Samstag, 9. November 2019

Rezension zu Frankenstein von Mary Shelley

Rezension zu Frankenstein von Mary Shelley

Mary Shelleys »Frankenstein« ist neben Bram Stokers »Dracula« der zweite große Archetypus des modernen Horrorgenres. Im Unterschied zum Fürsten der Finsternis ist Shelleys Hauptfigur kein übernatürliches Wesen, sondern ein künstlich erzeugter Mensch, der durch die Grausamkeit und Ignoranz seiner Umwelt erst zu dem Monster wird, für das ihn alle halten. Wirklich monströs hingegen sind die ganz normalen Menschen: mit ihren kalten Herzen und ihrem Wahn, die Welt im Griff zu haben.
(Verlagsinfo)

Diese Ausgabe erschien 2009 im Fischer Verlag
und wurde übersetzt von Heinz Widtmann



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Frankenstein

oder Der moderne Prometheus
von Mary Shelley

Genre Horror Klassiker
übersetzt von Heinz Widtmann
Verlag Fischer // Seitenzahl 224
erstmals veröffentlicht im Jahr 1818
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"Erkennen Sie an mir, an meinem Beispiel, wie gefährlich es ist, sich wissend zu machen, und wie viel glücklicher ein Mensch ist, dem seine Heimatstadt seine Welt bedeutet, der nicht größer sein will, als seine Natur ihm erlaubt." Seite 47

Ein sehr eindrucksvolles Zitat, wenn man es aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts in die heutige Zeit holt. Mit dem Experiment, etwas Totem Leben einzuhauchen, Gott zu spielen und sich in dieser Leidenschaft zu verirren, ist ein sehr prägnantes Bild, dass sich im Größenwahn der heutigen Gesellschaft fortsetzt. 
Ob Mary Shelley es genau auf diese Botschaft abgesehen hatte weiß ich nicht, denn an sich wollte sie nur eine Gruselgeschichte erzählen bzw. niederschreiben, die dabei immer mehr an Umfang gewonnen hat. Teilweise zuviel würde ich sagen, denn zwischendurch wirkt es doch etwas zäh, weil sie sich in zu detaillierten Beschreibungen verliert, die nicht unbedingt spannend sind. 

Während erst Viktor Frankenstein selbst seine Lebensgeschichte erzählt, wie er sich, von den Studien besessen, zu diesem monströsen Experiment hat hinreißen lassen, kommt auch "das Monster" selbst zu Wort, in seinen ausweglosen Versuchen, sich der menschlichen Gesellschaft zu nähern. 
Im Grunde des Herzens und seiner Gefühle, die er wohl tatsächlich hatte, war er ein friedvolles Wesen, dass durch die Abscheu und Grausamkeit, die ihm zuteil wurde, an der Einsamkeit und Lieblosigkeit zerbrochen ist. 

Die Autorin zeichnet hier wirklich ein außergewöhliches Bild von einem Charakter, der alles versucht, um in der Gesellschaft angenommen zu werden und dem sein grauenvolles Antlitz zum Verhängnis wird. 

Mit der alten Schreibweise ist es sehr ungewöhnlich zu lesen, aber ich hab mich recht schnell zurecht gefunden. Man stolpert dabei manchmal auch über witzige Formulierungen wie "Entwickelungen" oder "mit Hülfe" :D Stellenweise war es aber wirklich atmosphärisch sehr dicht gestrickt und spannend, grade wenn "das Monster" von seinem Leidensweg erzählt. Die Ungerechtigkeit und die Verzweiflung, die ihn schließlich auch innerlich zum Monster werden ließen, gehen dann doch sehr ans Herz. 

Aber ich hab auch einige andere tolle Botschaften entdeckt, die euch gerne in den Zitaten zeigen würde.
"Wenn das Studium, dem man sich widmet, die Gefühle der Liebe und Dankbarkeit vernichtet und den Sinn für einfache Freuden tötet, dann ist es sicher nicht nützlich für den menschlichen Geist." Seite 50

"Wir dürfen ihn nicht weiter bemitleiden, sondern die Überlebenden sind es, die unseres Mitleides bedürfen." Seite 68

"Da ich aber um Dein Glück ebenso besorgt bin wie um mein eigenes, erkläre ich Dir unumwunden, daß unsere Ehe mich auf ewig unglücklich machen müßte, wenn ich nicht der Überzeugung sein könnte, daß der Entschluß dazu Deinem freien Willen entsprang." Seite 179

Gerade letzteres, die Worte eines liebenden Menschen, der nur das Glück des anderen im Sinn hat, auch wenn er es mit jemand anderem finden sollte. Ohne Eifersucht oder Rachegedanken, sondern einfach nur mit dem innigen Wunsch, dass es demjenigen, den man liebt gut geht und er glücklich werden sollte. 

Das Buch beinhaltet auch ein Vorwort von Mary Shelley aus dem Jahr 1831 und im Anhang Daten zu Leben und Werk der Autorin und einen Auszug dazu aus Kindlers Literatur Lexikon.


Meine Bewertung

http://blog4aleshanee.blogspot.de/search/label/4%20Sonnen



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Über die Autorin: Mary Shelley (1797-1851) begann schon als Kind Gedichte und Romane zu verfassen. Noch keine 17 Jahre alt, brannte sie mit dem jungen Dichter Percy Shelley durch und bereiste Europa. Im Jahr ihrer Hochzeit 1816 verbrachten beide den Sommer mit Lord Byron am Genfer See, wo sie Ideen für Schauergeschichten sammelten. Schon zwei Jahre später veröffentlichte Shelley ihren „Frankenstein“, den Vater aller Gruselromane, dessen Erfolg es ihr ermöglichte, fortan als angesehene Schriftstellerin zu leben.
Quelle: Fischer Verlag

Kommentare:

  1. Hallo Aleshanee,

    was für ne traurige Geschichte...ebenso wie die Fortsetzung...Frankensteins`s Braut.

    Keine Chance für einen verunstalteten Mann mit einem durchaus guten Herz auch in der Liebe...LG..Karin..

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    1. Ja, die ist wirklich äußerst traurig und berührend, ich wusste das ehrlich gesagt gar nicht. Ich hab irgendwann mal einen Film dazu gesehen und irgendwie hab ich "Frankenstein" immer anders im Kopf gehabt, durch das, was man halt so hört. Bin aber jetzt froh, dass ich es gelesen hab!

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  2. Ahoi Aleshanee,

    witzig, ich lese gerade Frankissstein (großartig) und bin richtig motiviert, das Buch nochmal zu re-readen... Auf jeden Fall gucke ich mir nach Beenden des Buches den Film zu Mary Shelley an ^^

    Liebe Grüße
    Ronja von oceanloveR

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    1. Bei dem Buchtitel ist mir direkt "Kiss" ins Auge gesprungen und ich dachte schon, das es eine romantische Adaption davon ist, aber wie ich jetzt nachgelesen habe, scheint es ja echt recht cool zu sein. Grade das Thema mit der KI interessiert mich sowieso, ist ja auch sehr aktuell :)

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    2. Es ist sooooo genial! Verschiedene Erzählstränge verschmelzen, Fiktion in Realität gebettet, so viele Gedanken/Themen/Aktuelles... den Schreibstil muss man aber mögen; teilweise nahezu poetisch, dann fast vulgär. Ich liebe das Buch aber bisher!

      LG

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    3. Ich mag das meistens gerne, wenn es so anders ist, kommt halt immer drauf an ob der Autor das auch gut hinbekommt - und ob es zu meinem Geschmack passt. Ich werds mir auf jeden Fall mal vormerken ;)

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  3. Hallöchen Aleshanee =)

    Dieses Büchlein liegt nun schon fünf Jahre auf meinem SUB. Dass es bisher keiner Aussortieraktion zum Opfer wurde, spricht wohl für sich =).
    Ich bin sehr gespannt, ob ich mit dieser Ausdruckweise zurechkomme. Ich will mir schon seit Jahren selbst einen Eindruck verschaffen.
    Danke für deinen Eindruck!

    LG
    Anja

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    1. Es ist natürlich eine Umstellung, wenn man was liest was aus der damaligen Zeit stammt. Immer könnte ich sowas nicht lesen, aber ab und an geht das schon, finde ich. Vor allem hat es mich natürlich interessiert, weils einfach ein Klassiker ist, den ich unbedingt mal lesen wollte :)

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