Dienstag, 18. August 2020

Rezension zu Cryptos von Ursula Poznanski

Rezension zu Cryptos von Ursula Poznanski


Wohin gehen wir, wenn wir nirgendwo mehr hinkönnen?

Kerrybrook ist Janas Lieblingswelt: Ein idyllisches Fischerdorf mit viel Grün und geduckten Häuschen. Es gibt Schafe, gemütliche Pubs und vom Meer her weht ein kühler Wind. Manchmal lässt Jana es regnen. Meistens dann, wenn es an ihrem Arbeitsplatz mal wieder so heiß ist, dass man kaum mehr atmen kann.
Jana ist Weltendesignerin. An ihrer Designstation entstehen alternative Realitäten, die sich so echt anfühlen wie das reale Leben: Fantasyländer, Urzeitkontinente, längst zerstörte Städte. Aber dann passiert ausgerechnet in Kerrybrook, der friedlichsten Welt von allen, ein spektakuläres Verbrechen. Und Jana ist gezwungen zu handeln …

Extrem spannend – beklemmend aktuell!



Meine Meinung

Die Idee dahinter ist nicht neu: virtuelle Welten in der Zukunft, in die man sich mittels einem Ganzkörperanzugs und Helm einloggt und tatsächlich darin "lebt", ein Traum für so manchen Nerd und leider die Zukunft für die Menschen in Ursula Poznanskis neuem Thriller.

Da die Natur auf der Erde sich aufgrund Klimaveränderungen stark verändert hat, ist ein Leben in vielen Gebieten kaum möglich. Die Lösung: viele Menschen bzw. deren Körpern lagern sozusagen in Wohndepots, versorgt durch Nährlösungen, und verbringen ihre Zeit in diesen virtuellen Welten. Hier könne sie ihr Aussehen verändern, ihren Status, Zugänge zu anderen Welten erspielen und die unterschiedlichsten Leben ausprobieren. Nach dem Schlafen wachen sie allerdings in ihren Kammern auf und müssen immerhin 40 Minuten in der Realität verbringen. Ein grausames "Erwachen" für viele, da die Illusion um vielfaches angenehmer ist.

Auch das ist ein Grund, warum die Menschen keine Lust mehr auf die Realität haben. Hier sind sie ungelenker, behäbiger und - nennen wir es ruhig beim Namen - hässlicher.
Zitat Seite 24


Die 17jährige Jana gehört zu den wenigen, die noch hauptsächlich in der Realität leben. Sie arbeitet als "Weltenschöpferin" und konstruiert an Computern Schauplätze, in die die Menschen sich einloggen können.

Einerseits eine sehr faszinierende Vorstellung, je nach Lust und Laune zwischen Welten zu wechseln, ob idyllisches Landleben, historisches Setting wie bei Jane Austen oder aufregende Begegnungen mit Dinosauriern in der Kreidezeit ... für jeden Geschmack ist etwas dabei! Aber auch Kriegs- und Zombieszenarien stehen zur Auswahl, doch nicht jeder wird zu jeder Welt zugelassen. Es gibt Persönlichkeitsprofile, die den Zutritt nur jenen gewähren, die vom Charakter in diese Welten passen. 
Durch diese Profile wird aber alles beeinflusst, was das persönliche Schicksal betrifft, denn Menschen, die gefallen daran finden, mit Waffen durch die Gegend zu ballern, bekommen natürlich keinen Pass in eine friedfertige Welt, haben kaum eine Chance, den Wohndepots zu entkommen und erhalten mit Sicherheit kein Fortpflanzungszertifikat. 
Eigentlich eine gute Sache: so sind die gefährlichen Leute gut "weggeräumt", oder? 

Dieses Flüchten in fremde Welten ist ja jetzt schon bei vielen beliebt und auch ich hab jahrelang mmorpgs gespielt, war also virtuell mit anderen unterwegs, als Elfe oder Zauberer, hab Missionen erfüllt und Schlachten geschlagen - was macht den Reiz daran aus? Und warum finden wir nicht das, was wir dort suchen, hier, in der Realität? 

... dass nur rumhängen den Menschen nicht genügt, so schön kann die Umgebung gar nicht sein. Sie wollen herausgefordert werden, sich mit anderen messen. Probleme bewältigen und einen Lebenssinn finden, [...]
Zitat Seite 13

Das schnöde vor sich hinleben ist eben doch auch mal ausgereizt - oder woran liegt es, dass vielen langweilig wird wenn alles gut läuft?
Eine Frage, die ich mal so stehen lasse, da ich sonst zu ausschweifend werde ;)

Die Autorin hält sich ja meist nicht mit langen Vorerklärungen auf, und so ist es auch hier. Am Anfang taucht man jedenfalls direkt ins Geschehen ein, als Jana seltsame Unstimmigkeiten in einer ihrer Welten entdeckt. Sie will dem Problem selbst auf die Spur kommen - schließlich ist sie für diese Welt verantwortlich. Doch welche Hintergründe sich hier verbergen hat größere Dimensionen als sie ahnt.
Die Erklärungen kommen nach und nach hinzu, ohne dass man viel rätseln muss; es ist alles sehr gut verständlich, so dass man auch ohne Vorkenntnisse sehr gut mitkommt.

Manchmal wiederholt sich die Autorin mit den Gedanken von Jana, was man ruhig hätte streichen können, dafür fand ich die Erlebnisse in den Welten absolut gelungen! Ich hatte dabei immer wieder "Erebos 1" im Hinterkopf - bei dem Buch fand ich die Beschreibungen immer sehr fad und farblos, das hat sich hier gewandelt und gibt ein tolles Bild.
Etwas viel wurde es mir dann irgendwann doch mit den virtuellen Reisen, aber dann gabs genau zum richtigen Zeitpunkt einen Wechsel. Leider war eine Überraschung mir schon zu offensichtlich, dafür hat sich wieder etwas anderes neu ergeben, was die Spannung grade im letzten Drittel perfekt erhöht hat.

Die Charaktere fand ich teilweise richtig gelungen, weil sie nicht so das typische Bild haben, was man grad in der Jugendliteratur oft antrifft.

Ein wirklich guter Cyberspace Thriller mit aktuellen Themen: nämlich die Überlebensstrategien mit all ihren Konsequenzen durch die Ressourcenknappheit, bedingt durch Klimaveränderung und Überbevölkerung.


Meine Bewertung

http://blog4aleshanee.blogspot.de/search/label/4%20Sonnen


Ebenfalls rezensiert von




 

Cryptos

von Ursula Poznanski

Genre Cyberspace Thriller
empfohlen ab 14 Jahren

Verlag Loewe --- Seitenzahl 444
1. Auflage August 2020
 





Von der Autorin ebenfalls gelesen:

Spannender Jugendthriller in Siena, Italien: Aquila 
Krimireihe: Beatrice Kaspary (1) Fünf
Jugendthriller mit dem Thema Drohnen/Überwachung: Elanus
Dystopie Trilogie: Eleria (1) Die Verratenen
Jugendthriller, die Gefahr der Vernetzung: Erebos 2 
Thriller, die Suche nach der Wahrheit: Fremd
Jugendthriller, heiligt der Zweck die Mittel?: Layers
Jugendthriller, Rollenspielevent artet zum Horrorszenario aus: Saeculum 
Jugendthriller, Beklemmende Vorkommnisse in einem Reha-Zentrum: Thalamus

12 Kommentare:

  1. Liebe Aleshanee,
    ich mochte Erebos sehr und war hier jetzt etwas skeptisch, weil es doch um fremde Welten geht und ich ja kein Sci-Fi leser bin. Aber deine Beschreibung hört sich interessant an und weckt nun doch die Lust das Buch zu lesen. Ich finde immer, dass es Poznanski bei ihren Jugendbüchern an den Charakteren mangelt...sie haben mir zu wenig Tiefe. Ist das hier besser?
    Nun werde ich mir die anderen verlinkten rezensionen man genaue ansehen...=)
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Hi Martina!
      Hm, Sci Fi ist ja sehr breit gefächert ... hier gehts um Spielewelten und ich fand das schon sehr interessant, was der Autorin dazu alles eingefallen ist. Für mich jetzt nix neues, aber in der Handlung eben schön integriert :)

      Die Tiefe der Charaktere - ich fand sie gut greifbar, aber es zu sehr gehts da nicht ins Eingemachte, aber darum geht es ja hier auch nicht. Der Fokus liegt in den Hintergründen, die zum Nachdenken anregen und im spannenden und abwechslungsreichen Verlauf der Handlung. Die Figuren fand ich echt gut, aber sehr in die Tiefe gehts da nicht ;)

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  2. Hallo Aleshanee,

    hm, erinnert mich etwas an den Film mit Bruce Willis....Surrogates – Mein zweites Ich....

    Liege ich da richtig?

    LG..Karin..

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    1. Nein, eigentlich nicht. Nur dass die Leute hier halt auch in diesen "Wohnanlagen" untergebracht sind, aber sie sind ja hier virtuell unterwegs und ein Vergleich funktioniert hier nicht so richtig, soweit ich mich an den Film erinnere.

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  3. Hallo Aleshanee,

    wieder sehr schön rezensiert und ich habe nun noch mehr Lust auf das Buch. Mich reizt hier besonders dieser Weltenentwurf bzw. die Entwürfe. Das ist bestimmt nach meinem Geschmack.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Dankeschön Nicole! Es bietet auf jeden Fall eine Menge Abwechslung und übt auch einen gewissen Reiz aus - verschiedene Welten zu sehen bzw. auszuprobieren hat schon was ^^

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  4. Hallo Aleshanee!
    Erstaunlich, aber von Poznanski habe ich noch kein einziges Buch gelesen, obgleich mich das ein oder andere mal angelächelt hat. Mal schauen, ob es irgendwann ausreichend sympatisch lächelt, dass ich es mir vornehme :D
    Viele Grüße
    Frank

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    1. Da bin ich dann gespannt, welches dein Wohlwollen findet, so dass du es lesen magst :D

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  5. hallöchen Aleshanee,

    wie oft habe ich an "Ready Player One" oder gar "Tron" gedacht als mir "Cryptos" auf Social Media begegnet ist.
    Langsam denke ich wirklich, dass diese Art des Lebens gar nicht zu unabwägig ist.

    Für mich persönlich ein Gedanke, den ich nicht durchspielen möchte.
    Aber das nur am Rande.

    Mir gefallen deine Denkanstöße, dass Beispielsweise die "problematischen" Menschen weggeräumt werden.
    Ich glaube, dass das Buch bei vielen LeserInnen nachklingen wird.

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Dankeschön Tina, ja, solche Denkanstöße bieten ja Dystopien oder solche SciFi Szenarien immer ;)
      Ob es funktionieren würde, das glaub ich nicht - im Detail gibt es da zu viele Unwägbarkeiten, die nicht machbar erscheinen, zumindest mir nicht ... Die Nahrungsversorgung ist ja hier auch nicht wirklich geklärt, zum Beispiel.

      "Problematische" Menschen wegräumen gibt es ja schon immer, im kleinen wie im großen aus den unterschiedlichsten Beweggründen, leider.
      Bei "Die Entbehrlichen" von Ninni Holmquivst war es ähnlich, wenn auch ganz anders aufgezogen, mit älteren Menschen die zu wenig beitragen, laut den aufgestellten Regeln.
      Oder bei Neal Shustermans Vollendet Trilogie, bei dem es um die Jugendlichen geht, die vermutlich keine "guten Bürger" werden

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  6. Hallo Alex,

    ich habe das Buch auch gerade gelesen und die Idee und das Setting gefielen mir ebenfalls gut. Allerdings fehlte mir der gewisse Nervenkitzel und erst zum Ende hin kam für mich mehr Spannung auf. Nichtsdestotrotz liest sich das Buch zügig und es konnte mich gut unterhalten. Vor allem regt es zum Nachdenken an, dank den gewählten Themen.

    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. Da hast du recht, "Nervenkitzel" kam erst am Ende auf ... die Handlung an sich hat halt von den verschiedenen Eindrücken der Welten gelebt, das war für mich auch ein bisschen wenig, aber wie du schon sagst, trotzdem sehr unterhaltsam.
      Länger hätte das Welten springen allerdings nicht dauern dürfen, irgendwann war da auch die Luft raus :D

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