Freitag, 27. Juli 2018

Rezension: Der Circle von Dave Eggers

Der Circle

von Dave Eggers

Genre: Dystopie / Science Fiction
Setting: Kalifornien / USA
Im Original "The Circle"
übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Verlag: KiWi
Seitenzahl: 560
Taschenbuch: 10,99 €
Ebook: 9,99 €

1. Auflage: Okt 2013




Klappentext
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Huxleys schöne neue Welt reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim "Circle", einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz - so ein Ziel der "weisen drei Männer", die den Konzern leiten - wird die Welt eine bessere. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterne-Köche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. 
Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles ...


Meine Meinung
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Als erstes muss ich ganz kurz auf das Cover eingehen, das mit der Schlichtheit und dem Firmenlogo des "Circles" eine gute Wahl getroffen hat, die Farbe aber einem deart ins Auge sticht, dass man es kaum anschauen kann.
Aber man soll ja nicht das Innere nach dem Äußeren beurteilen - übrigens habe ich mir direkt nach dem Lesen auch die Verfilmung dieser Geschichte angeschaut, bei der einiges an der Umsetzung besser war, vieles aber leider zwecks der Kürzungen unter den Teppich gekehrt wurde. Die Bewertung dazu fällt ähnlich aus, nur aus anderen Gründen.

Wir befinden uns mit der Protagonistin Mae Holland in Kalifornien. Sie bekommt durch ihre Freundin Annie einen der begehrtesten Arbeitsplätze beim Circle (wenn man hier übrigens schon das englische Wort beim Titel übernimmt, sollte man auch "the" davorsetzen) und kann ihr Glück kaum fassen. Ja sie ist schier überwältigt von den vielen Möglichkeiten, die eine weltweite Vernetzung bieten und vor allem die Transparenz und das Weitergeben von Wissen. Das Konzept der Firma ist in einigen Teilen ja auch sehr auf die Mitarbeiter zugeschnitten und bietet eigentlich alles, was das Herz begehrt, ein Rundum Programm mit allem was man braucht plus Freizeitaktivitäten und Wochenendpartys - so dass man eigentlich ein Leben außerhalb des Circles gar nicht mehr nötig hätte - oder?
Jetzt hat der Autor die liebe Mae mit ihren 24 Jahren wirklich extrem naiv dargestellt, ich würde sogar sagen: dumm. Das hat mich eine zeitlang ein bisschen geärgert, wobei ich mittlerweile zu der Auffassung gelangt bin: vielleicht hat er das extra so ins Extreme gezogen, um auch wirklich JEDEM klarzumachen, was er mit diesem Buch aussagen möchte. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, gerade weil Mae so doof ist und man denken könnte, nur "solche Menschen" lassen sich so einfach einer Gehirnwäsche unterziehen.
Wir alle, also Menschen an sich, sind beeinflussbar und lassen uns leicht lenken, überzeugen, wenn der richtige Ansatz da ist und es uns etwas gibt, was uns fehlt.

Ich denke, deshalb kommt überhaupt alles, was er hier beschreibt, sehr überzogen vor, seien es die Charaktere, aber auch das Zukunftsszenario dieser alles registrierenden und überwachenden Präsenz des "Circles", das an sich gar nicht so weit hergeholt scheint. Vieles davon kann man schon jetzt beobachten und Dave Eggers hat hier so unendlich viele Ansätze und Umsetzungen angesprochen, die möglich sind, dass ich hier nur auf einige eingehen werde.

"Würden Sie also ganz allgemein sagen, dass Sie sich anders verhalten,
wenn Sie wissen, dass Sie beobachtet würden?" S. 320 

Na klar, wird jeder sagen. Es geht bei dem Zitat im Buch darum, etwas verbotenes zu tun oder nicht. Das Abhalten von illegalen Handlungen: an sich ein guter Vorsatz. Keine kriminellen Handlungen mehr, wenn jeder weiß, dass er beobachtet wird: schöne heile Welt. Aber immer und überall beobachtet werden -  wer würde das wollen?

Die Gehirnwäsche, die Mae Holland erlebt, seit sie beim Circle arbeitet, kann man sehr schön verfolgen. Sie wird langsam herangeführt und immer tiefer hineingezogen, dabei an ihr "minderes" Selbstwertgefühl appelliert und gleichzeitig an ihren Egoismus, nicht alles für sich zu behalten. Teilzunehmen - und vor allem andere teilnehmen zu lassen - an allem was sie denkt und tut. Privatsphäre? Wozu, wieso soll man anderen sein Wissen und seine Erlebnisse vorenthalten? Hat nicht jeder ein Recht darauf zu erfahren, welche Hobbys man hat, wo man im Urlaub ist, was man einkauft ... ja, und natürlich interessiert das ja schließlich auch den Rest der Welt, oder?
Klicks, Smileys, Daumen hoch, alle Welt zeigt wie wichtig jeder Post, jeder Tweet, jede Meinung ist und das ist im Endeffekt ja auch das, was zählt. Die realen sozialen Kontakte haben keinen großen Stellenwert mehr, man wird ja schließlich von so vielen fremden Freunden auf der ganzen Welt gesehen und gemocht, oder?
Ganz bezeichnend fand ich hier auch, wie enttäuschend und vorwurfsvoll reagiert wird, wenn nicht prompt auf eine Email oder ähnliches reagiert wird. Ein quit pro quo gefordert wird für jedes Like, das man gibt.

Die Handlung bezieht sich im Grunde darauf, wie spielerisch so etwas seinen Anfang nimmt und wie schnell und enger der Kreis sich zieht. Es gibt natürlich auch positive Ansätze in dem ganzen die tatsächlich sinnvoll erscheinen. Das Vernetzen an sich hat durchaus Züge, die auch ich gut finde, aber genau da setzt es an und vor allem setzt sich fort, wenn plötzlich die negativen Aspekte überwiegen.
Der "Circle" nimmt sich dementsprechend die Themen vor, die allen Menschen am Herzen liegen:
Die Sicherheit der Kinder, die Verbrechensbekämpfung, die Liebe, und der Wunsch, "gesehen" und akzeptiert zu werden - hier natürlich á la Ranking. Wer hat die meisten Klicks und wie hoch ist mein Engagement gegenüber anderen: alles öffentlich einsehbar, na klar. Man will ja zeigen wie toll und engagiert man ist.

Mercer, Maes Exfreund, ist eigentlich der einzige Charakter, der mir sympathisch war, aber selbst er wird etwas seltsam dargestellt, wie eigentlich alle Figuren. Auch der mysteriöse Freund, der auch im Klappentext erwähnt wird, aber hier möchte ich nicht spoilern.

Wie viel wissen will ich denn in der Öffentlichkeit preisgeben? In der Familie, bei Freunden, bei Bekannten, im Internet ... gibt es hier Grenzen? Hat jeder das Recht auf die uneingeschränkte Wahrheit oder hab ich das Recht auf Privatsphäre? Muss ich alles wissen über mir wildfremde Menschen oder sollte ich nicht lieber denjenigen Menschen näher kommen, vertrauter werden, die mir wirklich nahestehen?

"Kein Mensch braucht diese Menge an Kontakt, die ihr ermöglicht. Das verbessert nichts.
Es ist nicht gesund. Es ist wie Junkfood." S. 156

Es ist ein wirklich sehr weit umfassendes Thema, über das ich sicher noch länger nachdenken werde und einige der Gedankengänge des Autors sicher (leider) in der Zukunft zum Problem werden könnten. Denn es gibt solche Menschen wie Mae und den vielen Massen, die den "Circle" in dieser Geschichte unterstützen und bejubeln, weil sie das naheliegende aus den Augen verloren haben.
Auch wenn es mir in der Umsetzung nicht wirklich gefallen hat bin ich doch froh, das Buch gelesen zu haben, denn manche angesprochene Dinge haben mich dazu gebracht, auch über mein eigenes Verhalten nachzudenken, was meinen Umgang mit den Social Media Kanälen betrifft. 


Bewertung
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http://blog4aleshanee.blogspot.de/search/label/3%2F4%20Sonnen

© Aleshanee


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Über den Autor: Dave Eggers, geboren 1970, ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren. Sein Werk wurde mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet. Sein Roman »Der Circle« war weltweit ein Bestseller. Der Roman »Ein Hologramm für den König« war nominiert für den National Book Award, für »Zeitoun« wurde ihm u.a. der American Book Award und der Albatros-Preis der Günter-Grass-Stiftung verliehen. Eggers ist Gründer und Herausgeber von McSweeney’s, einem unabhängigen Verlag mit Sitz in San Francisco. 2002 rief er ein gemeinnütziges Schreib- und Förderzentrum für Jugendliche ins Leben, 826 Valencia, das heute Ableger in mehreren amerikanischen Städten hat. Eggers stammt aus Chicago und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Nordkalifornien.
Quelle: KiWi Verlag

Kommentare:

  1. Ein Buch, welches schon länegr auf meiner Wunschliste steht, sowas lese ich ja unheimlich gerne ... allerdings steht es bei mir in Englisch drauf ^^

    Mal sehen wie ich es am Ende finden werde ;)

    Liebste Grüße
    Vivka

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    1. Ich denke, dass die Thematik auf jeden Fall interessant ist und sie zeigt, wie schnell man sich auf "neues" einlässt, auch wenn man eigentlich vorher ganz anders gedacht hat.
      Aber manches wirkt eben doch sehr naiv, ich bin jedenfalls gespannt, was du nach dem Lesen dazu sagen wirst ;)

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  2. Hallo Aleshanee,

    ich kann leider deine Bewertung nicht sehen. Aber wenn ich es inhaltlich bewerte, was du geschrieben hast, sehe ich, dass wir mit unseren Meinungen ziemlich übereinstimmen. Ich fand das Buch interessant, doch die Protagonistin war auch mir zu naiv, zu überzogen. Ich hätte mir für dieses Thema mehr Tiefe gewünscht.
    Falls du magst, kanns du bei mir HIER mal schauen. :-)
    GlG, monerl

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    1. 3.5 Sterne sinds geworden - kannst du das Bild nicht sehen? Das ist komsich?! Per Handy oder per PC?

      Ja, ich denke, da haben wir eine ziemlich ähnliche Meinung :)

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  3. Hallo,
    ich fand das Buch total gruselig. Ich finde solche Bücher insgesamt gruselig, auch 1984 oder Brave New World. Deshalb hat's mich gefreut, dass es mal wieder so eine Dystopie gibt und nicht immer nur die Jugenddystopien :)
    Lg Kerstin

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    1. Das ist auch eine gruselige Vorstellung, vor allem wenn man sieht, wie sich langsam und stetig diese Überzeugung einschleicht. Mae wird ja recht doof dargestellt, teilweise, das hätte er ruhig noch etwas kontroverser darstellen können. Eben wie jemand, der eigentlich nicht so leicht zu überzeugen ist, dann doch "umgedreht" werden kann. Auch wenn sie sich anfangs ja etwas sträubt, geht es ja doch relativ leicht.

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  4. Der Circle hat mir vor 2 Jahren meine Mutter gegeben, mit der Hoffnung, dass ich mich danach weniger auf Social Media herumtreibe :) Und tatsächlich hat mich das Buch damals total umgehauen, ich fand es richtig emotional belastend, bis zu dem Punkt, dass ich Lesepausen einlegen musste, um das zu verdauen. Heute habe ich genug andere Bücher gelesen in die Richtung, dass es mich nicht mehr so schocken könnte. Doch was mich so gefesselt hat, war wie sehr ich unsere Welt im Circle wiedererkennen konnte. Mir hat ganz besonders gefallen, dass es keine typische Dystopie Geschichte ist, bei der klar ist, dass die Entwicklungen schlecht sind und dagegen gekämpft wird - und dazu trägt definitiv Maes Sicht bei, mit der sie alles hinnimmt und nicht in Frage stellt. Dieses Naive fand ich persönlich gerade gut, denn ich war selbst bis zum Ende hin- und hergerissen. Vernetzung und Transparenz haben ja tatsächlich viele positive Auswirkungen, gerade was die Sicherheit und die Wissenschaft betrifft (und in einem gewissen Sinne auch die Gerechtigkeit), deshalb hat mich Mercers Story wiederum so schockiert. Ich fand es gerade gut, dass die kritischen Figuren oder die Figuren, die sich dem allen entziehen, die Nebenfiguren waren, während wir alles aus der Sicht von jemandem erleben, der das Negative nicht sehen kann oder will. Deshalb war das Buch wie ein moralischer Konflikt für mich. Vielleicht sollte ich es mal wieder lesen ;)

    Übrigens ein anderes Buch in die Richtung, das ich sehr mochte, ist Zero von Marc Elsner. Das ist etwas extremer und definitiv spannender, was die Handlung betrifft (ist eben ein Thriller), doch es geht auch darum, was wir alles über uns preisgeben. Kann ich nur empfehlen!

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    1. Also so emotional belastet hat es mich eigentlich nicht. Ich hab zwar gerade was die Entwicklung von Social Media betrifft noch nicht so viel gelesen, mir ist das ganze aber durchaus bewusst.
      Die Naivität von Mae konnte ich persönlich gerade deshalb auch nicht so gut nachvollziehen. Gut fand ich aber ebenfalls, dass die Themen Sicherheit so explizit angesprochen wurden: klar gäbe es da viele Möglichkeiten, aber ich da doch eher ein Mensch, der nicht stigmatisieren will und Überwachung finde ich ganz schrecklich. Deshalb wäre das von grundauf keine Option für mich (und für die Gesellschaft). Da überwiegt mir zu viel das negative und setzt an einem ganz falschen Punkt an.
      Aber es ist ein wichtiges Thema und trotz meiner Kritik fand ich es gut umgesetzt und zeigt sehr deutlich, welche Richtung das ganze nehmen kann.

      Zero hab ich auch gelesen, ist allerdings schon länger her. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr an den Inhalt erinnern, nur, dass ich es gut fand ;)

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  5. Hey,

    Eine interessante Meinung zum Buch. Das Thema finde ich definitiv wichtig und ich habe auch andere Bücher, wie Zero oder QualitLand gelesen, die ja in eine ähnliche Richtung gehen, gelesen. The Circle habe ich allerdings angebrochen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Mae extra so naiv ist, aber ich konnte das nicht mehr ertragen. Das hat mich in den Wahnsinn getrieben und als sie den Biotracker einfach so geschluckt hat, war für mich Schluss. Umso erschreckender fand ich, dass einige meiner Freunde und Bekannten wirklich einfach so so einen Biotracker schlucken würden, der alles überwacht und ihnen dann auch erzählt wie viel Kalorien sie noch essen dürfen... Ich mag Technik und probiere auch ggerne einiges aus, aber das würde mir definitiv zu weit gehen...

    Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag Abend.
    LG, Moni

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    1. Hi Moni! "Zero" hab ich auch gelesen, das ist aber schon eine Weile her - ich hätte jetzt ehrlich gesagt gar nicht mehr gewusst, um was es da geht ^^

      Ja, Mae war schon sehr schwer auszuhalten, das Schlimme daran fine ich aber eher, dass es solche Menschen tatsächlich gibt!
      Wie du das schon sagst, mit deinen Freunden, ich denke, da gäbe es viele die die Idee cool finden, aber vielleicht eben nicht weiterdenken, inwieweit da "jemand" in die persönlichen Dinge eingreift und mich damit dann schließlch auch manipulieren kann.

      Ich nutze Technik natürlich auch, kann man sich auch gar nicht mehr wegdenken, aber ich mag nur das nötigste. Ich bin eher ein Mensch, der lieber "back to the roots" gehen würde und ich finde die Szenarien, die in dem Buch angesprochen wurden, einfach nur gruselig!

      "Quality Land", davon hab ich auch schon gehört, war das denn gut?

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    2. Hey Aleshanee,

      Mir hat QualityLand richtig gut gefallen, aber ich steh auch auf Satire und schwarzen Humor. Wenn man das nicht mag, dann ist man bei Marc-Uwe Kling falsch.

      LG, Moni

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    3. oh, Satire und schwarzer Humor klingt gut! Dann werd ich das wohl doch mal auf die Wunschliste setzen :) Danke für die Rückmeldung! <3

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