Freitag, 3. Januar 2020

Rezension Die Entbehrlichen von Ninni Holmqvist

Rezension zu Die Entbehrlichen von Ninni Holmqvist


In einer Gesellschaft, die nur auf ihre produktivsten Mitglieder setzt, gehört Dorrit Wegner zu den »Entbehrlichen«. Allein lebend und ohne Kinder muss sie sich an ihrem fünfzigsten Geburtstag in ein Sanatorium einweisen lassen, das nur einem Zweck dient: die hier wohnen, haben sich für psychologische Tests und Organentnahmen zur Verfügung zu stellen. Dabei sollen Luxus und Komfort den »Entbehrlichen« die Endzeit ihrer Existenz so angenehm wie möglich machen. Auch Dorrit fügt sich scheinbar widerspruchslos in ihr neues Leben, bis sie einem Menschen begegnet, der ihr alles bedeutet.
(Verlagsinfo)





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Die Entbehrlichen

von Ninni Holmqvist 

Genre Dystopie
Im Original Enhet
aus dem schwedischen übersetzt von Angelika Grundlach

Verlag Fischer // Seitenzahl 272
1. Auflage des Originals 2008
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Meine Meinung
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Auf das Buch bin ich durch eine Rezension von der lieben Hibi auf ihrem Blog aufmerksam geworden - so groß bekannt scheint es nicht zu sein, was mich ehrlich gesagt etwas verwundert. Denn obwohl das Thema einerseits weit hergeholt scheint, hat es andererseits Momente, die einem sehr real und aktuell vorkommen Ein bisschen von der Grundthematik erinnerte es mich an "Vollendet" von Neal Shusterman - während er allerdings die "ungewollten" Jugendlichen als nutzlos und damit Organspender deklariert hat, sind bei Ninni Holmqvist die älteren Generationen das Ziel der Auslese.

Es geht um den Wert eines Menschen und dem damit verbundenen Sinn, den jeder Einzelne seinem Leben gibt.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt den Menschen ja schon seit Jahrhunderten, aber in dieser zukünftigen Gesellschaftsform, in der die Protagonistin Dorrit Weber lebt, hat ihn sehr klar formuliert:

"Nur neue Konstellationen werden anerkannt. Menschen, die einen neuen Haushalt gründen 
und neue Menschen poduzieren...
alles muss sich vorwärtsbewegen." Seite 136

Man muss also etwas einbringen in die Gesellschaft - und zwar vorrangig Kinder, um das Überleben unserer Art zu sichern; oder man muss sich in beruflich besonders hervorbringen, oder zumindest einen Nachweis haben, dass man einen Partner hat, der einen liebt. Man sozusagen benötigt wird, und nicht entbehrlich ist.

Eine gruselige Vorstellung, anhand von "Daten" zu bemessen, ob ein Mensch wichtig ist oder geopfert werden kann. Anders kann man es nicht nennen, denn Frauen ab 50 und Männer ab 60, die von niemandem benötigt werden (Geschwister oder Freunde zählen hier übrigens nicht), kommen in die Einheit. Einen Ort, an dem sie ihre letzten Jahre scheinbar ohne Entbehrungen verbringen können, gleichzeitig aber auch Versuchskaninchen spielen müssen für psychologische und physische Tests und eine Art Ersatzteillager sind, falls ihre Organe für "benötigte Menschen" gebraucht werden.

"Das Leben und das Dasein haben keinen Wert an sich. Wir haben keine Bedeutung, 
nicht einmal die Benötigten haben eine Bedeutung. 
Das Einzige, was wirklich wertvoll ist, ist das, was wir produzieren." Seite 116

Die Autorin steigt auch direkt in dem Moment ein, in dem Dorrit zu ihrem 50. Geburtstag abgeholt in eine dieser Einheiten gebracht wird. Es ist kein aufregender, von Spannung getragener Roman, sondern eher leise, schleichend, und dadurch umso beklemmender.
Mit sehr viel Gefühl und dabei kurz und prägnant, weiß sie sehr gut die aufwühlenden Gefühle und Bedürfnisse zu zeigen, auf Missstände zu deuten im Umgang miteinander, aber auch den liebevollen und fürsorglichen Umgang, den jeder von uns so dringend braucht.

Die "Entbehrlichen" sitzen alle in einem Boot und auch wenn jeder mit der Situation anders umgeht, entwickelt sie ein sehr feines Gespür für die anderen, die Verzweiflung, die Ängste, die Einsamkeit, die über sie hereinbrechen. Eine Gefühl der Zusammengehörigkeit entsteht, auch weil die Situation wohl anders gar nicht auszuhalten ist.

Wichtig fand ich hier auch, dass diese Menschen alle schon vorher in der Gesellschaft einen schlechten Stand hatten, als geringwertig angesehen wurden. Keine Familie gegründet? Keinen Erfolg im Beruf? Welchen Nutzen hat man dann für die Gesellschaft, wenn man keinen Beitrag leistet für das Gemeinleben?
Das Stichwort Leistungsgesellschaft hat für mich schon immer einen faden Beigeschmack, denn jeder hat das Recht, sein Leben so zu gestalten, wie er möchte - mit allen Vorteilen und allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Ein Urteil darüber zu fällen, steht niemandem zu.

Wie sich Dorrits Leben in diesem überwachten Ausgeliefertsein entwickelt hat eine subtile Spannung, der man sich kaum entziehen kann. Wie alle anderen muss sie an allen Forschungen teilnehmen, die äußerste körperliche Belastungen und seelische, ja, Grausamkeiten beinhalten, was teilweise verstörend und erschreckend erzählt wird.

Ein wichtiges Buch, das mit einer sanften Eindringlichkeit erzählt wird und dadurch umso mehr berührt. Den Wert eines Menschen zu messen ist nicht möglich, weil jedes Leben wertvoll ist. Nicht nur "große" Taten zählen, sondern grade die kleinen, liebevollen Gesten und zwischenmenschlichen Momente sind wichtig und lassen sich an keiner Skala werten.

Meine Bewertung
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http://blog4aleshanee.blogspot.de/search/label/5%20Sonnen



Über die Autorin: Ninni Holmqvist, geboren 1958, debütierte 1995 mit der Novellensammlung ›Kostym‹. Für ihr viertes Buch ›Die Entbehrlichen‹ wurde Ninni Holmqvist von der skandinavischen Presse gefeiert. Die Autorin lebt in Südschweden und übersetzt aus dem Dänischen und Englischen.
Quelle: Fischer Verlage


Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Aleshanee,
    ich hatte Gänsehaut unterm Lesen deiner Rezension!
    Dieses Buch ist bei mir nun schon zwei Jahre her. Und selbst nach all den gelesenen Büchern seither, hat es in mir etwas hinterlassen, was es zu einem besonderen Buch für mich macht. Da habe ich die Tage noch angemerkt, dass ich `nur´ 76 Bücher sowohl 2018 wie auch 2019 gelesen habe. Dabei ist das doch vollkommen egal, wenn man seine Lesezeit mit einem Buch wie diesem verbringt. Ich danke dir für die wichtige Erinnerung/Erkenntnis und die gelungene Rezension zu einem Buch, welches ich ebenso wichtig empfinde wie du.
    Ganz liebe Grüße, Hibi

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    1. Dankeschön Hibi <3 Hierfür Worte zu finden war wirklich nicht einfach.

      Ja, diese Geschichte hinterlässt wirklich einen sehr intensiven und erschütternden Eindruck - vor allem auch, denke ich, weil sie gar nicht so weit von der Realität weg ist.

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  2. Hallo Aleshanee,

    tatsächlich habe ich noch nie von diesem Buch gehört, bevor du angefangen hast, es öfter mal zu erwähnen (okay, ich folge dir noch nicht allzu lange, aber du hast das Buch ja bereits in einigen Beiträgen angesprochen).
    Insgesamt ist mir beim Lesen der Rezension aufgefallen, wie aktuell und wichtig das Thema, das das Buch anspricht, für unsere Gesellschaft ist. Vielleicht sollte ich mal von meinem bisher immer bevorzugten Genre abweichen und auch mal zu ein paar anderen Büchern greifen, die einen zum Nachdenken bringen.

    Liebe Grüße,
    Lara

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    1. Hey Lara, solche Bücher lese ich auch eher selten, aber dann recht gerne.
      Gesellschaftliche Themen finden sich ja in fast allen Genren ;) aber so explizit natürlich nicht. Ich fand es wirklich sehr erschreckend, weil sich vieles davon schon in der Gesellschaft abzeichnet ...
      Aber für so eine Handlung brauche ich auch den richtigen Moment zum Lesen.

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  3. Hallo Aleshanee,

    also beim Lesen der Info zum Roman...habe ich gleich an "Vollendet" gedacht...grins...

    Hm, aber irgendwie geht unsere Gesellschaft auch schon so in diese Richtung oder? ....nichts mehr mit Achten und Ehren z.B. der Großeltern oder wie schwierig gestaltet sich die Arbeitssuche ab 50 Jahren.

    Wer ist eigentlich das Mädchen auf dem Cover?
    Wohl keine Entbehrliche oder?

    Das Buch ist auf alle Fälle schon mal vorgemerkt ...für meine WuLi..

    LG..Karin...

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    1. Ja, sie haben schon eine Parallele im Grundsatz, aber da ist wirklich auch alles. Ansonsten sind sie komplett anders und ich finde, es lohnt sich zu lesen. Es wirkt sicher noch lange nach.

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  4. Hallo Aleshanee,

    ich habe einen Windows-Rechner gefunden, auf dem das Kommentieren klappen sollte. Der Mac verweigert weiterhin hartnäckig die Zusammenarbeit.

    Das Buch klingt nach einer Mischung aus "Report der Magd" und "Die Insel" (Film). Beides sehr gute Vertreter ihres Genres ;)

    Viele Grüße
    Frank

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    1. Ui wie schön! :) Aber trotzdem doof dass es mit dem anderen nicht klappt ...

      "Der Report der Magd" hab ich gelesen, allerdings ist das wirklich schon ewig her und ich weiß kaum noch was von der Handlung. Nur die Atmosphäre hab ich noch vage in Erinnerung, die könnte hier wirklich ähnlich sein. Den Film "Die Insel" kenne ich nicht ;)

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  5. Hallo Aleshanee,

    aber ich kenne "die Insel" da wird Klonen weisgemacht...das sie die Überlebende einer großen Umweltkatastrophe sind. Spielt sich alles unterirdisch ab ....alle paar Wochen gibt es eine Verlosung ...Hauptgewinn man kommt auf die Insel= Paradies..mit reiner Luft, Sonnenschein usw.

    Leider bedeutet das für die Klone, aber kein besseres Leben, sondern den Tod.
    Denn die normale Welt gibt es noch, da gab es auch keine Umweltunglück...nur die Reichen /Mächtigen leisten sich den Luxus ...hier Menschen zu züchten, um bei möglichen Gefahren körperlicher Natur die Klone als Ersatzteillager nutzen zu dürfen

    Auch dürfen die Frauen Kinder bekommen und austragen, die ihnen aber gleich nach der Geburt weggenommen werden...denn die Eltern in der normalen Welt warten schon voller Sehnsucht
    auf "ihr Kind" ....was wiederum den Tot der gerade Gebärenden bedeutet.....Zweck erfüllt und weg damit.

    Lincoln Six-Echo und Jordan Two-Delta...beides Klone gelinkt die Flucht.....mehr wird nicht verraten...grins...

    Ist wirklich gut gemacht und sehenswert.

    LG...Karin...

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  6. Hallo Aleshanee,
    das hört sich ungemein interessant an! Ich mag ja Dystopien sehr und bin immer auf der Suche nach neuen guten Büchern in diesem Genre.
    KOmmt gleich mal auf meine (megalange) Wunschliste.
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. ICh bin mir sicher dass es dir gefallen wird :)
      Die lange Wunschliste kommt mir bekannt vor *g*

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  7. Hallo Aleshanee,

    was für eine tolle Rezension! Ich hatte sofort wieder Dorrits Geschichte vor mir, dabei ist das Buch schon sieben Jahre her. Mir gefällt auch, wie hier die Leistungsgesellschaft und ihre Produktivität durchleuchtet werden. Zudem fallen mir jetzt - damals nicht - ältere Menschen in dem Zusammenhang ein. Bei denen besteht doch auch häufig die Tendenz, dass sie zur Seite geschoben werden, weil sie 'entbehrlich' geworden sind.

    Übrigens, der Vergleich mit Shusterman ist mir gar nie gekommen. Warum auch immer.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Dankeschön Nicole!

      Sieben Jahre schon! Ich kann gar nicht glauben dass das Buch schon "so alt" ist und ich noch so gut wie nichts darüber gehört habe ...

      Alte Menschen werden bei "uns" oder allgemein in der Gesellschaft ja leider sehr oft als überflüssig gesehen. Jemand, der es "nicht Wert" ist, Zeit und Geld zu investieren. Ganz schlimm sowas!

      Kanntest du denn Vollendet von Shusterman zu dem Zeitpunkt schon?
      Mich hat die Grundidee sofort daran erinnert: "unbequeme / unproduktive" Menschen aus der Gesellschaft entfernen und als Organspender missbrauchen. Aber wie gesagt, damit endet dann auch die Ähnlichkeit ;)

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    2. Es ist damals im Fahrenheit-Verlag erschienen, den gibt es gar nicht mehr. Wahrscheinlich ist das Buch wegen des Konkurses (?) oder so untergegangen. Kann das sein?

      Ähm, ich traue es mir ja gar nicht sagen. Den ersten Band der Vollendet-Reihe habe ich wenige Monate darauf gelesen, und mein Hirn hat trotzdem keine Verbindung hergestellt. Aber die Grundidee ist genau die gleiche, wenn auch auf andere Weise erzählt. Und bei Shusterman gibt's mehr Action, dafür ist Holmqvist 'realistischer'.

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    3. Fahrenheit Verlag sagt mir gar nichts ...? Das kann gut sein.

      "Und bei Shusterman gibt's mehr Action, dafür ist Holmqvist 'realistischer'. " Schön beschrieben, so könnte man das sagen :) Hier ist das Thema näher dran an unserer Gesellschaft wie es schon ist.

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