konzentrieren, aber ich empfand es doch als echt spannend, weil man eben irgendwie selbst kombinieren musste, was nun schon bekannt ist zu welchem Zeitpunkt! :D Ich denke echt immer noch gerne an das Buch zurück und ich glaube fast, es
    wäre so ein Buch, das ich noch einmal lesen würde!

    Liebe Grüße
    Jessi

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    1. Hi Jessi!

      Ja, es war definitiv spannend und hat mich sehr fasziniert! Die Atmosphäre war so grandios rübergebracht und das Rätseln hat definitiv Spaß gemacht - auch wenns manchmal schon anstrengend war ^^
      Wenn nochmal lesen, hätte ich es gerne gleich gemacht. Mit dem Wissen direkt nochmal starten und dann sicher besser erkennen, wie was wann zusammenhängt :D

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