Dienstag, 19. Juni 2018

Rezension: Bienensterben von Lisa O´Donnell

Bienensterben

von Lisa O´Donnell

Im Original: The Death of Bees
Taschenbuch - 12,99 €
übersetzt von Stefanie Jacobs
Genre: Gegenwartsliteratur
Setting: Glasgow / Schottland

Verlag: Dumont
Seitenzahl: 320
Klappenbroschur: 16,99 €
Ebook: 7,99 €

1. Auflage: Okt 2013





Verlagsinfo
 

Heiligabend in Glasgow: Die fünfzehnjährige Marnie und ihre kleine Schwester Nelly haben gerade ihre toten Eltern im Garten vergraben. Niemand sonst weiß, dass sie da liegen und wie sie dahin gekommen sind. Und die Geschwister werden es niemandem sagen. Irgendwie müssen sie jetzt allein über die Runden kommen, doch allzu viel Geld verdient Marnie als Gelegenheits-Dealerin nicht. So ist es ihnen ganz recht, als ihr alter Nachbar Lennie, stadtbekannter (vermeintlicher) Perversling, sich plötzlich für sie interessiert.
Lennie merkt bald, dass die Mädchen seine Hilfe brauchen. Er nimmt sich ihrer an und gibt ihnen so etwas wie ein Zuhause. Als die Leute jedoch beginnen, Fragen zu stellen, zeigen sich erste Risse in Marnies und Nellys Lügengebäude, und es kommen erschütternde Details aus ihrem Familienleben zum Vorschein, was ihre Lage nur noch komplizierter macht.

Mit schnörkelloser Präzision, großem Einfühlungsvermögen und finsterem Humor erzählt Lisa O’Donnell die verstörend komische Geschichte dreier verlorener Seelen, die für sich selbst keine Verantwortung tragen können, aber füreinander bedingungslos einstehen.


Meine Meinung
 

Ich weiß grade gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Ich hatte eher mit einer schwarzhumorigen Komödie gerechnet, was sie zum einen Teil auch ist, wobei ich stellenweise nicht wusste, ob ich tatsächlich lachen oder weinen sollte.

Erzählt wird aus drei verschiedenen Perspektiven:

Marnie ist 15 und denkt über sich selbst (Zitat auf Seite 12) "Zu jung zum Rauchen, zu jung zum Trinken und zu jung zum Ficken, aber wer sollte mich aufhalten?"
Sie ist sehr direkt in ihren Gedanken, mit denen sie sich dem Leser mitteilt, auch wenn sie selbst es gar nicht weiß. Sie verbarrikadiert alles hinter hohen Mauern, verdrängt was nur möglich ist, um ihr Leben auch nur einigermaßen erträglich zu machen.

Nelly ist 12 und ihre jüngere Schwester. Während Marnie sich jedoch ständig betäubt und seelische Schmerzen zufügt, um andere Schmerzen zu vergessen, flüchtet sich Nelly in eine absolut andere Welt. Sie redet wie eine Erwachsene, spielt Geige wie eine Virtuosin und biegt sich die Wirklichkeit so zurecht, wie sie sie gerade noch bewältigen kann.

Beide sind klug, gewitzt und wahre Überlebenskünstler, denn das Leben, das ihre Eltern ihnen geboten haben, hat ihnen nichts geschenkt. Alkohol, Drogen, sexuelle Ausschweifungen und Vernachlässigung, das klingt so leicht dahin geschrieben aber wenn man liest, wie Marnie in ihrer spöttischen, bitteren Ironie erzählt was alles abgelaufen ist und wie sie damit umgeht, trifft es mitten ins Herz.

Ins Herz trifft es auch Lennie, ihren Nachbarn. Einen älteren Mann, dessen Einsamkeit nur durch seinen Hund Bobby durchbrochen wird. Als er entdeckt dass die beiden Mädels plötzlich völlig alleine dastehen wird sein Beschützerinstinkt geweckt - und das Bedürftnis, das jeder in uns trägt: gebraucht zu werden.

Man muss hier wirklich auf die Feinheiten achten und zwischen den Zeilen lesen, denn auch wenn Marnie unverblümt und scheinbar ohne Gewissen vieles recht locker sieht, merkt man wohl wie ihr alles zuviel wird und wie sie sich danach sehnt, Menschen um sich zu haben die sich um sie kümmern, ihr Geborgenheit und Liebe schenken. Denen es wichtig ist, was sie tut.
Auch Nelly, bei der man noch schwerer hinter die Kulissen schauen kann, ist völlig überfordert und klammert sich an den einzigen Halt den sie in ihrem bisherigen Leben vor einem Absturz bewahrt hat: ihre große Schwester.
Lennie hingegen fühlt sich schuldig. Auch in seinem Leben lief nicht alles rund, aber im Herzen ist er ein guter Mensch und ein Segen für die beiden Mädchen.

Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen! Eine Katastrophe folgt der nächsten, ich war schockiert, bestürzt, hoffnungsvoll und gerührt, während diese drei Menschen alles versuchen, um das Leben in den Griff zu bekommen.
Die Kapitel sind sehr kurz und wechseln ständig zwischen den Charakteren ab - ein sehr guter Aufbau, weil man so auch öfters die Situationen aus den verschiedenen Sichtweisen erleben konnte. Es geht um Schuld, Scham, Verantwortung und Wiedergutmachung, um das Gefühl gebraucht zu werden, gesehen, angenommen, geliebt zu werden. Ohne dabei jedoch den anderen zu ersticken, sondern im die Luft zum Atmen, zum Leben zu lassen. Eben das, wonach sich jeder Mensch tief im Inneren sehnt.

Der Kern dabei war für mich auch die große Verantwortung die Eltern tragen, und warum manche das nicht können. Natürlich kommt hier die Frage nach der Schuld auf, doch die Autorin hat hier sehr schön gezeigt, dass man es sich damit oft zu leicht macht. Denn auch die Eltern hatten Eltern, unter denen sie aufgewachsen sind, und auch diese hatten Eltern, die ihnen ihren Stempel aufgedrückt haben. Es ist sehr schwierig, hier eine Grenze zu ziehen und obwohl ich hier natürlich die Eltern als Schuldige sehe (die wirklich bis ins letzte alles falsch gemacht haben), hatten sie durch ihre Vorgeschichten ebenfalls wenig Chancen, es anders, es besser zu machen.
Man kann nur hoffen, dass irgendwer mal diesen Kreislauf durchbricht, dass Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene auf Menschen treffen die ihnen helfen können und sie einen Weg finden lassen, der Hoffnung auf etwas besseres verspricht. Und nein, das ist nicht leicht und nicht jeder kann das.

Aber auch die Vorurteile werden thematisiert, gerade Jugendlichen gegenüber, denn auch wenn man oft denkt, wie schlimm und schlampig und aggressiv und respektlos sie sich aufführen, hinter jedem dieser Menschen steckt eine Vergangenheit die wir nicht kennen, steckt ein Leben mit dem sie leben müssen und man darf sich kein Urteil erlauben bevor man nicht weiß, was sie zu dem gemacht hat, der sie jetzt sind. Die Autorin hat eine sehr entwaffnende Art, die Situationen auf eine witzige, tiefgründige und nachdenklich machende Weise zu erzählen, die mich sehr beeindruckt hat.

Kinder sind sehr anpassungsfähig und lieben ihre Eltern, egal was sie tun oder nicht tun, aber sie bezahlen dafür mit einem seelischen Schaden, der selten zu heilen ist. Sie leben, natürlich, die Frage ist nur: wie.
Solche Narben spürt man ein Leben lang und man kann nur hoffen, dass sie darüber hinaus wachsen, mit Menschen, die sie unterstützen und ihnen zeigen, dass sie es wert sind.


Bewertung
 

Über die Autorin: Lisa O’Donnell wurde für ihr Drehbuch ›˜ e Wedding Gift‹ mit dem Screenwriting Prize ausgezeichnet. Für ihren Debütroman ›Bienensterben‹ (DuMont 2013) erhielt sie den Commonwealth Writers’ Prize. Lisa O’Donnell lebt in Schottland.
Quelle: Dumont Verlag

Kommentare:

  1. Hallo Alex,

    eine beeindruckende, berührende und wunderbar geschriebene Rezension. Das Buch subbt leider noch immer bei mir, obwohl ich es schon längst gelesen haben wollte...

    Ich bin durch Sharons Empfehlung auf das Buch aufmerksam geworden und musste es mir kaufen. Danke fürs Erinnern ^^

    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. Vielen Dank Uwe! <3 Diese Rezension war auch ehrlich gesagt nicht einfach zu schreiben - mir sind beim Lesen so viele Gedanken durch den Kopf gegangen und es weckt so viele Gefühle, das alles in Worte zu fassen war echt schwer. Aber ich hoffe, ich konnte meine Eindrücke rüberbringen. Ist mir ja anscheinend dann doch gelungen :D
      Ist ja immer schwierig einzuschätzen, man denkt sich ja auch viel beim Schreiben der eigenen Meinung, aber ob das bei den anderen dann auch so ankommt ist immer die Frage ;)

      Ich hoffe, du findest bald Zeit für das Buch!

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  2. Hallo Aleshanee,

    da kann ich mich Uwe nur anschließen: Eine sehr eindrückliche und ausführliche Rezension. Man merkt, wie sehr dich dieses Buch bewegt hat! Ich finde die Thematik interessant, aber auch schwer zu ertragen. Ich bin jetzt schon allein durch deine Beschreibungen berührt, ohne das Buch überhaupt gelesen zu haben.

    Liebe Grüße,
    Rubine

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    1. Vielen Dank! <3 Freut mich wenn ich das ein bisschen rüberbringen konnte. Das war wirklich kein einfaches Thema und deshalb gehe ich solchen Büchern meistens aus dem Weg.
      Aber manchmal springt mich auch so eins an und bisher passt mein Bauchgefühl meistens.

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  3. Liebe Alashanee,

    das klingt nach einem sehr außergewöhnlichem Buch! Wobei ich nicht sicher bin, ob es was für mich wäre. Hierzu müsste ich wirklich in die Leseprobe schauen. Kann man daraus schließen, ob einem der Schreibstil gefallen wird? Oftmals reicht mir der Ausschnitt nicht aus.
    Über dieses Buch wäre ich ohne dich nicht so einfach gestolpert. ;-)

    GlG, monerl

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    1. Ja, bei solchen Themen finde ich es immer etwas schwierig und ich lese sowas auch sehr selten. Aber wenn ich dann eins sehe, das mich dann doch mal anspricht, ist es meistens grade genau das richtige für mich.

      Schwierig ... ich denke, wenn du in die ersten Seiten reinliest, kannst du es schon relativ gut abschätzen. Die Perspektiven wechseln ja und jede der drei hat auch ihren eigenen "Stil". Vielleicht von jedem ein Kapitel lesen? Die sind sehr kurz.

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  4. Hallo Alex,
    ich hatte ja schon erwähnt, dass ich das Buch zwischenzeitlich hier mal liegen hatte, es aber nicht gelesen habe. Danke für diese intensiven Einblicke. Nun habe ich gerade mal reingelesen, der Schreibstil würde mir auf jeden Fall zusagen. Die Thematik finde ich auch interessant, auch wenn es wirklich nicht nach leichter Kost klingt. Wenn das Buch das nächste Mal hier einzieht, dann sicher nicht zum Verlosen.
    Lieben Gruß
    Anja

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    1. Nein, leicht ist es nicht. Aber durch die Sprache und die schnell wechselnden Perspektiven empfand ich es nicht so, dass es mich extrem runterzieht, auch wenn es mich natürlich sehr berührt hat. Ich hab ja immer etwas Angst dass ich beim Lesen in so eine Abwärtsspirale gerate und das war hier eben nicht der Fall. Das hat die Autorin wirklich gut hinbekommen.
      Einige Leser kamen ja mit dem Schreibstil gar nicht klar, zu ordinär, zu unecht ... aber ich fand es wirklich authentisch und überhaupt wurden einfach viele wichtige Themen angesprochen, über die man ruhig mal Nachdenken sollte.

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  5. Hey,

    eine schöne Rezension :) Ich bin ja durch dich auf das Buch aufmerksam geworden, sodass ich gespannt war, deine ausführliche Meinung dazu zu lesen... und sie macht auf jeden Fall neugierig auf "Bienensterben". Es klingt, als würden einige schwierige Themen behandelt werden, weshalb ich noch nicht sicher bin, ob das Buch wirklich etwas für mich ist, aber ich setze es mal auf die Merkliste. Manchmal bin ich in der Stimmung für schwere Kost.

    Hab einen schönen Tag!
    Liebe Grüße,
    Kerstin

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    1. Na da sind wir uns ja dann recht ähnlich :) Ich bin mir bei solchen Büchern bzw. Themen auch meist unsicher und lasse lieber die Finger davon. Aber manchmal ist da etwas, ein Cover, ein Klappentext, eine bestimmte Rezension ... die macht mich dann so neugierig bzw. springt mich dann so an, dass ich weiß: doch, das probier ich jetzt mal aus. Und meistens, zum Glück, hat mein Bauchgefühl dann Recht :)

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  6. Hey meine Liebe,

    das ist eine wirklich berührende Rezension und ich habe jetzt glatt etwas Angst vor der eigentliche Geschichte. ^^° Es scheint mir doch sehr schwieriger und bestürzende Kost zu sein, die ich tatsächlich nur bedingt lese. Dennoch klingt es auch nach so viel Gefühl, dass ich auf der anderen Seite auch neugierig darauf bin. Ich werde es mir auf alle Fälle mal näher anschauen.

    Liebe Grüße, Toni

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    1. Also einfach ist es nicht - aber "gefühlvoll" würde ich es jetzt auch nicht wirklich beschreiben. Der Stil ist schon eher derb und distanziert, aber dadurch eben auch sehr "echt". Man muss da schon teilweise genau hinhören und manchmal kommt es auch alles so direkt, dass man erstmal geschockt ist, bevor langsam das Gefühl und die Betroffenheit kommt.
      Ich fand es jedenfalls sehr sehr gut gemacht, vor allem da ich in dem Bereich sehr ungerne etwas lese. Aber zu dieser Geschichte hatte ich wohl das richtige Gefühl.

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  7. Hallo Aleshanee,

    ich freue mich sehr, dass dir das Buch gefallen hat! Für mich war's damals ein Zufallsfund und ich hätte niemals gedacht, dass so eine starke Geschichte hinter dem unscheinbaren Cover steckt. Sehr schöne Rezension!

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Dankeschön Nicole!
      Ich bin auch zufällig drüber gestolpert, hab es irgendwo gesehen und komischerweise hat mich das Cover irgendwie angesprochen. Ich hab das Gefühl, manche Bücher "rufen" einen ;)

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  8. Huhu Aleshanee,
    danke für diese wirklich gelungene Rezension. Ich habe einen tollen Einblick in die Geschichte und die emotionalen Anteile der vielschichtigen Themen bekommen. Nachdem ich deine Worte gelesen habe bin ich sicher, dass das Buch auf meiner Must Read Liste steht und ich habe Lust nun bald dazu zu greifen!
    Liebe Grüße, Petra

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    1. Vielen Dank Petra! Die Rezension war auch wirklich nicht einfach, aber es freut mich dass es mir gelungen ist, meine Eindrücke so gut rüber zu bringen :)

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  9. Vielen, vielen Dank für die tolle und mitreißende Rezension, welche das Buch sofort auf meine WL katapultierte. Vielleicht schaffe ich dieses Buch noch in mein Schottland-Special im September zu quetschen.

    Liebe Grüße aus Wien,
    Conny

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    1. Sehr gerne! Freut mich, dass ich dich neugierig machen konnte! Es ist schon wirklich sehr speziell geschrieben, aber das macht natürlich auch seinen Reiz aus. Und das Thema ist wirklich nicht leicht umzusetzen, aber das ist ihr auf ganz ungewöhnlich Art gelungen ;)

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