Samstag, 12. September 2020

Rezension zu Pepper-Man von Camilla Bruce

Rezension zu Pepper-Man von Camilla Bruce 


Wesen aus dem Wald – oder Wahnvorstellung einer Mörderin?
Geheimnisvoll, düster und faszinierend unheimlich: Grusel-Fantasy aus Norwegen für alle Fans von Tim Burton und Guillermo Del Toro

Dies ist die Geschichte der verstorbenen Cassandra Tipp. Cassandra war erfolgreiche Autorin, exzentrische Tante – und angeklagte Mörderin. Sie hinterließ ihren Nachfahren ein Buch, das ihre Geschichte erzählt. Eine Geschichte von Pepper-Man, dem Wesen aus dem Wald, das Cassandra beschützte; eine Geschichte von blutigen Nächten und magischen Geschenken; eine Geschichte von Ehemännern aus Zweigen und Steinen.
Und die Geschichte von Kindern, die im Wald verloren gingen.

Oder vielleicht doch eine Geschichte über ein kleines Mädchen, das im Schatten eines dunklen Waldes und furchtbarer Erinnerungen aufwuchs?

Es ist deine Entscheidung, ob du Cassandras düsterem Märchen glaubst. Denn was ist, wenn uns die Vernunft nur davor schützt, die Wahrheit zu sehen?



Die Gesellschaft drängt einen immer in die Richtung, die sie als normal und anständig und sicher betrachtet. Es war einfacher nachzugeben, fand ich, so zu tun, als wäre ich wie alle anderen.
Zitat Seite 138


Meine Meinung
☙ ☙ ☙ ☙ ☙ ☙ ☙ ☙

Der Klappenext hat mich hier sehr neugierig gemacht: düstere Wesen, Grusel-Fantasy und die Wälder Norwegens ... dazu dieses unheimliche Cover, in das ich ein unheimliches Märchen interpretiert habe - allerdings hat mich dann hier eine völlig andere Geschichte erwartet. 

Den Einstieg fand ich interessant, denn es ist ein Zeitungsausschnitt über das Verschwinden von Cassandra Tipp, sowie ihre Anweisungen zu ihrem Testament, in dem sie ihre Erben: ihre Nichte und ihren Neffen, auffordert, ein Manuskript zu lesen, bevor sie an ihren Nachlass kommen.
Dieses Manuskript ist ein Rückblick, die Erinnerung an ihre Kindheit, die geprägt ist von Einsamkeit, Abweisung und der Flucht aus der Realität.  
Was genau dahintersteckt, darauf möchte ich nicht zu sehr eingehen, da es spoilert. Man könnte es als magische, düstere Geschichte mit Fantasy Elementen sehen - aber dahinter gibt es noch eine andere Wahrheit, eine andere Sicht der Dinge - und genau vor diese Frage werden die Erben und auch die Leser gestellt: welche Version ist wahr?
Wer hier ein gespenstisches Märchen im momentan typischem Stil erwartet ist fehl am Platz, denn die Geister, die Cassandra seit ihrer Kindheit heimsuchen, sind beängstigend ernst. 

Das fällt auch recht schnell auf, denn kleine Details deuten bald darauf hin, was dem jungen Mädchen widerfährt. Man spürt einen schalen Beigeschmack durch diese wenigen, aber fast schon obszönen Beschreibungen kleiner Szenen und ich hatte oft ein sehr ungutes Gefühl beim Lesen.  Auch sonst ist der Schreibstil durchsetzt von Metaphern, die sehr deutlich darauf hinweisen, welch tristes und beängstigendes Leben Cassandra durchleiden muss. 
Es zeigt aber auch, welche Rafinessen der menschliche Geist imstande ist zu entwickeln, um dieser Hoffnungslosigkeit zu entfliehen. 

Ich bin wirklich komplett ahnungslos in dieses menschliche Drama eingetaucht, weil ich etwas völlig anderes erwartet hatte. Der Klappentext alleine ist viel kürzer als die Info, die ich oben eingefügt habe und die mittlerweile auch so auf den Internetseiten zu finden ist. Wenn ich gewusst hätte worum es ging - ich bin nicht sicher, ob ich es dann gelesen hätte.

Es geht um Missbrauch, Zurückweisung, Verdrängung, Vereinsamung und schließlich eine Welt, in der sich das kleine Mädchen seine Realität so zurechtbiegt, damit es eine Chance hat, zu überleben. Denn sie überlebt viele Jahre und wir begleiten sie in dem Manuskript bis zu ihrem mysteriösen Verschwinden. Ein ganzes Leben steckt in diesen 250 Seiten, recht kurz, aber gefühlt unendlich lange für einen Leidensweg, den jahrzehntelang niemand sehen wollte. 

Es zeigt auch sehr deutlich, dass "Wahrheit" aus verschiedenen Sichten unterschiedlich sein können. Ein unerschütterlicher Glaube lässt keine Lüge entstehen und wie sehr uns unser Geist auch täuschen mag, deshalb scheint es für uns nicht weniger real zu sein. 

Die Autorin hat hier ein sehr ernstes Thema auf eindringliche, ungewöhnliche, und dadurch auch tiefgehende Weise vermittelt, wodurch es sicher noch länger bei mir nachklingen wird. Als Leser wird man ja vor die Frage gestellt, ob man nun Cassandras "Märchen" glaubt oder eher die "Wahrheit" ihres Therapeuten - eine leider sehr klare Antwort für mich, die mir wieder zeigt, welcher Überlebenswille in Kindern steckt, was sie alles aushalten und vor allem, wie sie danach irgendwie (weiter)leben müssen. 
Der englische Originaltitel "You let me in" macht mir nach dem Lesen direkt eine Gänsehaut.

Wahrheit ist etwas Unbeständiges, nicht wahr? Sie ist subjektiv, verändert sich ständig, als wäre sie ein lebendiges Wesen.
Zitat Seite 135

Keine leichte Lektüre und schwer zu "bewerten". Zuerst wusste ich wirklich nicht wie ich hier Sterne vergeben soll, vor allem, da ich anfangs so überrascht war von der Thematik, die ich so nicht erwartet hatte. Jetzt, nachdem ich die Geschichte etwas sacken lassen habe, muss ich für die geniale Art die volle Punktzahl vergeben.
 


Meine Bewertung
☙ ☙ ☙ ☙ ☙ ☙ ☙ ☙

http://blog4aleshanee.blogspot.de/search/label/5%20Sonnen


Noch eine kleine Anmerkung - Spoiler! Zum Lesen bitte den Text markieren:
Ich mag ja Neal Shustermans Bücher sehr gerne und habe "Kompass ohne Norden" in der Hoffnung gelesen, etwas mehr Einblick in das Krankheitsbild von Psychosen zu bekommen - so sehr mich dieses enttäuscht hat, ist es hier umso verständlicher und eindringlicher dargestellt. Bei psychischen Krankheiten gibt es ja eine Vielzahl von Differenzierungen und ob das hier jetzt eine Psychose oder etwas anderes, das in die Richtung geht, weiß ich nicht ... jedenfalls wurde für mich hier sehr deutlich der "typische" Verdrängungsmechanismus aufgezeigt, den dieses verzweifelte Mädchen in eine Sichtweise rückt, mit der sie überleben kann. Für mich steht außer Frage, dass es hier um sexuellen und psychischen Missbrauch geht, was in sehr kleinen, aber deutlichen Details deutlich wird. In einigen englischen Rezensionen scheint das anders wahrgenommen zu werden, da hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich eine andere Geschichte gelesen habe. Vor allem, da es klar wird, wenn man den Namen "Pepper-Man" mit dem Geruch einer bestimmten Person aus ihrem Umfeld verbindet.
Spoiler Ende




Ebenfalls rezensiert von



Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
 Es gab diesbezüglich keinerlei Vorgaben und die Rezension 
spiegelt meine ganz persönliche Meinung wider.


 

Pepper-Man von Camilla Bruce


Genre Roman / Drama
Im Original You Let Me In / übersetzt von Carina Schnell
Verlag Knaur / Seitenzahl 250
1. Auflage September 2020

 

Kommentare:

  1. Hallo liebe Aleshanee,
    dieses Buch habe ich glaube ich schon bei deinen Neuerscheinungen bestaunt und umso gespannter war ich auf deine Meinung. Und ich bin froh deine Rezension gesehen zu haben. Ich werde das Buch zwar dennoch im Blick behalten, aber da dieses Buch scheinbar kein Buch "für zwischendurch" ist, werde ich es an einem Augenblick lesen, an dem ich keine Gedanken an andere Sachen verschwenden muss. Ich hoffe sehr, dass es mich durch die geniale Art auch so begeistern und überraschen kann.
    Dir wünsche ich noch ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße
    Emily von Mein Schreibtagebuch

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    1. Für zwischendurch würde ich das wirklich nicht empfehlen, trotz der Kürze, da sollte man schon in der richtigen Stimmung dafür sein.
      Vielen Dank fürs vorbeischauen und dir auch noch ein schönes Rest-Wochenende! ;)

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  2. Wow! Was für eine Rezension! Ich hatte ja auch schon mit Pepper-Man geliebäugelt. Aber ich fürchte: Jetzt muss ich es lesen.
    Ich freue mich, dass dir diese Geschichte so viel gegeben hat.

    Liebe Grüße
    Tanja

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    1. Dankeschön <3
      Das war wirklich mal bemerkenswert anders und eigentlich gehe ich solchen Themen ja aus dem Weg - aber das hier war so ungewöhnlich, gleichzeitig faszinierend und abstoßend, eine wirklich sehr aufwühlende Geschichte!
      Da bin ich echt gespannt was du dazu sagst. Die Empfindungen dazu sind ja sehr unterschiedlich

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  3. Huhu, da bin ich auch schon und zunächst liebsten Dank fürs verlinken <3

    Ich mochte den Einstieg sehr, ebenso das wir Einblick ins Testament bekommen und dann das Lebensmanuskript der Protagonistin zu lesen erhalten.

    Mich hat die Danksagung etwas irritiert, denn die Autorin skizziert einen guten Einblick, wozu ein Mensch fähig ist, wozu unser Gehirn fähig ist, wenn die Realität nicht zu ertragen ist. Ich finde den Originaltitel auch sehr eindringlich.

    Zunächst finde ich auch das die Seitenzahl für Leser:innen die die Geschichte nicht kennen vielleicht knapp klingen, aber ich finde es genau richtig und zu viel hätte es zerredet und dem ganzen die Ernsthaftigkeit genommen.

    Ich hoffe das weitere Bücher der Autorin folgen!

    Mukkelige Grüße (=

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    1. Die "wenige" Seitenzahl hat mich erst auch irritiert, bin ja doch meist etwas mehr an Seiten gewöhnt. Aber es war genau richtig und es wurde alles sehr eindringlich erzählt.
      Natürlich hätte man vielleicht noch etwas mehr über die Geschwister erfahren können zum Beispiel, aber ich denke, dass sie für Cassie eben auch so sehr "entfernt" waren, dass sie zu ihnen keine Verbindung aufbauen konnte und genau das spürt man auch in der Geschichte.

      Es hat mich jedenfalls ziemlich mitgenommen und ich denke, dass das noch einige Zeit nachwirken wird.

      Von der Autorin gibts ja noch einige Bücher, hoffe auch, dass davon noch mehr übersetzt wird.

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  4. Guten Morgen, Aleshanee,

    ahnungslos, ja, das trifft es. Anfangs liest es sich eher locker, leicht und mysteriös. Und nach und nach wird die Thematik des Romans greifbar. Die Autorin hat das Thema wirklich sehr genial umgesetzt. Anfangs bin ich auch etwas bei der Bewertung geschwankt, doch ich sehe es wie du, es hat 5 Sterne verdient. Allein die ungewöhnliche Herangehensweise an das Thema ist ja schon spektakulär!

    Liebe Grüße & einen schönen Tag,
    Nicole

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    1. Einerseits hätte ich es ja schon gerne vorher gewusst, auf was ich mich da einlasse - andererseits war der Effekt so natürlich umso größer.
      Und wie sie das gemacht hat ist wirklich echt genial gewesen. Das ist eine Geschichte die im Gedächtnis bleibt.

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  5. Huhu Aleshanee,

    deine Rezension ist wirklich hervorragend geschrieben! Ich habe beim Lesen direkt Gänsehaut bekommen.
    Ich wollte das Buch eigentlich zuerst auch lesen, weil ich wie du ein düsteres Märchen erwartet habe, aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich gerade die Nerven habe, mich damit auseinanderzusetzen. Es klingt aber auf jeden Fall nach einer berührenden, schockierenden Geschichte!

    Liebe Grüße
    Sofia Blog & Instagram

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    1. Vielen Dank Sofia <3
      Ja, ich denke, mal sollte es vorher wissen und einen Zeitpunkt abwarten, bei dem man sich auf so was einlassen kann. Aber wenn das okay ist, sollte man es versuchen, da es wirklich großartig umgesetzt ist!

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    2. Dann behalte ich das Buch mal im Hinterkopf und vielleicht möchte ich es ja im Winter lesen! ;)
      Während der kalten Jahreszeit habe ich irgendwie eher Lust auf düstere Geschichten. :D

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